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04. August 2018, 07:07 Uhr

Balearen

Zehn Gründe, warum es Menorca sein muss

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Mallorca hat billige Flugverbindungen, Topläden und ein großartiges Hinterland. Stimmt. Dafür überrascht Menorca mit Pomada, Avarcas oder dem Cami de Cavalls. Zehn Gründe für Urlaub auf der kleineren der beiden Inseln.

1 . Weil alle anderen nach Mallorca fahren

Malle für alle, für immer und ewig: Die Flieger nach Palma sind günstig, die Restaurants auf Topniveau, das Hinterland ist ein Hochgenuss, und Deutsch sprechen sie auch. Da kann Menorca nicht mithalten. Macht nix.

Die Menorquiner haben sowieso nie versucht, Mallorca den Status der strahlend schönen Schwester streitig zu machen. Stattdessen haben sie gelassen ihre Trockensteinmauern hochgezogen, ein paar Hotels gebaut und jeden Besucher herzlich empfangen. Um Touristen haben sie nie so gebuhlt wie die Nachbarn: Es gibt auf Menorca kein Dreisterne-Restaurant, kein international prämiertes Designhotel und keine Beachbar mit Hummer-Happy-Hour.

Dafür kann man in Mahón und Ciutadella in der Hochsaison durch die Altstadt und am Hafen entlang bummeln, ohne Angst um seine Füße zu haben. Und an den Stränden und Buchten ist immer irgendwo ein Platz frei ist - sogar für die Familienstrandmuschel.

2. Weil man mit nur einer Stunde Fußmarsch an wirklich ruhige Buchten kommt

Schon der Strand von Binigaus ist eine Wucht: Er liegt nur einen kurzen Spaziergang entfernt von der netten Bar in Sant Tomas. Der Sand dort ist so weiß und fein, dass er durch eine Sanduhr rieseln könnte. Ein paar Nudisten sonnen sich, und auf den Wellen tanzen zwei aufblasbare Einhörner. Wem das zu viel Animation ist, der wandert eine Stunde weiter zur nächsten Bucht, Cala Escorxada, und von dort aus weiter zur Cala Fustam. Dort ist dann wirklich Ruhe. Keine Strandbar, keine Einhörner. Nur ab und zu ein Wanderer.

3. Weil an jedem Wochenende irgendwo die Pferde den Jaleo tanzen

Im Juni beginnt die Saison der Fiestes, der Dorffeste. Ciutadella, die kleine Hafenstadt im Westen der Insel, macht den Anfang: Bei den Fiestes de San Joan sind die Gassen voll mit Menschen und Pferden. Angeheizt von den Fanfaren der Kapelle und den zackigen Befehlen der Reiter tänzeln dann Pferde auf den Hinterbeinen durch die Straßen.

Und nach ein paar Gläsern Pomada, einem teuflischen Gemisch aus Insel-Gin, gehacktem Eis und Zitronenlimonade, tanzen auch die Menschen. Es folgen Feste in Alaior, Sant Luis, Mercadal und Es Migjorn Gran. Höhepunkt und Abschluss der Saison sind die Festes de Gracia de deu in Mahón am ersten Septemberwochenende.

4. Weil man durch den größten Naturhafen Europas schippern kann

Als Weltenbummler umschifft man Hafenrundfahrten gerne: zu viel Klischee, zu viel Dieselgestank. Auf Menorca sollte man diese Vorurteile mal über Bord werfen und in eines dieser Ausflugsboote am Hafen von Mahón steigen.

Denn auf der 90-minütigen Tour vorbei an der Inseltrilogie Illa del Rei, Illa Quarantena und Illa de Llatzaret erfährt man viel über Menorcas Bedeutung im Laufe der Jahrhunderte: Die Insel war ein begehrter Stützpunkt der Seefahrer aller Nationen, weil sie strategisch günstig im Mittelmeer lag und der lang gestreckte Naturhafen - der zweitgrößte der Welt - die Verteidigung einfach machte.

Und wer mal eine Pause braucht von Fakten, genießt den Fahrtwind und den grandiosen Ausblick auf Mahón oder taucht ab ins Untergeschoss des Ausflugsbootes. Dort sieht man durch den Glasboden stattliche Fische, die durch die türkisgrüne Unterwasserwelt gleiten.

5. Weil die Insel schon ihren eigenen Gin destilliert hat, lange bevor es hip wurde

Als die Engländer zu Beginn des 18. Jahrhundert die Insel besetzten, hatten sie auch Gin im Gepäck, ihr Lieblingsgetränk zur damaligen Zeit. Als die Flaschen geleert waren, wollten sie in den Inselspelunken ihr Getränk bestellen - vergebens. Die Enttäuschung war groß - auf beiden Seiten des Tresens.

Bis ein paar findige Insulaner den Engländern das Rezept abschwatzten, Wacholder importierten und anfingen, Gin zu brennen. Sie verwendeten dafür neben den Beeren aromatisierten Wein, weshalb der menorquinische Gin eine ziemlich Wucht ist und heute weltweit in Bars ausgeschenkt wird. Wer sich anschauen will, wie aus den Wacholderbeeren in alten Kupferdestillierblasen Alkohol wird, besichtigt die Destillerie Xoriguer in Mahón.

