Mikroskigebiete in Deutschland Ein Hoch auf die Gelassenheit

Herzogstandbahn

Von Johanna Stöckl


Wer Spaß im Schnee haben will, muss nicht viel Geld in alpinen Superlativ-Orten ausgeben. Mikroskigebiete vor der Haustür haben ihren eigenen Charme.


Wie ich den besonderen Reiz von Mikroskigebieten entdeckte? Alles begann am Sonnenalmschlepplift im österreichischen Weissensee, der eigens für mich in Gang gesetzt wurde.

Und das kam so: Eigentlich wollte ich auf dem See nur Schlittschuh laufen. Doch dann verwandelte heftiger Schneefall die Landschaft am Fuß der Gailtaler Alpen über Nacht in ein Winterwunderland, und ich konnte nicht widerstehen: Ich borgte mir Ski. In dem Skigebiet, das gerade einmal aus vier Liften besteht, trat dann der Liftmann nur für mich in Aktion. Ich war baff: ein Skilift on Demand!

Miniskigebiete wie jenes am Weissensee hatte ich bis dahin überhaupt nicht auf dem Schirm. Ich fuhr ausschließlich in Gebiete, die sich über Superlative definieren - größer, höher, länger. Nicht selten artete das bei mir in Skistress aus. Denn: Gibt man für Skireisen samt Liftkarten viel Geld aus, muss man - so ticke ich zumindest - die Kosten über möglichst viele, anspruchsvolle Abfahrten, absolvierte Pisten- oder Höhenkilometer rechtfertigen.

Erholsam ist das nicht. Mein Skitag am Weissensee hingegen schon. In Ermangelung an Liften und Abfahrten hatte ich viel Zeit und konnte ausgiebig das Panorama auf die Gipfel der Karnischen Alpen, den Tiefblick auf den See genießen, plauderte mit Einheimischen und freute mich am Anblick schneebeladener Bäume. Die Einkehr in der gemütlichen Naggleralm endete in einem Liegestuhl auf der Sonnenterrasse. 20 Euro kostete damals mein Liftpass für vier Stunden.

Seither bin ich auf der Suche nach solchen Mikroskigebieten und verbringe bewusst den einen oder anderen Skitag dort. Dort, wo die Aufstiegshilfen noch rassig "Hexenritt" oder gemütlich "Tannenbankerlift" heißen, wo anstelle eines anonymen, piependen Drehkreuzes ein Liftmann die Karte kontrolliert, wo man im langen Schlepper Zeit für ein richtiges Gespräch findet, macht das Skifahren nämlich auch Spaß.

Viele dieser Mikroskigebiete kämpfen Jahr für Jahr um das Überleben. Dabei sind es doch gerade die kleinen Lifte vor der Haustür, in denen der Nachwuchs kostengünstig erste wertvolle Erfahrungen auf zwei Brettern sammelt.

Auf dem 971 Meter hohen Wurmberg in Niedersachsen etwa, wo einen elf Pistenkilometer erwarten. Das größte Skigebiet Thüringens nennt sich Skiarena Silbersattel Steinach. Es besteht aus vier Liften inmitten eines weitläufigen Waldgebietes.

Während am höchsten Berg Baden-Württembergs, dem 1493 Meter hohen Feldberg mit 14 Liftanlagen ein vergleichsweise großes Skigebiet entstanden ist, geht es auf dem 1241 Meter hohen Kandel im Mittleren Schwarzwald weniger hoch her. Drei Schlepplifts bilden ein kleines Mikroskigebiet für Anfänger und Familien. Zwei Schlepper wiederum nur hat der Hang am Haldenköpfle - immerhin Flutlichtfahren ist hier möglich.

Fjordfeeling über dem Walchensee

In Bayern bilden gerade einmal vier Schlepplifte das Skidreieck Pröller bei Klingenbach. Dem üppigen Schneefall sei dank, wurde vergangene Woche auch das traditionsreiche Naturschneeskigebiet am Wendelstein durch die Lawinenkommission freigegeben. Zwei Bahnen enden knapp unterhalb des 1838 Meter hohen Gipfels. In nur sieben Minuten gondelt man in der Großkabinenpendelbahn ab Bayrischzell-Osterhofen nach oben.

Deutlich gemütlicher, aber viel imposanter ist die 30-minütige Auffahrt in der 1912 erbauten Zahnradbahn ab Brannenburg. Das technische Pionierwerk - die erste Hochgebirgsbahn Deutschlands - steht heute unter Denkmalschutz.

Seit über 100 Jahren tummeln sich im Winter versierte Skifahrer und ambitionierte Freerider auf den wenigen, aber langen Abfahrten und Varianten im äußerst anspruchsvollen Naturschneeparadies. Zwei Schlepplifte erschließen den Kessel der Wendelsteiner Almen. Eingekehrt wird 100 Meter unterhalb des Gipfels im 1883 eröffneten Wendelsteinhaus oder in der DAV-Hütte Mitteralm, auf der man übrigens ganzjährig übernachten kann.

Ein echtes Highlight war mein Skitag am Herzogstand hoch über dem Walchensee. Während im Sommer Ausflügler den 1731 Meter hohen Berg regelrecht okkupieren, ist er in den Wintermonaten ein echtes Paradies für Puristen. Das Retro-Skivergnügen inklusive Fjordfeeling gibt es allerdings nicht permanent, denn Schneekanonen gibt es hier keine. Ich aber erwischte Idealbedingungen.

An der Bergstation stieg ich erst einmal zur Kapelle hoch, ehe ich von dort in den Fahrenberghang fuhr, der über einen einzigen (!) Schlepplift erschlossen ist. Wildromantisch und konditionsraubend war die fünf Kilometer lange Abfahrt über den sogenannten Kaltwasserboden nach Urfeld am Walchensee, wo mich ein kostenloser Pendelbus wieder zur Talstation zurückbrachte.

Zehnmal habe ich diese Traumabfahrt geschafft. Dann war ich platt. Nicht viel anders als in Superlativskigebieten.

Zur Person
  • privat
    Johanna Stöckl, 51, ist in Leogang, einem Skigebiet im Salzburger Land, mehr oder weniger auf zwei Brettern geboren. Die Helden ihrer Kindheit: Franz Klammer, Ingemar Stenmark und Alberto Tomba. Heute würde die freie Autorin für einen Skitag mit Aksel Lund Svindal oder Kjetil Jansrud alles stehen und liegen lassen. Beruflich hat es die gebürtige Österreicherin nach München verschlagen.

    Im Pisten-Blog erzählt Stöckl von dem Genuss der frühen Abfahrt, philosophiert über den Charme von Mikroskigebieten und testet Produktneuheiten.


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21 Leserkommentare
Nutzer789 26.01.2017
mbde 26.01.2017
mikemccoy 26.01.2017
leos-amigo2 26.01.2017
chrisB 26.01.2017
ge1234 26.01.2017
axel_roland 26.01.2017
trepeis 26.01.2017
Sibylle1969 26.01.2017
matteo51 26.01.2017
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Wissenschaftler 2014 27.01.2017
shooop 27.01.2017

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