Mit Hans Kammerlander in Südtirol Spitzentanz am Felspfeiler

Das Dolomitenreich mit seinen lotrechten Wänden, Türmen und Zinnen ist für Hans Kammerlander das schönste Bauwerk der Natur. Der Extrembergsteiger berichtet von drei sanften Touren auf Wanderwegen und Klettersteigen durch die Südtiroler Bergwelt.


Ach ja, Südtirol, die Dolomiten. Wo soll man anfangen, wo aufhören. Man benötigt wahrscheinlich zwei pralle Bergsteigerleben und hat dann immer noch nicht jeden Winkel erkundet. Nach all den Expeditionen in die Bergwelt des Himalaja und des Karakorum bin ich stets gern zurückgekehrt ins warme, sonnige Südtirol und ins wunderbare Dolomitenreich der lotrechten Wände, Türme und Zinnen. Es ist für mich trotz aller Achttausender das schönste Bauwerk der Natur.

Erste Tour: Zum Gipfel des Tofana di Rozes

Autofahrer dürfen nur mit Sondererlaubnis das Paradies der Seiser Alm erleben
Andreas Riedmüller

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Acht mächtige Felspfeiler lassen die Südseite der Tofana di Rozes wie eine uneinnehmbare Festung erscheinen. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich in den schweren Touren dieser Türme klettern war. Kurioserweise habe ich aber nie den 3225 Meter hohen Gipfel erreicht. Unsere Routen waren immer schon unterhalb beendet, wir sind dann hinaus gequert auf ein waagerechtes Felsband und über steilen Schotter abgefahren, das heißt abwärts geglitten. Erst bei einer Tourenwoche mit Gästen kam ich bis zum höchsten Punkt.

Mit dem Auto zweigt man, von Cortina oder aus dem Gadertal kommend, an der Falzarego-Passstraße ab und erreicht über eine holprige Schotterpiste das Rifugio Dibona. Den ausdauernden Wanderer führt der Weg von dort 1200 Höhenmeter hinauf zum Rifugio Giussani und noch weiter durch die zerklüftete Nordostflanke bis zum Gipfel.

Die Aussicht, die sich uns dort bot, gehört zum Spektakulärsten, was die Dolomiten zu bieten haben: die benachbarten Gipfel des Tofana-Dreigestirns, der Felsriegel des Pomagagnon, Sorapis, Monte Pelmo, Civetta, Marmolada, Sellagruppe, die Drei Zinnen und der vergletscherte Alpenhauptkamm - wie aufgereiht fügen sich die Gipfel in einer grandiosen 360-Grad-Rundumschau zusammen.

Der etwas schärfere Anstieg auf das Haupt der Tofana di Rozes führt durch die steile und schattige Westwand. Um dorthin zu gelangen, muss man jedoch zuerst den halben Berg umrunden und durch einen stockdunklen, ehemaligen Versorgungsstollen aus dem Ersten Weltkrieg steigen. Erst dann beginnt das Abenteuer.

"Via ferrata Lipella - Tofana di Rozes per esperti", so steht es auf einem Schild. Nur für Experten - der Hinweis soll ahnungslose Wanderer bremsen, denn die scheinbar endlose Wandquerung verlangt Kondition, eine solide Klettersteigerfahrung und vor allem die volle Ausrüstung mit Klettergurt, Seilstück, Karabiner und Helm. Erst dann wird der Spitzentanz entlang des über 1400 Meter langen Drahtseils zum wahren Genuss.

Ohne Erfahrung ist es nicht unbedingt zu empfehlen, den Wechsel vom Wanderweg in die Klettersteiganlagen zu riskieren. Unter der Anleitung eines Bergführers jedoch ist der Spaß am sichernden Stahlseil schnell gelernt. Und zum Auftakt muss es gewiss nicht gleich die düstere Westwand der Tofana sein.

