Loire-Tal Baumhotel am wilden Fluss

Dem Stadtlärm entfliehen, die Klänge der Natur entdecken: Die Loire ist ein perfektes Ziel für aktiven Familienurlaub. Nach anstrengenden Tretbootfahrten und Radtouren erholen sich die Besucher hoch oben in den Bäumen - in einem ungewöhnlichen Nachtquartier.


Tours - Camille und Christophe holen im Dämmerlicht die Seile und Haken aus dem Auto, schnallen sich kleine Lampen vor die Stirn und zeigen damit den Weg in den Wald hinein. Jetzt gilt es, das am Nachmittag Gelernte anzuwenden. Denn wer im Baum schlafen will, muss ihn vorher hoch klettern - und das Bett für die heutige Nacht befindet sich in sieben Metern Höhe.

Die beiden Kletterer bieten für Touristen eine Nacht in Zelten an, die sie im Naturreservat nahe des Loire-Städtchens Nogent Sur Vernisson an den Baumstämmen befestigt haben - wahlweise auch in 20 Metern Höhe und in schlafsackähnlichen Hängematten. Ein wenig mulmig fühlt es sich oben dann schon an: "Jedes der Polyamid-Kletterseile hält 1060 Kilo", sagt Christophe beruhigend. Das hilft zwar nur wenig, aber wer den inneren Schweinehund besiegt hat, wird belohnt: Der Blick aus dem Schlafsack ist gewöhnungsbedürftig, aber definitiv etwas Besonderes.

Übernachtung im Klettergeschirr

Auf allen Seiten ragen Baumstämme in den Himmel, durch die transparente Zeltkuppel leuchten der Mond und die Sterne durch die Wipfel, ein Uhu ruft. Wolldecken wärmen von oben und unten, unbequem ist allenfalls das Klettergeschirr um die Hüften und Oberschenkel, das mit der Sicherheitsleine am Baumstamm festgemacht ist - falls nachts unerwartet doch etwas passieren sollte. Ein klopfender Specht beendet den Schlaf um sieben Uhr in der Früh.

Wer dieses Erlebnis scheut, kommt auch auf dem Boden in Kontakt mit der Natur rund um die Loire - im Gebiet zwischen Orléans und Tours, Brenne und Sologne. Die Loire ist der längste Fluss Frankreichs und einer der letzten so genannten wilden Flüsse in Europa - sie fließt also weitgehend ohne vom Menschen gemachte Sperren oder Begradigungen aus Frankreichs Zentralmassiv im Südosten dem Atlantik entgegen. Das hat die Landschaft zwischen den Städtchen Chalonnes und Sully vor sieben Jahren auf die Liste des UNESCO-Welterbe gebracht.

In dem Arboretum, einer Art Baumschutzgebiet und Naturpark, wo Kinder und Erwachsene unter Anleitung von Camille und Christophe die bis zu 40 Meter hohen Bäume erklimmen können, stehen auf 35 Hektar rund 8500 Bäume von 2700 Arten aus aller Welt.

Lehrreiches für Kinder

Schilder auf einem Rundweg erläutern die Besonderheiten von Blättern, Blüten und Früchten. "Einige Bäume sind mehr als 100 Jahre alt", sagt Corinne Vermillard, Direktorin des Trägervereins ADIAF. "Vor allem Kinder sollen hier die Natur entdecken und einen verantwortungsvollen Umgang mit ihr lernen." Und wem die Pflanzen nicht reichen, fährt weiter in das gut eine Autostunde entfernte Ménestreau-en-Villette in der Sologne.

Dort liegt der Eingang zum Naturpark Domaine du Ciran. Urlauber können in dem Gebiet auf 300 Hektar Fläche neben der Flora auch die Fauna der Region erkunden. Kühe und Ziegen stehen zum Streicheln bereit, und Kinder können beim Melken zusehen. "Wir haben Esel und ein paar andere Tiere im Gehege, aber das Gelände ist vor allem ein offenes Wildtierreservat", erläutert Mélanie Leconte.

Ein bisschen Glück ist also vonnöten, um den Wildschweinen, Hirschen und Rehen, Fasanen, Waschbären und Füchsen auf einer geführten Tour in englischer oder französischer Sprache auf die Spur zu kommen. Die beste Zeit dafür ist der Herbst, denn im Sommer zeigen sich viele Tiere nur abends. Immerhin lässt sich tagsüber auf schattigen Waldwegen und sonnigen Lichtungen auch auf eigene Faust Eichhörnchen, Schmetterlingen, Vögeln, Bäumen, Beeren und Pilzen nachspüren - an der Rezeption gibt es Ferngläser und Bestimmungsbücher.

Uferidylle per Fahrrad

Die Reservate eignen sich vor allem als Zwischenstopp "en route". Denn am besten verbinden Urlauber die spielerische Erfahrung der Natur mit sportlichen Aktivitäten wie Rad fahren oder Wandern. Mit etwas Planung können auch Untrainierte weite Teile des Loire-Gebiets per Drahtesel erkunden, Familien mit Kindern kommen um die Fahrt mit dem eigenen Auto oder dem Mietwagen aber nicht herum, wenn sie mehrere Naturgebiete erkunden wollen.

