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Mein Weg auf den Mont Blanc Ruhig, friedlich, atemberaubend schön

Am Gipfeltag ist Unwetter angekündigt - das Zeitfenster für die Besteigung des Mont Blanc ist klein. Dennoch wagt Katherine Rydlink den Versuch. Sie bereut es nicht.

Ich darf nicht ausrutschen. Auf keinen Fall. Wenn ich ausrutsche und es nicht schaffe, meinen Eispickel rechtzeitig in den Schnee zu rammen, um irgendwie daran Halt zu finden, werde ich in die Tiefe gleiten.

Nicht nur ein paar Meter wie früher als Kind, wenn man im Winter auf dem Hosenboden Schneehügel hinuntergerutscht ist. Wenn ich hier am Mont Blanc den Halt verliere, werde ich über eine Steilflanke Hunderte Meter in die Tiefe fallen. Dabei werde ich schon nach wenigen Sekunden eine Geschwindigkeit haben, die es unmöglich macht zu bremsen.

Wahrscheinlich werde ich dabei den Fotografen Ralf Gantzhorn  mitreißen, der hinter mir geht. Und wahrscheinlich auch Nils Wülker , der mich von vorne am Seil führt. Bei einer Steigung von rund 50 Grad wird er kaum eine Chance haben, mich zu halten. Also bloß nicht ausrutschen, jeder Schritt muss sitzen, jeder Schritt erfordert einhundert Prozent Konzentration.

Fotostrecke

Mont Blanc: Unwetterwarnung am Gipfeltag

Foto: Ralf Gantzhorn

Gerne würde ich sagen, dass wir langsamer gehen sollen. Ich denke an meine Stunden in der Höhenkammer: Immer wenn die Sauerstoffsättigung in meinem Blut unter 80 Prozent fiel und ich aus der Puste war, bin ich einfach langsamer gegangen, und sofort hat sich mein Puls beruhigt, das Atmen fiel wieder leichter. Doch für den Nachmittag ist ein Unwetter angekündigt, da wollen wir nicht auf dem Gipfel des höchsten Bergs der Alpen stehen.

Noch drei Gipfel bis zum Mont Blanc

Am Abend zuvor habe ich mit Nils noch einmal die Route besprochen: 1 Uhr Frühstück, spätestens halb 2 los. Vom Refuge des Cosmiques (3613 Meter) aus wollen wir über die Trois-Monts-Traverse (oder auch Cosmique-Route) versuchen, den Mont Blanc zu besteigen. Dabei müssen wir zunächst den Mont Blanc du Tacul (4248 Meter) und den Mont Maudit (4464 Meter) überschreiten, bis wir schließlich auf dem Gipfel des Mont Blanc (4810 Meter) ankommen.

Mehr als 1600 Höhenmeter müssen wir dabei insgesamt überwinden, fast ausschließlich in Absturzgelände mit Steigungen von bis zu 50 Grad unterwegs sein. Auf der Route droht Eisschlag und Lawinengefahr, Absteigen wollen wir über den Normalweg, mit einer Pause in der bekannten Goûter-Hütte. Dann weiter durch das steinschlaggefährdete Grand Couloir und bis ins Tal. Wenn alles gut läuft, könnten wir am späten Nachmittag in Chamonix endlich unsere wohlverdienten Croissants essen. Die Route wird auf der Hochtourenskala als "wenig schwierig" (WS+) bis "ziemlich schwierig" (ZS-) angegeben.

Unser Zeitfenster ist klein, wir haben nur etwa zwölf Stunden für Auf- und Abstieg, vielleicht 13. Ist das machbar? Für gute Bergsteiger, die sich sicher mit Steigeisen und Pickel in alpinem Gelände bewegen können, die gut akklimatisiert und konditionell sowie mental fit sind: ja. Immer mehr bekomme ich das Gefühl, dass ich noch einiges an Erfahrung sammeln muss, bevor ich mich dazu zählen kann. Wir wollen es trotzdem versuchen.

Um viertel vor eins klingelt also der Wecker. Auf der Cosmique-Hütte werden die Zimmer nach Frühstückszeiten vergeben, zwölf müde Gesichter schauen verschlafen aus ihren Betten. Eine Viertelstunde später wartet im Speisesaal eine lange Schlange vor der Müsli-Ausgabe. Um diese Uhrzeit isst man nicht aus Genuss, es geht um die Kalorien. Pünktlich um halb zwei laufen wir los. Nils führt, ich in der Mitte, Ralf läuft als Letzter. Mit uns starten noch etwa zehn weitere Seilschaften, alle wollen es noch vor dem Unwetter auf den Gipfel schaffen.

Der Aufstieg ist anstrengend und zermürbend. Die Steigung ist so steil, dass meine Waden bald krampfen. Auf allen Vieren kriechen wir die Spur hoch, rammen immer abwechselnd Steigeisen und Eispickel in den Schnee. Dabei keuche ich wie eine Kettenraucherin. Mein Blickfeld reduziert sich auf den Lichtkegel meiner Stirnlampe. Vielleicht auch besser so, dann sehe ich wenigstens nicht, dass über mir riesige Séracs in den Himmel ragen - Türme aus Gletschereis, von denen jeden Moment Eisstücke abbrechen und auf uns zurollen können.

