Traum vieler Deutscher: Mallorca
Traum vieler Deutscher: Mallorca
Foto: Jorg Greuel / Getty Images

Mallorca ist nicht mehr Risikogebiet Das Ostergeschenk

Wer von Mallorca heimkehrt, muss keine Quarantäne mehr einhalten. Die Buchungen steigen prompt, die Kritik ist groß. Dabei ist nur die Inzidenz der Balearen gesunken – der Appell der Regierung, nicht zu reisen, bleibt.
Von Antje Blinda

Schon gelesen? In der vergangenen Woche wurde die erste Urlaubsregion im europäischen Ausland von der Risikoliste des Robert Koch-Instituts (RKI) genommen. Und nein, das war nicht Mallorca. Sondern die Halbinsel Istrien an der kroatischen Adria. Und das passierte, weil die Inzidenzzahl unter den Schwellenwert 50 gerutscht ist – ein Automatismus also.

Seitdem jedoch die Reisewarnung für die Balearen am Sonntag aus dem gleichen Grund aufgehoben wurde, ist die Reiseindustrie am Rotieren und die Empörung groß: Übernachtungen im Schwarzwald sind unmöglich, aber auf Mallorca kein Problem? Das wäre eine bittere Botschaft, sagt der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß. Und überhaupt: Wer reist, würde die Pandemie schüren, so der Tenor auch in den sozialen Netzwerken.

Mallorca als Massen- und Lieblingsziel der Deutschen regt auf, besonders in Tagen, da die Lust auf Abwechslung wächst und zugleich der Frust, dass die erwünschte Rückkehr zum Vor-Corona-Alltag noch nicht absehbar ist.

Für Istrien wie für die balearischen Inseln oder den Schwarzwald gilt Gleiches: Bund und Länder appellierten zuletzt am 3. März an alle Bürger »eindringlich«, »auf nicht zwingend notwendige Reisen im Inland und auch ins Ausland« zu verzichten, Regierungssprecher Steffen Seibert machte dies am Montag noch mal deutlich. Das Auswärtige Amt (AA) schreibt in seinen Sicherheitshinweisen  zu Spanien: Von nicht notwendigen, touristischen Reisen auf die Balearen werde weiterhin abgeraten. »Das Fehlen einer Reisewarnung ist keine Einladung zum Reisen«, sagte AA-Sprecherin Maria Adebahr, ebenfalls am Montag.

Urlaub in die Regionen, die nun beim RKI nicht mehr als Risikogebiete gelten – darunter im Übrigen auch Porto in Portugal oder Nordjütland in Dänemark –, ist also nicht gewünscht. Bei der Rückkehr entfallen nun Quarantäne und Tests und juristisch gesehen die Möglichkeit zur kostenlosen Stornierung von Buchungen. Bei der Einreise nach Spanien müssen Touristen weiterhin einen Coronatest vorweisen und ein digitales Einreiseformular ausfüllen.

Buchungszahlen bei TUI am Wochenende doppelt so hoch

Ab Montag ist also Urlaub auf Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera wieder ohne aufwendige Planung für die Heimkehr möglich. Ein Signal für die deutsche Tourismusbranche, die spätestens zu den Osterferientagen die Kapazitäten hochfährt.

Lufthansa will statt zwei wöchentlicher Flüge ab München nach Mallorca bis zu elf anbieten, ab Frankfurt soll die Zahl der Flüge von sechs auf bis zu 20 steigen. Eurowings legte kurzfristig 300 zusätzliche Flüge für die Osterzeit auf. »TUIfly wird das Flugangebot über den Osterzeitraum im Vergleich zum ursprünglich geplanten fast verdoppeln«, sagte TUI-Sprecher Aage Dünhaupt. Und für die Playa de Palma auf Mallorca kündigt der Interessenverband »Palma Beach« die Wiedereröffnung von mindestens 15 Hotels für insgesamt 4000 Besucher zu Ostern an.

Auch die Nachfrage ist trotz der Appelle der Bundesregierung hoch, Flug- und Reisebuchungen stiegen am Wochenende sprunghaft an: Am Sonntag waren alle fünf Eurowings-Flüge auf die Insel ausgebucht, für zwei Verbindungen wurden nach Angaben einer Sprecherin extra größere Maschinen eingesetzt. TUI habe doppelt so viele Buchungen wie am gleichen Wochenende 2019 gezählt, sagte Dünhaupt – ein Nachholeffekt aufgrund der zögerlichen Reiseplanung der letzten Monate. Zu Ostern werde das Mallorca-Angebot des Reiseveranstalters ähnlich groß sein wie im Vor-Corona-Jahr.