Zweite Tour: Pisciadu-Klettersteig

Die Eisenwege sind eine Spezialität der Dolomiten. Oft folgen sie den unsäglichen Spuren des Dolomitenkrieges. Die neueren Anlagen wurden meist recht spektakulär in steile Wände gelegt. Nicht mehr wandern und noch nicht frei klettern, das ist vereinfacht das Motto in den Klettersteigen. Für viele Bergfreunde sind die gesicherten Anlagen eine spannende und abwechslungsreiche Angelegenheit. Bester Beleg dafür ist die Beliebtheit des Pisciadu-Klettersteiges, der sich kühn durch die Nordseite des mächtigen Gebirgsstücks der Sellagruppe bis hinauf auf das berühmte Terrassenband zieht.

In jener Kurve der Grödner-Joch-Passstraße, die, von Kolfuschg kommend, am nächsten an den Sellastock heranreicht, liegt ein großer Schotterparkplatz. Von dort aus sind es nur fünf Minuten bis zum Einstieg. Luftige, ausgesetzte und steile Passagen in gut gestuftem und perfekt abgesichertem Fels leiten den mutigen Geher immer weiter hinauf, bis zu einer Schlüsselstelle in abgespecktem Fels, einer senkrecht montierten Leiter und schließlich zu einer schwankenden Hängebrücke, die über einen tiefen Felsspalt führt.

Eine Viertelstunde später sitzt man gemütlich bei Elvira und Renato in der schmucken Pisciadu-Hütte und genießt den herrlichen Ausblick. Wem der Tag dann noch nicht "rund" genug ist, dem sei empfohlen, auf die Pisciadu-Spitze (2985 m) zu steigen und dort die Augen über ein Meer an Gipfeln gleiten zu lassen.

Das sind die Stunden, in denen sich nichts leichter schmieden lässt als immer neue Pläne für immer neue Bergtouren. Glitzernd und gleißend präsentiert sich prachtvoll im Norden Südtirols der Alpenhauptkamm, Ortler, Ötztaler, Stubaier, Zillertaler Alpen, Großvenediger, Glockner. Eine weiße Perlenschnur schmelzender und damit vergänglicher Gletscher am nahen Horizont.

Dritte Tour: Neveser Höhenweg

Keine Frage, diesem Lockruf kann man sich nicht entziehen. Kurvenreich geht es das Mühlwaldertal hinauf, das kurz vor Sand in Taufers, dem Hauptort im Tauferer Ahrntal, abzweigt. Ein Katzensprung nur von meinem Heimatdorf Ahornach entfernt. Beim Nevesstausee bleibt das Auto stehen, und wir steigen beschwingt von der morgendlichen Kühle von 1856 Metern Höhe hinauf zur Chemnitzer Hütte (2420 Meter), wo die eigentliche Tour auf dem Neveser Höhenweg beginnt.

Bis zur Edelraut-Hütte sind es rund acht Kilometer. In heiterem und nie wirklich anstrengenden Auf und Ab querten wir an einem Frühsommertag den beeindruckenden Gletscherschliff und die Moränenhänge unter so gewaltigen Gipfeln wie dem Weißzint und dem Möseler, überquerten die vielen kleinen und großen Gletscherabflüsse, die Richtung Stausee springen. Dass wir am Ende eine unfreiwillige Dusche bekamen, war nicht vorhersehbar.

Bei einem Wasserfall, die Hütte schon in Sicht, war die im Sommer übliche Überbrückung auf einem kleinen Steg noch nicht montiert. Den ganzen Weg wieder zurück? Nein. Mittendurch. Eiskalt schoss das Wasser in den Kragen und unten bei den Hosenbeinen wieder hinaus. In der prallen Sonne waren unsere Sachen schnell getrocknet und die Wirtsleute auf der Hütte hatten ihren Spaß.

So ein Bergsommer ist lang. Doch wenn man ihn geschickt plant, wird er nie langweilig. Die Tofana di Rozes und ihr fast alles überragender Gipfel, der Pisciadu-Klettersteig auf das Terrassenband der Sella und der Neveser Höhenweg auf der Südseite der Zillertaler Alpen, das sind nur drei Touren aus dem grenzenlosen Angebot.

Da frage ich mich schon, wo anfangen und wo aufhören ...



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