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Lichterfest in Lyon Dschungel an der Rhône

Lyon glüht, glänzt, glitzert: Die Rhône-Metropole feiert sein Lichterfest mit Video-Shows, Installationen und brennenden Öllampen - 80 kreative Inszenierungen überraschen die Besucher zwischen Altstadt, Uferpromenaden und der Basilika Notre-Dame de Fourvière.

Lyon - Auf der Place Bellecour huschen bunte Wirbel und Zahlen über das als Projektionsfläche verfremdete Riesenrad, entlang der Brücken über Sâone und Rhône blitzen digitale Lichter, während zwischen der Kirche Saint-Jean und der Basilika ein künstlicher Mond in die Höhe steigt.

Lyon feiert seine Gegenwart und seine Geschichte: jene Tradition, die am 8. September1852 entstand, als eine Marienstatue über den Fluss geschafft werden sollte - und eine plötzliche Flut den Transport stoppte. Vier Wochen später stellten die Bürger Kerzen in die Fenster, um die Natur zu beschwichtigen, und die Fracht gelangte sicher ans andere Ufer. Seither gedenken die Lyoner an diesem Tag der religiösen Großtat - jetzt allerdings mit phantasievollen elektronisch-digitalen Beleuchtungskörpern.

Seit zwölf Jahren organisiert die Stadtverwaltung diese Illuminationen, die Lyons Monumente, Gärten und Straßen in märchenhaftes Ambiente tauchen. Künstler, Regisseure und Graphikdesigner aus dem In- und Ausland schaffen phantastischen Dekorationen: Bunte Vögelschwärme ziehen auf der Fassade des Palais Bondy vorbei, im Garten des Musée des Beaux Arts wachsen digitale Muster die Mauern hinauf, gigantisch verfremdete Bürolampen beleuchten die Fußgängerpassage an der Handelskammer.

Theater in Schräglage

Die Fassade der Kirche Saint-Nizier wird von einer bewegten Vegetation begrünt, Lichterlianen geben dem grauen Bauwerk einen Dschungeltouch. Bei der Metamorphose aus Licht hat sich Architekt Philippe Rizzotti vom Film "Ein Schloss im Himmel" des Japaners Hayao Miazaki inspirieren lassen. Auf das Théâtre des Célestins werden unter der Regie des Teams "1024 Architecture" zunächst die Fenster und Säulen vergrößert projiziert, bevor eingespielte Musik oder auch die Stimmen von Besuchern das Bild in "real-time" verdrehen, zusammendrücken, in Schräglage bringen.

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Festival in Lyon: Lichterlianen und Fassadengesichter

Foto: JEAN-PHILIPPE KSIAZEK/ AFP

Zauberhaft ist auch die Licht-Erscheinung am Place de la République: Hier hebt sich aus den goldenen Fluten des Brunnens eine Kugel aus Nebelschwaden, und auf den Sprühregen projiziert die Künstlerin Marie-Jeanne Gauthé Profile und Gesichter, tanzende Drachen, Poseidon mit dem Dreizack. Eine magische Bildfolge fasziniert die Betrachter, begleitet von Sphärenklängen. Und am Parc de la Tête d'Or lässt die Companie Carabosse die Ufer der Rhône in lichterloh brennenden Flammenbündeln erstrahlen.

Bürger und die rund drei Millionen Besucher lassen sich bezaubern von den 80 Installationen, die ergänzt werden von kleineren Werken von Studenten und Anwohnern. Punsch- und Suppengerüche ziehen durch die Altstadt, und nur die Prozession der katholischen Jugend erinnert an die Ursprünge des Festes.

Einen sozialen Anspruch behält das Mega-Happening trotzdem: Mit dem Verkauf von Tausenden kleiner Lichter wird jedes Jahr eine karitative Einrichtung gefördert - dieses Mal kommen die Einnahmen aus dem Verkauf der Lämpchen dem Foyer Notre-Dame des Sans-Abri zu Gute: Seit 1950 kümmern sich die ehrenamtlichen Helfer dieses Vereins um Obdachlose.

"Der Verkauf der Kerzen steht für Solidarität und Freigiebigkeit", sagt die Vizebürgermeisterin Najat Vallaud-Belkacem, "ein Licht, das wirklich wärmt."

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