6. Weil man sich für 30 Euro ein Paar Schuhe auf den Fuß schustern lassen kann

Avarcas, die traditionellen flachen Schuhe der menorquinischen Fischer, haben in den vergangenen Jahren eine steile Karriere hingelegt. Die Schlappen aus Leder und einer Sohle aus Autorreifen stehen in Pariser Nobelkaufhäuser im Regal. Selbst an den Füßen der spanischen Königin will man schon Avarcas gesehen haben. Auf der Insel gibt es sie an jeder Ecke zu kaufen, made in Menorca und längst auch als Imitate aus Fernost.

Doch wer bei S'Avarca (Lugar Moll De Llevant 21) einkauft, einem Garagenladen im Hafen von Mahón, kann sich sicher sein, ein Original zu tragen. Denn hier werden die Schuhe nach Kundenwünschen geschustert. Man wählt Modell sowie Farbe des Schuhs und des Riemens, dann schaut die Schusterin kurz prüfend auf die Füße. "Das ist eine 37,5", sagt sie mit Kennerblick. Kosten für den maßgeschneiderten Schuh: etwa 30 Euro. Wartezeit: zwischen zwei Stunden und drei Tagen, je nach Andrang.

7. Weil man mit etwas sportlicher Ambition einmal um die Insel wandern kann

185 Kilometer lang ist der Cami de Cavalls, ein ehemaliger Reiterpfad, der an der Küste entlang einmal rund um die Insel führt. Ihn in Gänze zu begehen, ist eine sportliche Herausforderung - nicht nur wegen der Entfernung, die sich in zehn Tagesetappen aufteilen lässt. Sondern auch, weil es kaum Hotels oder Hütten am Weg gibt. Man muss seine Route also so weitsichtig planen oder sich einer organisierten Tour anschließen.

Einfacher ist es, sich einzelne Etappen herauszusuchen. Dabei hilft das Buch "Der Cami der Cavalls" (Verlag Triangle Postals, gibt's in auf der Insel) mit detaillierten Beschreibung der Streckenabschnitte. Die Aussichten und Eindrücke am Weg sind in jedem Fall herrlich: die wilden Strände der Nordküste, die karibischen Buchten im Süden - und allüberall das Meer, das je nach Tageszeit in einem unterschiedlichen Blauton schimmert.

8. Weil es keine spektakulären Sehenswürdigkeiten gibt, die man unbedingt besichtigen muss

Liebhaber alter Steine werden angesichts der etlichen gut erhaltenen Talayot-, Taules- und Navetes-Skulpturen auf der Insel beglückt auf die Knie sinken. Doch wer archäologisch nicht so interessiert ist, kann die Steinhaufen auch einfach links liegen lassen. Und auch sonst gibt es auf Menorca keine echten Must-Sees.

Selbst den einzigen Berg der Insel, den 350 Meter hohen El Toro, kann man getrost sich selbst überlassen. Der Ausblick ist nett, aber der Gipfel ist durch Parkplatz, Souvenir-Shop und Funkmasten verbaut. Man kann also ganz ohne schlechtes Gewissen einfach am Strand liegen oder wandern und seinen Sundowner genießen. Und keine Angst: Niemand wird einen zu Hause fragen, welche Prachtbauten oder Kirchen man im Urlaub besichtigt hat.

9. Weil mitten im Biosphären-Reservat ein Strand existiert, der perfekt für Kinder ist

1993 wurde Menorca von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt. Die Einheimischen empfinden den Status als eine Hommage an ihren nachhaltigen Umgang mit der Natur. Der Kern des Reservats ist der Naturpark von S'Albufera d'Es Grau, eine Küstenlagune. Dort treffen sich Vögel aus dem Mittelmeergebiet und erfreuen Ornithologen.

Auch Familien fühlen sich wohl. Denn das Wasser am Strand von Es Grau ist so flach, dass es auch außerhalb der Hochsommermonate warm ist. Wellen gibt es praktisch keine, dafür einen Tretboot- und Stand-up-Paddle-Verleih. Und eine kleine Bar, an der man nach einem Strandtag gekühlte Getränke und eine Tortilla bekommt.

10. Weil allein Ensaïmadas eine Reise wert sind

Ensaïmadas sind der Albtraum jedes Ernährungsberaters: schmalziger Hefeteig mit einer Füllung aus Kürbismarmelade und einer dicken Schicht Puderzucker obendrauf. Zum Abnehmen taugt dieses Gebäck nicht. Doch was soll's? Es ist Urlaub! Und wenn der Tag mit einer frischen Ensaïmada beginnt, kann wenig schiefgehen. Dazu ein Café con leche oder ein warmer Kakao, und das Glück ist perfekt.

Weil Ensaimadas zu den wenigen Lebensmitteln gehören, die noch nicht globalisiert sind, nehmen viele Touristen sie gerne kistenweise mit und verstopfen die Handgepäcksfächer im Flieger. Doch so gut wie im Urlaub schmecken sie zu Hause nie.

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