Mehrfach überqueren wir kleinere und größere Gletscherspalten. Einmal staut sich die Karawane aus Seilschaften, als wir auf einen kleinen Vorsprung klettern müssen. Einmal verkante ich mit meinem Eispickel und komme dadurch beinahe aus dem Gleichgewicht. Ich blicke den Abhang hinter mir hinunter. Noch einmal gut gegangen.

Nach etwa zweieinhalb Stunden und fast 600 Höhenmetern erreichen wir den Mont Blanc du Tacul, den ersten von drei Gipfeln. Erschöpft und leicht schwummrig von der Höhe bleibe ich stehen. Vor uns erhebt sich die weiße Kuppe des Mont Blanc in der Dämmerung, er sieht mächtig aus - und bedrohlich.

Der Weg, der noch vor uns liegt, und die Unwetterwarnung für den Nachmittag bereiten mir nicht nur Sorgen. Sie machen mir Angst. Was, wenn ich vor der Eiswand stehe und nicht mehr weiter kann? Was, wenn wir den Gipfel erreichen und die Gewitterwolken aufziehen? Was, wenn wir das Grand Couloir zur ungünstigsten Tageszeit begehen müssen und ich bis dahin so erschöpft sein werde, dass ich den "Todeskorridor" nicht mehr zügig durchqueren kann?

Zur Person
Foto: SPIEGEL ONLINE

Katherine Rydlink, geb. 1988, arbeitet seit drei Jahren bei SPIEGEL ONLINE. Sie kommt aus Würzburg. Erst im flachen Norddeutschland hat sie ihre Liebe zum Klettern entdeckt. Auf einem Viertausender stand sie noch nie. Einen Versuch ist es trotzdem wert, denkt sie, und will in diesem Sommer den Mont Blanc besteigen. Drei Monate hat sie für die Vorbereitung.

Ich beschließe, dass heute nicht der Tag ist. Zu viele Zweifel, zu schlechte Bedingungen. Ich habe mir vorgenommen, nichts zu riskieren. Als die Enttäuschung beginnt, mir langsam den Hals zuzuschnüren, drehe ich mich um - und erblicke Chamonix, das rund 3000 Meter unter uns liegt: ein Meer kleiner Lichtpunkte.

Wie willst du jemandem Liebe beschreiben, der noch nie geliebt hat?

So eine Perspektive kenne ich sonst nur aus dem Flugzeug. Dicke Wolken hängen in den umliegenden Bergen, deren bizarre Umrisse sich vom klaren Sternenhimmel abheben. Der zahnförmige Gipfel des Dent du Géant, den wir am Vortag bestiegen haben, sieht von Weitem noch eindrücklicher aus. Ich drehe mich wieder um, in Richtung Mont Blanc. Wie kleine Glühwürmchen leuchten die Stirnlampen der anderen Seilschaften in der Ferne, schlängeln sich langsam den Berg hoch. Es ist ruhig, friedlich, atemberaubend schön. Für Enttäuschung ist hier kein Platz.

"Jemandem zu erklären, wie es sich anfühlt, so einen Berg zu besteigen, der noch nie in alpinem Gelände war, ist, als wolle man jemandem beschreiben, wie sich Liebe anfühlt, der noch nie geliebt hat", sagt Nils ein wenig später zu mir, als ich gerade in den dritten Schokoriegel des Tages beiße. Wir sind inzwischen wieder abgestiegen und sitzen auf unseren Rucksäcken am Fuß des Mont Blanc du Tacul.

Ich bin ein bisschen überwältigt von meinen Emotionen, schlapp vor Erschöpfung und Schlafmangel. Innerhalb von drei Tagen bin ich zum ersten Mal auf einem Grat gelaufen, zum ersten Mal mit Bergschuhen eine Mehrseillängentour geklettert und war zum ersten Mal in meinem Leben über 4000 Meter. Nils und Ralf plaudern in der Sonne. Endlich ist es warm. Es war die richtige Entscheidung, umzukehren.

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Eberlein, Hartmut, Gantzhorn, Ralf

Hochtouren Westalpen Band 2: Zwischen Monviso und Mont Blanc. 102 Fels- und Eistouren (Rother Selection)

Verlag: Rother Bergverlag
Seitenzahl: 352
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Dies ist der letzte Teil einer sechsteiligen Multimedia-Serie "Mein Weg zum Mont Blanc". Hier können Sie alle Teile lesen oder hier:

Teil 1 - Der Mont Blanc und ich: Warum mich Schweiß und Angst glücklich machen

Teil 2 - Gefahren: "Beim Klettern will man fallen, beim Bergsteigen nicht"

Teil 3 - Training: Atemlos in der Höhenkammer

Teil 4 - Technik: Mal in die Gletscherspalte springen

Teil 5 - Eingehtouren: Die Nerven liegen blanc