Trotz Pannen und Sandpisten Lette skatet vom Nordkap bis Gibraltar

Karis Bardelis mag die Natur, und er mag Superlative. Jetzt legte er auf Inlineskates 6200 Kilometer zurück, vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt Europas. Sein großer Wunsch ist ein Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.

BOB

Von Hiltrud Bontrup


Riga - Der letzte Tag begann mit einer Krise. Karlis Bardelis konnte das Lied nicht finden. Minutenlang suchte er verzweifelt auf seinem Smartphone nach Nick Caves Ballade "Into My Arms". Damit hatte er jeden Tag begonnen, damit musste auch der letzte Tag beginnen. Der Song eignet sich nicht, um einem Beine zu machen, er stimmt eher meditativ. Für Karlis genau richtig, um seinen Rhythmus zu finden.

Schwung für Schwung, Atemzug für Atemzug - wie ein Langläufer hat der Lette auf seinen Inline-Skates 6197 Kilometer zurückgelegt, in 60 Tagen vom Nordkap über Europas südlichsten Punkt Tarifa bis nach Gibraltar. Der 28-Jährige hofft auf einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde, mit der längsten Tour auf Inline-Skates. Auf seinem Weg reiste er durch neun Länder: Norwegen, Finnland, Schweden, Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Frankreich und Spanien.

"Grenzen habe ich nie gesehen. Aber ich habe gehört, dass sie existieren - in den Köpfen mancher Leute", sagte Bardelis vor der Tour im Juli bei einem Interview im lettischen Fernsehen. Er zitierte damit den norwegischen Abenteurer Thor Heyerdahl, der große Expeditionen unternahm und auf Nachbauten historischer Boote über die Ozeane schipperte. Auch Bardelis setze sich keine Grenzen, heißt es in seinem Blog boredofborders.com. "Das Einzige, worum es geht, sind die Freiheit und die Straße." Er suche Abenteuer und Entdeckungen, wolle die Welt erleben wie ein Kind.

Und das bekam er. Mit durchschnittlich 17 km/h rollte er durch Europa, wenn es bergab ging auch mal mit 70 km/h. Doch es gab auch steinige, nicht asphaltierte Straßen in Schweden, auf denen Karlis in seinen Skates nur stapfen und stolpern konnte. Er stürzte und zerbrach einen seiner Stöcke - zum Glück hatte er Ersatz im Gepäck. Auch seine Nordic Skates brauchten Ersatzräder. Die sind größer als bei gewöhnlichen Inlinern, das ganze Gerät erinnert an Langlauf-Ski.

Unterwegs mit Multimedia-Experten

Ein Großteil der Ausstattung kam von Sponsoren. Sie versorgten Bardelis unter anderem mit Getränken, Kamera und GPS-Uhr. Dazu begleitete ihn ein Team aus Projektmanagerin, Kameramann, Filmregisseurin und Social-Media-Experten. "Wir kennen uns schon seit der Kindheit", sagt Bardelis. "Deshalb hat es wunderbar funktioniert. Wir haben sogar zu fünft im Wohnmobil geschlafen, ohne aneinanderzugeraten."

Weniger engagiert als Freunde und Sponsoren zeigten sich dagegen die Fans. Noch vier Tage läuft seine Crowdfunding-Kampagne, "als Zuschuss für Reparaturen unseres Wohnmobils, für Campingplatzgebühren und Gas". Bis zum Schluss der Tour kamen nur etwa 530 Euro zusammen - ein Fünftel der gewünschten Summe.

Dabei haben Bardelis und sein Team viel Mühe in das Blog gesteckt, das diese Reise begleitete. Karten zeigten die Tagesetappen, Statistiken Distanzen und Kalorienverbrauch, witzige Filme präsentierten den Skater von seiner selbstironischen Seite, und Fotos dokumentierten Schlüsselmomente. "Vor allem die Pyrenäen-Überquerung war ein großartiger Moment", sagt Bardelis. Müde sei er nicht, im Gegenteil. "Die verschiedenen Landschaften, die Menschen, ich fühle mich jetzt, als seien meine Batterien voll aufgeladen."

Sobald er seine Sachen gepackt hat, fährt er nach Berlin zu Freunden. "Ich freue mich auf das Feld am Tempelhofer Flughafen. Da kann ich stundenlang skaten!" Die Straßen in Deutschland fand er auf seinem Trip weniger attraktiv. "Deutsche Autofahrer haben es sehr eilig", heißt es im Blog. Die Fahrradwege, auf die er sich flüchtete, endeten dafür gern mal als Sandpiste im Wald.

