Masuren Langsamkeit auf Polnisch

Alles im grünen Bereich: Im polnischen Olsztyn erleben Besucher auch in der Stadt jede Menge Natur. Zu den Touristenmagneten zählen der größte Stadtwald Europas, eine Bootsfahrt auf dem Ukiel-See - und die Nase des Sternenforschers Nikolaus Kopernikus.


Olsztyn - Polens Nordosten ist für viele Deutsche ziemlich weit weg. Für die meisten Touristen hört hier, kurz vor der Grenze zu Weißrussland und Litauen, die bekannte Welt auf. Und wenn Deutsche an Masuren denken, dann haben sie vor allem Störche, Paddelboote und unberührte Natur im Kopf.

All das stimmt auch: Nirgendwo sonst in Europa ist die Zahl der Störche größer, und kaum irgendwo anders gibt es so ausgedehnte Wälder und Seen. Aber die Wojewodschaft Warmia-Mazury, der Regierungsbezirk Ermland und Masuren, hat darüber hinaus noch einiges mehr zu bieten.

Die mit Abstand größte Stadt im Nordosten Polens ist Olsztyn, rund 175.000 Menschen wohnen dort. Die Partnerstadt von Offenburg und Gelsenkirchen ist auch die Hauptstadt der Wojewodschaft. Olsztyn hieß früher Allenstein und gehörte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wie die gesamte Region zu Ostpreußen. Das Zentrum wurde im Krieg stark zerstört, als russische Truppen die Stadt in Brand steckten.

Polens Nordosten gehört nicht gerade zu den wirtschaftlichen Boomregionen. Von depressiver Stimmung ist aber nichts zu merken: Seit 1999 gibt es eine Universität, mehr als 30.000 Studenten leben in der Stadt. Rund um den Marktplatz gibt es etliche Restaurants, Kneipen und Cafés. Auch abends ist in der Innenstadt noch eine Menge los. Beim "Olsztyner Kultursommer" gibt es regelmäßig Folk, Jazz, Rock, Kabarett, Klassik, Oper oder Theater unter freiem Himmel.

Historisches Puzzlespiel

In der Nähe des Marktplatzes steht noch eine Reihe sehenswerter historischer Gebäude: das mittelalterliche Hohe Tor zum Beispiel oder das Rathaus, das zu den Baudenkmälern der "Europäischen Straße der Backsteingotik" zählt. Unweit des Rathauses erinnert eine Gedenktafel an Erich Mendelsohn, der 1887 in Allenstein geboren wurde.

Der später bedeutende Architekt aus einer jüdischen Familie studierte in München. Häuser nach seinen Entwürfen stehen in Israel ebenso wie in den USA. In Deutschland ist der Einsteinturm in Potsdam sein bekanntestes Werk. Ganz am Anfang seiner Laufbahn entwarf er eine Leichenhalle am jüdischen Friedhof seiner Heimatstadt.

Das Haus soll bald öffentlich zugänglich sein - seit 2006 gibt es in Olsztyn das Projekt Mendelsohnhaus, für das sich die Kulturorganisation Borussia stark macht. "Es soll ein Begegnungszentrum für den interkulturellen Dialog werden", sagt Yvonne Meyer, die Kulturmanagerin des von der deutschen Robert Bosch Stiftung unterstützten Projektes. "Die Rekonstruktion der Innenausstattung ist allerdings ein historisches Puzzlespiel."

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