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Europas Kulturhauptstadt 2019: Vom Schandfleck zum Unesco-Welterbe

Europas Kulturhauptstadt 2019 Matera, die unmögliche Stadt

Einst pfui, jetzt ui: Matera war der Schandfleck Italiens, jetzt ist die Höhlenstadt Europäische Kulturhauptstadt 2019. Nicht allen gefällt das.
Von Franziska Horn

"Matera sehen, reicht nicht. Matera muss man verstehen", sagt Nicola Rizzi. Der schlanke Mittsiebziger steht auf dem karstigen Rücken der Murgia Timone, hinter ihm bricht Hunderte Meter tief die Schlucht der Gravina ab. Auf der anderen Seite des Canyons thront die uralte Steinstadt aus Tuff mit rund 3000 Höhlenwohnungen, von Hand gegraben in weichen Kalkstein.

2019 wird diese Stadt aus Höhlen und würfelförmigen Bauten Europäische Kulturhauptstadt. Die Einwohner jubelten, als Matera 2014 den Zuschlag zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019 erhielt - zusammen mit der bulgarischen Stadt Plowdiw - und Konkurrenten wie Ravenna, Siena und Perugia schlug. "Matera19" bedeutete 54 Millionen Euro für die Kassen der ehemaligen Hauptstadt der Basilikata. Doch passiert ist bisher wenig.

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Europas Kulturhauptstadt 2019: Vom Schandfleck zum Unesco-Welterbe

Dass es überhaupt zur Ernennung kam, das liegt auch an Nicola Rizzi. Hier oben am Canyon erzählt er von der Geschichte dieser alter- und eigentümlichen Stadt. Davon, wie vor 11.000 Jahren erste Nomaden auf der Murgecchia siedelten, Gräben und Zäune um ihre Dörfer zogen. Seitdem war Matera durchgängig bewohnt und gilt als eine der ältesten Städte der Welt. "Warum hier? Weil es die wesentlichen Dinge gab", sagt Rizzi: "Nahrung, Wasser, Schutz vor Feinden und Unwettern in natürlichen Höhlen." Griechen zogen durch, Römer, Langobarden, Byzantiner, Sarazenen und Normannen.

"Wir blieben, was wir waren: Bauern und Höhlenbewohner, bis in die Zeit meiner Kindheit", sagt Rizzi, der 1944 in den Sassi geboren wurde. In Felshöhlen also - so heißt die Altstadt mit den beiden Vierteln Sasso Caveoso und Sasso Barisano. Zu dieser Zeit ging es den Menschen so schlecht wie kaum je zuvor.

Überlebt und vertrieben

"Ich bin ein Überlebender", sagt Rizzi und meint das wortwörtlich. Abgeschieden hausten um 1950 rund 15.000 Menschen in den Höhlen, rund 15 Köpfe pro Grotte und Familie, mitsamt dem Vieh: Hühner und Schweine unterm Bett, Maultiere nebendran. Die Kleinsten schliefen in Schubladen, die Großen zusammen im einzigen Bett. Das Getreide wurde mit Mahlsteinen bearbeitet. Es war feucht. Um nicht zu ersticken, blieb die Tür als einzige Quelle für Luft und Licht immer offen.

Das Leben fand im Freien statt, miteinander, man teilte die Vorplätze und backte das - bis heute sehr besondere - Brot von Matera in Sammelöfen. "Rund 50 Prozent der Kinder starben aufgrund von Malaria und anderen Krankheiten, die höchste Rate Italiens. Bis der in die Region verbannte Schriftsteller Carlo Levi Matera in seinem autobiografischen Roman "Christus kam nur bis Eboli" mit Dantes Inferno verglich.

"Vergogna nazionale", als Schandfleck Italiens, bezeichnete Politiker Palmiro Togliatti 1948 das Elend im Labyrinth. Per Gesetz Nr. 619 wurden die Sassi-Bewohner 1952 aus ihren Höhlen vertrieben und in neu errichteten Sozialwohnungen untergebracht. Die einstigen Bauern verloren die Arbeit, die Gemeinschaft, den Zusammenhalt.

Ein New York der Spätantike

"Ich bin glücklich, ich lebe. Carlo Levi war eine Hilfe", sagt Nicola Rizzi. Doch "die Höhlen sollten abgerissen werden und jede Erinnerung verschwinden." Rizzi weigerte sich, mit ihm rund 50 Studenten, die 1959 den Kulturverein "Circolo La Scaletta" gründeten.