Trotz des plötzlichen Andrangs für eine Urlaubsregion wünscht sich Dünhaupt von der Bundesregierung mehr Stabilität für die Planung. Die deutschen Reiseveranstalter fordern, die Quarantänepflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten aufzuheben und stattdessen auf verstärkte Tests und zügige Impfungen zu setzen. Der Tourismusbeauftragte Bareiß zeigte Sympathie: »Das zielt in die richtige Richtung«, sagte er. Dennoch: »Für mich wäre es schwer vorstellbar, dass auf Mallorca Urlaub möglich ist, aber im Schwarzwald Hotels noch geschlossen bleiben«, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Spanier dürfen nicht nach Mallorca, Deutsche schon

In der Vorsaison zu Ostern wird Mallorca jedoch noch lange nicht überlaufen sein. Zum einen: das Wetter. Zum anderen: Deutsche, die trotz Appellen in den Flieger steigen, werden unter sich sein. Inselfans etwa aus Großbritannien oder Spanien selbst müssen zu Hause bleiben. Für die Briten, die die zweitgrößte Touristengruppe auf den Balearen darstellt , gilt ein Urlaubsreiseverbot – Engländer zum Beispiel dürfen ihr Land für touristische Reisen bis mindestens zum 17. Mai nicht verlassen. Auch der Bewegungsradius der Spanier ist begrenzt: Bis zum 9. April ist ihnen das Verlassen ihrer Region nur in seltenen Ausnahmefällen erlaubt – das gilt also auch zu Ostern für Verwandtenbesuche oder Urlaub.

Auf dem spanischen Festland wird daher über die entstandene Schieflage zwischen den Nationen gewettert – auch wenn Spanien seine Einreisebedingungen für Ausländer nicht gelockert hat. Logisch ist in der Coronakrise eben vieles nicht mehr. »Es ist unverständlich, dass sich ein Madrilene in Spanien nicht frei bewegen darf, und ein Franzose, ein Deutscher oder Belgier einreisen kann«, kritisierte zum Beispiel der Gesundheitsminister Enrique Ruiz Escudero. Auf Twitter protestierte die bei Madrid wohnende Yeni: »Zu Ostern darf mich also meine in Deutschland wohnende Tochter besuchen, aber mein Sohn, der in Illescas nur fünf Kilometer von mir entfernt lebt, der darf das nicht?« Und Jiménez Caballero twittert: »Zu Ostern darf ich nicht in mein Ferienhaus am Strand, aber mein Nachbar, der in Deutschland wohnt, der darf das?«

Auf den Balearen sind viele erleichtert. Das Ausbleiben der Urlauber verursacht hier große Probleme – immerhin beträgt der Anteil der Reisebranche am Regionaleinkommen 35 Prozent. Arbeitslosigkeit und Armut auf den Balearen sind in den vergangenen Monaten drastisch angestiegen, mehr als irgendwo sonst in Spanien. Mindestens 30 Prozent aller Lokale mussten nach Schätzungen schließen, die Schlangen vor den Tafeln werden täglich länger, auch Prostitution nimmt zu. »Das ist eine fantastische Nachricht«, zitierte die »Mallorca Zeitung« den Guide Adán André Alomar. Ohne eine Rückkehr der Touristen würde »die Insel an Hunger sterben«, sagt er.

Kein Trinkgelage, keine Disco

Allerdings gibt es auch Skepsis und die Furcht, dass die Deutschen das Virus einschleppen. »Das ist die beste Art und Weise, wieder zum Risikogebiet zu werden«, sagte der Insel-Cartoonist Pau laut der Zeitung. »Für eine allenfalls mittelmäßige Saison« setze man »noch mehr Leben aufs Spiel«. Auf den Balearen waren die Inzidenzzahlen der Inseln im vergangenen Sommer nach der Öffnung im Juni stark angestiegen, zeitweise waren sie mit die höchsten in Spanien.

Damals jedoch wurde kein negativer Test bei der Einreise verlangt wie zurzeit, und auch als dies etwa für Deutsche zur Pflicht wurde, konnten Spanier vom Festland uneingeschränkt anreisen. Auf den Kanaren hingegen war das auch für Landsleute Vorschrift, dort blieben die Zahlen durchgehend auf einem niedrigeren Niveau – und die Teststrategie scheint gewirkt zu haben. In den vergangenen Wochen drückte die Regionalregierung der Balearen durch verschärfte Maßnahmen die Sieben-Tage-Inzidenz bis auf 21,3 am Freitag. Um einiges niedriger als in Deutschland: 83 am Montag.

Eine ähnliche Situation wie im Juni 2020, als die ersten Testurlauber aus Deutschland  nach Mallorca durften. Diejenigen, die in den kommenden Tagen auf die Balearen fliegen, werden auf ähnliche Coronamaßnahmen wie zu Hause treffen: Masken müssen auch im Freien (nur der Strand und Sport sind ausgenommen) getragen werden, Cafés und Restaurants dürfen nur bis 17 Uhr und nur für ein Drittel der üblichen Gäste öffnen; Diskotheken und Bars bleiben geschlossen; Ausgangssperre gilt ab 22 Uhr. In Hotels wird Temperatur gemessen, Handschuhe sind am Buffet vorgeschrieben, Selbstbedienung ist nicht mehr.

Neu ist zudem, dass in Hotels an der Playa de Palma keine All-inclusive-Pakete mit Alkohol mehr angeboten werden dürfen, sagt TUI-Mann Dünhaupt. Das abendliche Bier muss dann selbst gezahlt werden. Trinkgelage sind im Übrigen verboten, die Polizei kontrolliert.

Mit Material der dpa