Auf Monsterjagd am Loch Ness Ungeheuerlich!

Mit Whisky und ausgefeilter Sonartechnik gehen Neugierige auf Monsterjagd auf dem schottischen Loch Ness. Gefunden haben sie Nessie bisher nicht, doch das tut dem Geschäft in den Highlands keinen Abbruch.

Bettina Hensel

Es kann nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn an einem verregneten, kalten Mittwoch mehr als 60 Menschen Schlange stehen, um eine Bootsfahrt zu machen. In Böen fegt der Wind über den 37 Kilometer langen schottischen See, der wie eine schwarze Furche die Landschaft zerschneidet.

Das Wetter ist den Touristen egal, das nicht vorhandene Panorama auch - sie sind da wegen des Ungeheuers, das in der Tiefe hausen soll. Nessie lebt - zumindest in den Fantasien der Besucher der 600-Einwohner-Stadt Fort Augustus am südlichen Ende von Loch Ness.

Als das Schiff den Kanal verlässt und in See sticht, starren sie gebannt ins trübe Grau, so, als ob sich jeden Augenblick ein grüner Buckel aus den dunklen Fluten erheben, eine gigantische Schwanzspitze das Wasser aufpeitschen könnte. Kameras klicken, Selfie-Stangen irren über den Köpfen umher. Ein Ehepaar aus England posiert mit einem giftgrünen Stofftierungeheuer, das eine Schottenmütze trägt - der einzige Farbklecks an diesem Februartag. Am Seeufer bleibt die Festung von Fort Augustus zurück.

Dave Thornton steht unten am schaukelnden Tresen der Kajüte und schenkt Kaffee und Tee aus. Der gebürtige Engländer weiß viel, übers Angeln von Forellen, über die Pubs im Ort und über Monster. "Ein Fischer behauptet, Nessie schon fünfmal gesehen zu haben. Aber er trinkt auch viel Whisky", sagt er. Und grinst.

Er zeigt auf die Bildschirme mit Sonaraufnahmen: Nähert sich ein Objekt unter Wasser, wird es mittels ausgesandter Schallimpulse geortet und angezeigt. "Aber im Ernst: Wir hatten wirklich einmal geschätzte 200 Kilo auf dem Sonar!" 2011 war das, Kollege Marcus Atkinson wartete auf Passagiere vor der Ruine von Urquhart Castle, als sein Sonarecho ein Objekt mit einem Durchmesser von rund 1,50 Metern anzeigte. Entweder Lunge oder Schwimmblase des Tieres - was auf ein Wesen von bis zu zehn Meter Länge hindeuten würde. Ein Urfisch, ein Plesiosaurier, Nessie?

Skipper Rory: "Ein paar Schritte in den See, und bye-bye"
Bettina Hensel

Skipper Rory: "Ein paar Schritte in den See, und bye-bye"

Heute viel Schall, kein Nessie. Nur Rory, der rothaarige zweite Skipper an Bord, der zwischen zwei Bildschirmen steht und seine ganz eigene Show veranstaltet. "Loch Ness ist so tief wie fünf Freiheitsstatuen hoch. Mit seinem Wasser könntest du ganz England überfluten", sagt der Schotte und deutet auf die 3D-Aufnahme, die diesmal die Topografie eines gewaltigen Canyons unter Wasser zeigt. "Ein paar Schritte in den See und bye-bye, es zieht dich hinunter."

Diesmal ist weniger das Monster gemeint. Der zweitgrößte See Schottlands fällt an den Ufern steil ab. Gemessen wurden bisher rund 230 Meter Tiefe. Wie weit hinunter es an der tiefsten Stelle geht, weiß niemand. Seine dunkle Farbe rührt von Torfpartikeln, die das Wasser und die Sicht trüben. Auch die Wassertemperatur gibt Rätsel auf, sie bleibt konstant bei sieben Grad, selbst im Winter friert der See nie zu - wie andere Lochs. "Ich komme von der Westküste und habe Respekt vor dem Meer - aber noch mehr vor Loch Ness", sagt Rory.

Bis zu vier Meter seien die Wellen manchmal hoch, sagt er. Der Mitdreißiger begleitet die Ausflugsboote seit acht Jahren. "Vorsicht, wir wenden jetzt und fahren gegen den Wind", sagt er noch. Zu spät. Die Gäste stolpern gegen die Schiffswände, zwei Flaschen fallen zu Boden, die bis zum Rand gefüllte Tasse mit Kaffee und Whisky schwappt über. Der Seepegel schwankt im Rhythmus der Nordsee-Gezeiten um anderthalb Millimeter, und das hier, mitten in Schottland - ein weiteres Phänomen. Man vermutet, dass der heutige See vor der letzten Eiszeit noch mit dem Meer verbunden war.

