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18. März 2019, 12:26 Uhr

Sauftourismus auf Mallorca

Neue Saison, neue Regeln

Mallorca macht sich bereit für den Touristenansturm - und will mit neuen Maßnahmen die Exzesse am Ballermann endlich in den Griff kriegen. Aber packen die Regelungen überhaupt die richtigen Probleme an? Ein Ortsbesuch.

Mitte März wirkt die Playa de Palma noch wie eine Geisterstadt. Nur vereinzelt spazieren Urlauber durch die Straßen am Ballermann. Lärm machen nur die Bagger: Viele Hotels auf Mallorca werden kurz vor Saisonstart noch renoviert, andere ganz neu gebaut. Ende April geht es dann wieder los mit Schlager-Sound, Sonne, Strand - und dem für viele Inselfans obligatorischen Alkohol. Wenn es nach der Stadtverwaltung geht, dann soll es rund um die berühmt-berüchtigte "Schinkenstraße" ab sofort gesitteter zugehen.

Vor wenigen Wochen wurden die Ballermann-Benimmregeln ergänzt. Die gesamte Playa de Palma wurde zu einer "Zona d'Especial Interès Turístic" - einem Gebiet von besonderem touristischen Interesse erklärt. In der Praxis bedeutet das unter anderem: ein Verbot von Alkohol in Schaufenstern und von Sonderangeboten wie der "Happy Hour" mit starken Drinks zu Dumpingpreisen.

In der "Schinkenstraße" und ihren Querstraßen sind die Regeln besonders streng: Biergärten müssen hier eingezäunt werden, Getränke dürfen nicht mehr auf den Bürgersteig oder die Straße mitgenommen werden. Die Maßnahmen gelten ab 1. April bis Ende Oktober - wer sie nicht beachtet, dem drohen hohe Strafen.

"Die Benimmregeln sind für einige wenige notwendig"

Aber was sagen die Wirte? Aus dem populären Partylokal "Bierkönig" heißt es, die neuen Regeln würden befürwortet: "Sie erlauben, asoziales Verhalten, Alkoholkonsum auf der Straße und Straßenhandel zu unterbinden." Für die Umsetzung sei allerdings eine höhere Polizeipräsenz erforderlich. "Das verbessert die Sicherheit für uns alle - Anwohner, Gäste und Lokale."

Auch Gerlinde Weininger, die seit mehr als 30 Jahren Lokale an der Playa betreibt, findet die neuen Auflagen richtig: "Die Benimmregeln sind leider für einige wenige notwendig, die sich nicht zu benehmen wissen. Nur so kann der Partytourismus, der ja an sich nichts Schlechtes ist, aufrechterhalten werden", sagt die Chefin der Restaurantkette Münchner Kind".

Für Ron Büttner, den Betreiber der Fußballkneipe 47-11, gehen die Regelungen aber an den eigentlichen Problemen vorbei. "Das Niveau an der Playa de Palma hat sich in den vergangenen fünf Jahren insgesamt deutlich verbessert", sagt der 50-Jährige. "Gläser auf der Straße sind weniger das Problem als etwa die Straßenhändler, die die Leute belästigen und jedes Jahr mehr werden." Zudem müsse vor allem nachts die Sicherheit auf den Straßen verbessert werden: "Immer wieder tauchen bei mir Gäste auf, die überfallen wurden", beklagt Büttner.

Erfolgserlebnis für die Nachbarn

Die Anwohner jedenfalls freuen sich über die Maßnahmen der Stadtverwaltung gegen die ausschweifenden Saufgelage. Biel Barceló, Chef der Nachbarschaftsvereinigung Playa de Palma, die seit Jahren ein Eingreifen fordert, spricht von einem Erfolgserlebnis. "Es ist der richtige Schritt für ein besseres Miteinander. Die große Mehrheit der Touristen hier ist ja auch nicht zum Saufen da, sondern die meisten Touristen wollen einfach Spaß haben", sagt er. "Und das können sie sicherlich viel besser ohne die Leute, die den Exzess suchen."

Drastisch erhöhte Geldbußen sollen zur Einhaltung der Regeln anspornen. 2200 Euro beträgt die Mindeststrafe für Vergehen gegen die neuen Regelungen. Für deren Einhaltung soll Augenmaß gelten: "Niemand kriegt Ärger, nur weil er ein Bier auf offener Straße trinkt." Es gehe darum, unsittliches Verhalten zu unterbinden, nicht mehr und nicht weniger. "Wenn Menschen auf der Straße urinieren, sich übergeben oder andere Urlauber belästigen, schreiten wir ein - und dann wird es Strafen geben."

Die Urlauber, die derzeit am Ballermann die Märzruhe vor dem Touristensturm genießen, sehen ohnehin bereits einen qualitativen Aufschwung an der Playa. "Der Ballermann hat einen abschreckenden Ruf, den er nicht verdient", sagen die Radurlauber Fernand und Annique aus Luxemburg. Vor allem die Hotels würden immer besser. Allein dadurch werde es schon zu "einer natürlichen Auswahl der Gäste kommen".

Jürgen Aktun aus Wuppertal hingegen fragt sich, ob die Playa de Palma überhaupt noch so wild ist wie ihr Ruf. "Ich war Ende der Siebzigerjahre hier, da war das eine andere Geschichte", erinnert sich der Deutsche. "Das, was hier heute abgeht, ist doch eher Exzess light."

Im Video: Mallorca kämpft ums Image (SPIEGEL TV 2014)

Patrick Schirmer Sastre, dpa

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