Bei Winterwetter mit dem Rad nach Sotschi

Bardelis, dessen blonde Aus-dem-Ei-gepellt-Frisur sich zusehends in einen struppigen Schopf verwandelte, zog immer wieder Begeisterte und Neugierige an. Sein Blog erzählt von Menschen, die aus dem Auto sprangen, um von ihren eigenen Skating-Touren zu schwärmen, von Schäfern und ihre Herden, von misstrauischen Polizisten und am letzten Tag von einem aufgeregten Mann: "Er stieg aus einem Touristenbus und sagte: 'Habe ich dich nicht schon in Sevilla gesehen?'"

Der Lette tobt sich am liebsten in der Natur aus. Seinen Job als Umweltmanager kündigte er vor der Europatour. "Ich wollte frei sein für meine Abenteuer." Seit 16 Jahren fährt er Snowboard, "seit 2005 bin ich süchtig nach Bergen", schreibt er auf der Crowdfunding-Seite Indiegogo.com. Bardelis bestieg den Elbrus, den höchsten Berg Russlands, und den Montblanc, den höchsten Berg der Alpen.

Beim Eisklettern am Vinuffossen, dem höchsten gefrorenen Wasserfall Norwegens, brach er sich schließlich den Knöchel. "Danach hab ich mich aufs Skaten verlegt", schreibt er. Klar, dass auch dieses neue Hobby nicht lange ohne Rekordzahl bleiben durfte. Was kommt als Nächstes? "Wir fahren im Februar zu den Olympischen Spielen nach Sotschi", sagt er. "Von Riga aus mit dem Fahrrad. 2500 Kilometer bei Winterwetter - das wird lustig."



insgesamt 9 Beiträge
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hdudeck 07.11.2013
1. Gut fuer ihn, aber wer will das wissen?
Wenn jetzt jeder einen Artikel kriegt, der auf mehr oder weniger beschwerlicher Art und Weise irgent etwas zustande gebracht hat, werden wir bald keine richtigen Nachrichten mehr lesen.
Strangelove 07.11.2013
2. Tarifa ist der südlichste Punkt!
Zitat von sysopBOBKaris Bardelis mag die Natur, und er mag Superlative. Jetzt legte er auf Inline-Skates 6200 Kilometer zurück, vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt Europas. Sein großer Wunsch ist ein Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. http://www.spiegel.de/reise/europa/lette-karlis-bardelis-durchquert-auf-inline-skates-europa-a-932212.html
Der südlichste Punkt ist nicht Gibraltar, da fährt man noch eine Weile und hat noch einen kleinen Pass zu überwinden bis man in Tarifa an der Meerenge von Gibraltar ist! So gesehen ist zumindest der Titel irreführend.
peter_freiburg 07.11.2013
3. rubrik
Zitat von hdudeckWenn jetzt jeder einen Artikel kriegt, der auf mehr oder weniger beschwerlicher Art und Weise irgent etwas zustande gebracht hat, werden wir bald keine richtigen Nachrichten mehr lesen.
Es steht doch in der Rubrik "Reise", nicht unter "Politik" oder "aktuelles". Wo ist also das Problem? Ich mag solche Reiseberichte, eine willkommene Abwechslung zwischen all den deprimierenden Nachrichten.
thrill 07.11.2013
4. südlichster Punkt
Der südlichste Punkt Europas ist übrigens Gavdos. Wegen des Mittelmeers ist das aber eher schlecht auf Skates zu erreichen. http://de.wikipedia.org/wiki/Gavdos
Stäffelesrutscher 07.11.2013
5.
Zitat von StrangeloveDer südlichste Punkt ist nicht Gibraltar, da fährt man noch eine Weile und hat noch einen kleinen Pass zu überwinden bis man in Tarifa an der Meerenge von Gibraltar ist! So gesehen ist zumindest der Titel irreführend.
Auch ist das Nordkap nicht der nördlichste Punkt. Aber der für Deutschland peinlichste Satz ist dieser hier: »Die Fahrradwege, auf die er sich flüchtete, endeten dafür gern mal als Sandpiste im Wald.« Das ganze Elend deutscher Anti-Fahrradpolitik in einem Satz.
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