"Die Sassi und die Cività - das ist nicht einfach altes Zeug. Das ist prähistorisch. Da steckt ein uralter Gedanke dahinter und ein cervello, ein Gehirn", sagt Rizzi. "Das ist unsere Identität, unser Weg als Menschen. Unter den rußschwarzen Decken der Grotten und Felsenkirchen finden sich bis heute Spuren, Fresken, Zeichen aller Epochen." Ein beispielloses Vermächtnis, das die Studenten mit Büchern und Ausstellungen verteidigten - erfolgreich, und Rizzi war 50 Jahre ihr Präsident.

Aus dem Kern von "La Scaletta" entstand eine Bewegung, die 1993 im Titel Unesco-Weltkulturerbe gipfelte, auch wegen des alten komplexen Systems von Zisternen. Seitdem hat sich viel getan - auch weil Gesetz Nr. 771 seit 1986 die Menschen in die Sassi zurückholte. Wo früher die Materani darbten, nächtigen heute Touristen in Fünf-Sterne-Höhlenhotels, dinieren in unterirdischen Sterne-Restaurants , entspannen in zu Spas ausgebauten Zisternen, sitzen staunend auf frisch renovierten Tuffsteinsterrassen.

Fremden bleibt diese Stadt schwer zugänglich. Ein New York der Spätantike, ein verschachteltes Über- und Untereinander, das Dach der einen ist Boden der anderen Wohnung. Vor die Eingänge gemauerte Fassaden maskieren tief verwinkelte Gänge. Stufen und Treppen, die scheinbar ins Nirgendwo führen, wie die irrealen Grafiken von M. C. Escher. Foto erfassen kaum das dreidimensionale Innenleben des Ortes, auch nicht die vierte Dimension: die dort gelebte Zeit.

"Wir brauchen Reisende, die sich Zeit nehmen"

"Der Unesco-Titel war enorm wichtig. Doch die Kampagne 'Matera19' ist nur Marketing, das ist - crap", sagt Rizzi, der lange als Englischprofessor unterrichtete. Jetzt, kurz bevor das Kulturhauptstadtjahr beginnt, sind die Materani skeptisch geworden. Zwar sind rund 40 Events wie Lichtershows, Ausstellungen, Musik- und Kunstaktionen der Matera-Basilicata-Fondation geplant. Doch sie seien kurzlebig und nicht kommuniziert worden, kritisieren die Einwohner. Auch die Aufgabe der neuen Open Design School  bleibt für viele abstrakt.

"Wir wollen kein zweites Disneyland werden", sagt Vincenzo Altieri. Der 47-Jährige stammt aus dem neuen Teil Materas, kaufte in den Neunzigerjahren ein Höhlenhaus im Rione Malve und machte ein Bed&Breakfast namens La Dolce Vita  daraus. "Das Geheimnis von Matera? Es besteht im Teilen, im Miteinander. Urban sharing nennen wir das heute. So gesehen war Matera eine Smart City, schon vor 10.000 Jahren. Matera ist eine Insel, deswegen hat sie überlebt."

Wenn's nach Altieri geht, soll das so bleiben. Vor der Terrasse seines B&B breitet sich der Caveoso wie ein weites Theater aus, von der Felsenkirche Santa Maria dell'Idris bis zum Palazzo Lanfranchi. Hinterm Haus verlaufen alte Wasserkanäle, ein Sichtzaun schützt die Ausgrabungen von 1200 Jahre alten Langobarden-Gräbern.

"Was willst du mit einem solchen Ort machen? Wir brauchen kein Matera19. Das ist nur ein Slogan, ein olympischer Titel, und im Grunde weiß keiner, was für Events wirklich geplant sind", sagt Altieri. "Wir sind nicht vorbereitet auf einen Ansturm von touristi, die Matera in drei Stunden aufrollen. Wir brauchen viaggiatori - wirklich Reisende. Die sich die Zeit nehmen, das Wesen der Stadt zu ergründen und ihre Geschichte. Storytelling kann die Welt retten."

Francesca Soardi, die in Matera Architektur studiert, freut sich, "dass wir Kulturhauptstadt werden". Das lenke den Blick auf den Mezzogiorno, den Süden, der meist brutta figura macht, eine schlechte Figur. "Aber man hätte das Kampagnengeld besser investieren können. Es fehlt an wichtigen Dingen wie Parkplätzen und Leitsystemen", sagt die 21-Jährige. "Wir haben schöne Museen und Galerien wie das MUSMA, aber kein Theater und nur zwei, drei winzige Büchereien." Soardis Berufziel: lieber Altes bewahren, als Neues zu bauen.

Was immer Matera19 bringen mag: Dieser Ort hat noch alle und alles überlebt. Am Ende werden es Menschen wie Rizzi, Altieri und Soardi sein, die das Erbe von Matera retten.

Europäische Kulturhauptstadt 2019: Matera

Franziska Horn ist freie Autorin von SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde zum Teil unterstützt durch ENIT und APT Basilicata.

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