Gesichtet worden sei das "Aquatilis Bestia" zum ersten Mal von einem irischen Missionar im Jahr 585, erfährt man auf der Bootstour. Die Wasserbestie griff gerade zwei Männer an, als der Kirchenvater ein Kreuz schlug, den Namen Gottes rief und dem Ungeheuer befahl, wieder in den Fluten zu verschwinden. Nach diesem dramatischen Ereignis geriet Nessie lange Zeit in Vergessenheit. Es gab nur noch eine Handvoll mysteriöser Vorfälle - bis 1933 entlang des Nordufers die heutige Panoramastraße A 82 gebaut wurde.

Natürlich mit Schottenmütze: Die beliebteste Stofftier-Interpretation von Nessie
Bettina Hensel

Natürlich mit Schottenmütze: Die beliebteste Stofftier-Interpretation von Nessie

Danach häuften sich die Sichtungen des Seemonsters dramatisch. Angebliche Beweise tauchten auf, Fotos oder Filmaufnahmen, von denen viele später als Fälschungen oder Missinterpretation enttarnt wurden. Ein Mal entpuppte sich der Hals des Monsters als schwimmender Labrador mit Stock im Maul, ein anderes Mal als nachgebautes Spielzeugmonster mit U-Bootuntersatz. Ein Zirkus bot 20.000 Pfund für das Einfangen des Monsters - doch die Schotten kamen potenziellen Nessie-Jägern zuvor, sie stellten es kurzerhand unter Naturschutz.

1976 erforschten mehr als 30 Wissenschaftler - unter anderem aus Harvard - mit Sonargeräten die Tiefe. Sie orteten eine Anzahl größerer Objekte und kamen zu dem Schluss: "Irgendetwas lebt im See." Ein Wirbeltier und Kiemenatmer, etwa 10 bis 15 Meter lang. Doch auch diese These wurde in den Achtzigerjahren demontiert: Es handele sich nur um Wrackteile am Seegrund, behauptete das US-Magazin "Discover".

Über 240.000 Besucher streifen noch heute jährlich um den See. Drumnadrochit, am Nordufer gelegen, ist die Kapitale der Nessie-Forschung mit einem eigenen Museum. Und auch Fort Augustus lebt vom Nessie-Tourismus. In der Nebensaison startet das Ausflugsboot hier nur zweimal täglich, um 13 und um 14 Uhr. "Danach haben wir die Stadt wieder für uns", sagt Skipper Thornton. "Und die Pubs." Im Verhältnis zu den 600 Einwohnern gibt es davon im verschlafenen Städtchen vergleichsweise viele: die Bothy Bar, die T-Bar oder das Lock Inn mit gemütlichem Kaminfeuer.

Die Einheimischen sind offen für Monsterscherze. "Ich hab Nessie einmal gesehen", sagt einer am Tresen. "Es hat Dudelsack gespielt." Wie es aussah? "Wie meine Ex-Frau", sagt er und lacht laut. Auch David Robert Bruce stimmt in den Witz ein. "Die Leute haben mich im Wasser gesehen", sagt der Endfünfziger und klopft auf seinen Bierbauch.

Der überzeugte Royalist und Rugby-Fan zieht nach Feierabend gerne durch die Kneipen. Früher hat er als Schreiner gearbeitet, in London, Holland, Saudi-Arabien. "Ich liebe es hier", sagt der gebürtige Londoner. "Ich gehe gerne Forellen angeln und Fasane jagen".

Ein guter Stützpunkt für die Monstersuche: Aus den Ferienwohnungen des "Highland Club" hat man einen guten Blick auf Loch Ness
Bettina Hensel

Ein guter Stützpunkt für die Monstersuche: Aus den Ferienwohnungen des "Highland Club" hat man einen guten Blick auf Loch Ness

Beides gibt es in seinem neuen Wohnsitz, dem "Highland Club". In der ehemaligen Benediktiner-Abtei direkt am See gibt es 109 Wohnungen. Viele werden seit 2009 an Touristen vermietet.

Der grauhaarige Charles Canning, ein Glasgower, sitzt im gemütlichen Strickpullunder und Trekkingschuhen an der Rezeption. Mit jedem neuen Gast macht Canning eine kurze Führung durch die Festung. Die gewölbten Gänge sind mit Mosaikboden verziert, Hirschgeweihe hängen an den Wänden. Jeder Flügel hat einen blumigen Namen, es gibt sogar einen Ravenwing wie in Harry Potters Hogwart. Die Apartments sind aber modern eingerichtet.

Die Wohnungen mit Seeblick werden von Monsterjägern gern als Stützpunkt genutzt. Schließlich sah Pater Gregory Brusey das Ungeheuer hier angeblich 1971: "Es war ein lieblicher Morgen, die Sonne schien, und der See war spiegelglatt, da sah ich plötzlich eine starke Bewegung auf dem Wasser, und dann erschien ein schwarzer Hals, etwa 15 Zentimeter im Durchmesser, und zwei bis drei Meter lang, gefolgt von einem Höcker. Es war kein Boot, kein Holzklotz, kein Fisch. Es war ein anderes Tier."