Im Herzen Frankreichs: Zwischen Orléans und Tours fließt die Loire durch ein Tal, in dem sich viel unberührte Natur erkunden lässt
GMS

Im Herzen Frankreichs: Zwischen Orléans und Tours fließt die Loire durch ein Tal, in dem sich viel unberührte Natur erkunden lässt

Auf dem Weg durch die Dörfer lässt es sich entspannt in die Pedale treten, vorbei an Weinbergen und entlang des Loire-Ufers. Schnell breitet sich Ruhe aus, wenn die Straße erst einmal verlassen ist und auf dem Weg durch Wald und Felder die Schmetterlinge in der Sonne tanzen - vorbei an Schildern, die vor kreuzenden Wildtieren warnen.

Im Herbst wird hier nach wie vor viel gejagt - reiche Pariser mit Grundbesitz in der Sologne gehen dann gern dem traditionellen Hobby der französischen Könige nach. Auch Schloss Chambord, das Besucher auf dem Weg nach Westen passieren, erinnert Besucher an die früheren Machthaber. Wer die Schlösser, für die die Loire-Region bekannt ist, nicht links liegen lassen will, ist hier auf jeden Fall richtig: Die prunkvolle Anlage von König Franz I. ist nach Versailles die zweitgrößte der früheren Herrscher Frankreichs.

Allein der Park um Schloss Chambord herum hat einen Umfang von 33 Kilometern, und mit dem Prachtbau im Zentrum wurde unter dem Namen "Châteaux en vélo" in den vergangenen Jahren ein Netz von Radwanderwegen angelegt. Beate Egger aus München ist hier mit ihrem Mann unterwegs: "Die Feldwege sind zum Teil voller Löcher, und die Beschilderung finde ich an manchen Stellen auch nicht so klar", sagt die 65-Jährige. "Aber landschaftlich ist es wunderbar: Es geht viel durch den Wald, und als Städter weiß man ja schon gar nicht mehr, wie Blumen und Bäume riechen."

Kormoran-Tour im Tretboot

Auch direkt am Ufer entlang führen immer wieder asphaltierte Wege. Am nächsten kommen Naturliebhaber dem Fluss aber natürlich per Boot: Auf dem seichten Unterlauf der Loire tuckern nur alte Lastkähne. Im Örtchen Candes-St.-Martin, am Zusammenfluss von Loire und Vienne, haben mit der "Amarante" zwei Brüder ein altes Boot flott gemacht und bieten je nach Interesse zwei- oder dreimal täglich 90-minütige Ausflüge an. Auf diesem Teilstück ist der Fluss nur 1,30 Meter tief. Bei gemächlicher Fahrt lassen sich Enten, Möwen und Kormorane auf dem Wasser inspizieren.

Die Hand ins Wasser halten können Naturliebhaber auf einer Fahrt mit dem Tretboot: Das Gefährt bringt Naturbegeisterte auf der Loire im Rahmen einer geführten Flusswanderung direkt zu den Pflanzen und Tieren auf den kleinen Inseln und Sandbänken. Auf einer dreistündigen Tour zeigt Naturführer und Verleiher Denis Dodokal im Städtchen Bréhémont, 30 Minuten von Tours entfernt, Seeschwalben, Rohrsänger, Kormorane und andere Vogelarten. Auch Biber gibt es hier.

Das Baden im Fluss ist wegen zahlreicher Untiefen zwar untersagt. Auf den Zuflüssen der Loire sind aber auch Ausflüge mit dem Kanu möglich - selbst Wanderungen von mehreren Tagen bietet Francois Rousseau in Le Blanc an und fährt mit Teilnehmern dann den Anglin oder die Creuse hinab. Turnschuhe und Badesachen sind einzupacken, denn die Boote müssen immer mal wieder durch seichtes Wasser getragen werden - der unverstellte Blick auf das Ufer und über die Seerosen tanzende Libellen entschädigen aber für den Aufwand.

Mehr als 150 Vogelarten

Sportliche Kleidung gehört für das Wandern, Klettern oder Radfahren in der Region ohnehin ins Gepäck. Zudem empfiehlt es sich, Regenkleidung und einen warmen Pulli sowie Sonnencreme einzupacken - denn wer im Urlaub viel draußen sein will, muss sich für alle Wetter wappnen. Vogelkundler kennen das gar nicht anders: In den acht Observatorien rund um die mehr als 2000 Teiche im Naturpark Brenne im Südwesten der Region zücken sie ihre Ferngläser und schießen aufgeregt Fotos von den mehr als 150 Vogelarten, die im Sommer hier versammelt sind.

Experten von Naturschutzorganisationen zeigen in den kleinen Holzhäuschen durch die Fenster Reiher, Schwalbenarten, Haubentaucher, Frösche und Schildkröten zwischen dem Schilf, abends sind auch Fledermäuse unterwegs. Und auch hier bewegen sich Besucher am besten mit dem Rad vorwärts: Sechs Mountainbikerouten führen durch den Park.

Wer am Abend solcher Tage den Weg noch auf sich nehmen kann, bucht am besten eine Übernachtungsmöglichkeit außerhalb der Städtchen. Dort stehen die Chancen gut, vom Schlafzimmerfenster aus in der Morgendämmerung Fasane und Rehe durch das Unterholz stapfen zu sehen.

Thorsten Wiese, gms



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