Lofoten Das palmenfreie Paradies

Pack die Badehose ein! In der Rorvika, einer Bucht mit Sandstrand, Felsterrassen und glasklarem Wasser, herrscht karibischer Trubel. Doch dies hier ist Norwegen. Der Polarkreis liegt 300 Kilometer weiter im Süden. Willkommen in der paradiesischen Inselwelt der Lofoten.

"Ha det", brummelt der Fahrer, während er unsere Rucksäcke aus dem Bauch des Busses zerrt, dann steigt er wieder ein und gibt Gas. Der grün-weiß lackierte "Lofotbusser" rauscht weiter auf der E 10, der Lebensader der Inselgruppe im Nordmeer. Wir wandern los, denn deshalb sind wir hier: Zu einer dreiwöchigen Tour über die Lofoten, unterwegs mit Bussen, manchmal auf Leihfahrrädern, meistens zu Fuß. Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kocher, Klamotten und Lebensmittel stecken in unseren Rucksäcken. Es ist 9 Uhr morgens, kühl, leicht bewölkt und etwas windig - ein perfekter Julitag auf dem 68. Breitengrad Nord.

Fredvang ist der erste und letzte Ort, an dem wir heute vorbeikommen. Eine Kirche, ein paar Dutzend Häuser und eine Bäckerei, wo wir uns für ein zweites Frühstück Zimtkringel kaufen. Unser Ziel heute ist die Kvalvika, eine von einem Felsriegel unterteilte, etwa einen Kilometer breite Bucht. Um dorthin zu gelangen, muss man den Geröllsattel zwischen den Bergen Torsfjordtinden und Maltinden überqueren, was mit 20 Kilogramm auf dem Rücken durchaus schweißtreibend ist. Oben angekommen, verschlägt es einem die Sprache: Der Blick fällt auf einen sichelförmigen Sandstrand, gerahmt von dunkel aus dem Meer aufragenden Felspfeilern und gleichmäßig aufgehäufelten Dünen mit sattgrünen Graspolstern.

Einsamkeit, Weite, Frieden

Wir bleiben in der Bucht. Das Zelt steht auf einer grasigen Düne, davor flackert ein Treibholzfeuer, auf dem Kocher blubbert eine Fertigsuppe, ein paar hundert Meter entfernt braust das Meer unablässig auf den Strand. Ein paar Schafe rupfen an den Abhängen der steil aufragenden Berge struppiges Grünzeug - sonst herrscht hier: Einsamkeit, Weite, Frieden.

Früher lebten hier Menschen, Reste von Grundmauern zeugen davon. 1938 verließen die letzten Bewohner dieses verträumte, zugleich aber auch rohe und brutale Fleckchen Erde. In einen Wintersturm möchte man hier, an der dem Nordmeer zugewandten Seite der Lofoten-Insel Moskenesoy, nicht unbedingt geraten. Die Menschen hier, so steht es in den Büchern, waren oft monatelang von der Außenwelt abgeschnitten.

Es gab keinen Strom, keine Straße, keinen Arzt und noch nicht einmal eine Mole, die den kleinen Fischerbooten Schutz geboten hätte. Und je mehr die Orte auf der dem Vestfjord zugewandten Küste, der sogenannten Innenseite, von diesen Einrichtungen der Zivilisation profitierten, desto mehr wurde die Außenseite vergessen. Schließlich lockte der norwegische Staat mit Umsiedlungsprämien und zinslosen Krediten die Unentwegten über die Berge in die Orte am Vestfjord; 1951 wurde die letzte Siedlung an der Außenseite aufgegeben.

Warum es den Menschen so schwer fiel, von hier fortzugehen, verstehen wir immer besser. Läge das Paradies auf der nördlichen Halbkugel, man müsste es hier suchen. Wir wandern auf anderem Weg zurück zum Selfjorden, mühen uns über sumpfige Wiesen und durch fast undurchdringliches Birkengestrüpp hinauf zum Bergsee Fageravatnet. Kraxeln weiter auf den Pass am Nonstinden und balancieren dann entlang seiner steil abfallenden Grasflanke hinüber zum Sattel unterhalb des Krokhammartindan-Gipfels, von wo wir zur Horseidvika absteigen. Wieder eine Bucht wie im Traum. Etwa drei Kilometer lang und mehrere hundert Meter breit, geteilt von einem Bach, in dem wir unsere Trinkwasserflaschen auffüllen und uns waschen können. An diesem Abend vergoldet die Mitternachtssonne den Strand. Papageigentaucher kreisen kreischend über den Wellen, das Gefühl für die Zeit gerät ins Taumeln.

Aussicht auf die Lofoten-Wunderwelt

Nur ein paar Kilometer und wenige hundert Höhenmeter sind es anderntags bis zum Fünf-Häuser-Ort Kjerkfjorden, wo wir auf das Boot nach Reine warten. Unser Plan: In Reine besorgen wir uns im Lebensmittelladen neben dem Gasthaus Gammelbua den Schlüssel für die Munkebu-Hütte (120 Kronen Kaution), dem idealen Ausgangspunkt zur Besteigung des Hermannsdaltinden, mit 1029 Metern der höchste Berg der Lofoten. Leider durchkreuzen Sturmböen und Schneeregen das Unternehmen, so dass wir nach einer Nacht in der urgemütlichen Hütte nicht zum Gipfel auf-, sondern wieder zur Küste absteigen.

Tags darauf glänzt schon wieder die Sonne von einem königsblauen Himmel. Für den Aufstieg auf den Reinebriggen (448 Meter), dessen eine Flanke senkrecht über Reine aufragt, und über dessen bis zu 70 Grad steile Westseite sich ein Serpentinenpfad hinaufwindet, ist das Wetter perfekt. Zwar strömt der Schweiß, doch vom Gipfel blickt man von hoch oben auf eine Lofoten-Wunderwelt - wie die Besucher von Legoland in Dänemark auf die dort nachgebaute Szenerie des Reinefjords. Der Panoramablick ist, an dieser Stelle passt das Wort wie sonst selten, überwältigend.

Vor allem erkennt man von hier oben, wie viele Berge und Buchten es noch zu entdecken gibt. Die Stokkvika an der Außenseite von Å zum Beispiel, die wunderbare Tour entlang der Ostküste von Flakstadoya in den Unesco-Weltkulturerbe-Ort Nusfjord, die Besteigung des Justatinden auf Vestvagoya oder die Überschreitung des majestätischen Stettatinden auf Austvagoya. Die vielen Angel-Urlauber auf den Booten - die von hier oben wie buntes Konfetti auf dem tiefblauen Meeresspiegel aussehen - werden das natürlich ganz und gar anders beurteilen. Doch das ist ja das Schöne an den Lofoten: Sie sind ein Paradies aus vielen Perspektiven.