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c.PAF 20.03.2015
1.
Loch Ness ist schon etwas Besonderes, egal ob es Nessi gibt oder nicht. Den Hype um Nessi finde ich ganz nett, und er ist um Welten harmloser als der Hype und andere vermutlich ebenso fiktive Lebewesen wie z.B. "Gott". Ich verbringe gerne immer wieder mal ein paar Stunden am Loch Ness (allerdings auf der ruhigen Uferseite), gehe aber auch ganz gerne mal in die Läden, um mich umzusehen. Allerdings kann ich es mir gut verkneifen, etwas von dem Touristenzeug zu kaufen ;)
genugistgenug 20.03.2015
2. es gibt viele Nessie's
Was soll die Sucherei? Bis 2010 konnte man eine Nessie noch jeden Sommer bei ihrem Nebenjob in Scottish Showtime sehen - hat sich leider aufs Altenteil zurückgezogen. Eine Verwandte von Nessie (klein, gelb, nur 2 Beine) wurde öfters bei Jacobite Cruises (Bootstouren auf Loch Ness) gesehen wo man gegen einen kleinen Obolus Bilder machen konnte. Und wer die Ur-Nessie sehen möchte, sollte sich einen Kontakt zu den Highlandern aufbauen. Ich selbst hatte nach Jahren das Glück dass mich jemand Abends mitnahm. Er wollte dafür kein Geld, doch ich musste Proviant mitnehmen, u.a. 8 Flaschen Lebenswasser und Sand. Eine Falsache wurde an der Straße deponiert für den Taxifahrer damit er uns am anderen Morgen wieder abholte. Mit einer Flasche haben wir uns eingeschmiert und mit Sand bestreut (wegen der Stechmücken) und die anderen Flaschen haben wir uns geteilt. 2 für jeden und 2 standen für Nessie am Lagerfeuer bereit. Und ich schöre bei eurem Leben, kaum war die 2 Flasche leer, habe ich Nessie gesehen und das sogar doppelt ;-) PS egal ob mit oder ohne Nessie, Scotland ist mehr iwe eine Reise wert und wer statt die Single Track Road auf der anderen Seite nimmt, bekommt direkten Zugang zum See.
kieckbusch 20.03.2015
3. Nessie lebt?
Gott hat auch noch niemand gesehen, aber das Geschäft mit ihm läuft ganz hervorragend.
Tiananmen 20.03.2015
4.
Zitat von genugistgenugWas soll die Sucherei? Bis 2010 konnte man eine Nessie noch jeden Sommer bei ihrem Nebenjob in Scottish Showtime sehen - hat sich leider aufs Altenteil zurückgezogen. Eine Verwandte von Nessie (klein, gelb, nur 2 Beine) wurde öfters bei Jacobite Cruises (Bootstouren auf Loch Ness) gesehen wo man gegen einen kleinen Obolus Bilder machen konnte. Und wer die Ur-Nessie sehen möchte, sollte sich einen Kontakt zu den Highlandern aufbauen. Ich selbst hatte nach Jahren das Glück dass mich jemand Abends mitnahm. Er wollte dafür kein Geld, doch ich musste Proviant mitnehmen, u.a. 8 Flaschen Lebenswasser und Sand. Eine Falsache wurde an der Straße deponiert für den Taxifahrer damit er uns am anderen Morgen wieder abholte. Mit einer Flasche haben wir uns eingeschmiert und mit Sand bestreut (wegen der Stechmücken) und die anderen Flaschen haben wir uns geteilt. 2 für jeden und 2 standen für Nessie am Lagerfeuer bereit. Und ich schöre bei eurem Leben, kaum war die 2 Flasche leer, habe ich Nessie gesehen und das sogar doppelt ;-) PS egal ob mit oder ohne Nessie, Scotland ist mehr iwe eine Reise wert und wer statt die Single Track Road auf der anderen Seite nimmt, bekommt direkten Zugang zum See.
War ein teurer Ausflug, wenn ich an die schottischen Whisky-Preise denke. Eine Flasche eines anständigen Whiskys kostet dort z.Zt. rd 80 Pfund (45 EUR bei uns).
k70-ingo 20.03.2015
5.
Zitat von TiananmenWar ein teurer Ausflug, wenn ich an die schottischen Whisky-Preise denke. Eine Flasche eines anständigen Whiskys kostet dort z.Zt. rd 80 Pfund (45 EUR bei uns).
Der erfahrene Schottlandreisende probiert den 'wee dram' vor Ort, kauft die Flasche dann aber später im Duty Free oder in Deutschland. Die Schotten, auch die Brenner selbst, haben dafür volles Verständnis, ärgern sie sich doch selber über ihre extrem hohen Alkoholsteuern. Ich habe schon Schotten ihren eigenen Whisky von hier mitgebracht. So what?
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