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Münchens Hausberge: Genussziele in Bayern

Foto: Bernd Ritschel

Münchner Hausberge Zwischen Gipfelkreuz und Bräustüberl

Die Münchner Hausberge sind keine Arenen für Helden oder Grenzgänger, sondern laden zu entspannten Touren ein. Kaum jemand kennt sie besser als TV-Moderator Michael Pause. Eine Liebeserklärung mit Tipps für die besten Touren.

Es ist zwei Jahre her, dass ich mit meiner Frau am Brotzeitfelsen unter den Ruchenköpfen rastete und einen sportlichen Typen, geschätzt Mitte 30, beobachtete. Zunächst eilte er mit schnellem Schritt und entschlossenem Blick grußlos an uns vorbei zum Ansatz der Felswand, blieb am Einstieg der Westgratroute kurz stehen, querte weiter mühsam und mit suchendem Blick zwischen Latschengestrüpp und Felsen entlang, um nach einigen Minuten kopfschüttelnd zurückzukommen.

"Keine Ahnung, wo da der Klettersteig sein soll", bemerkte er leicht entrüstet, als er zum zweiten Mal bei uns vorbeimarschierte. "Oh mei", dachte ich mir, "der arme Kerl hat sich bei der Suche nach einem Tourenziel mit Drahtseilsicherung wohl im Internet verstiegen." Einen Klettersteig gab's und gibt es nämlich an den Ruchenköpfen nicht. Und das ist gut so.

Bergsteigern

An den Ruchenköpfen im Spitzinggebiet, einem schroffen Felsriff über lieblichen grünen Talmulden, haben schon Generationen von Münchner ihre ersten Erfahrungen im steilen Fels gesammelt. Und keiner hat die bunten Griffe vermisst, an denen sich heutzutage mancher Ruchenkopf-Neuling schon in München-Thalkirchen auf das Klettern "outdoor" vorbereitet hat.

Am Normalweg über den Westgrat, durchs "Fensterl" und über den "Weiberschreck" hat mein Vater auch mir vor 50 Jahren die ersten Kletterlektionen erteilt, und dort sind auch meine beiden Kinder vor gut 20 Jahren erstmals am Seil ein Stück mit mir gekraxelt. Das soll übrigens niemand zu der Annahme verleiten, bei den Ruchenköpfen handle es sich um alpinistischen "Kinderkram": Ein bedeutender Kletterpionier hat sich in der Südwand auch mit einer Erstbegehung verewigt - Hans Dülfer (1892-1915).

Natürlich darf man sich im Fels der Ruchenköpfe auch im "Zweiergelände" des Normalwegs keinen Fehltritt leisten und sollte sich als wenig geübter Kletterer unbedingt mit einem Seil sichern, und doch reizt beim Herumturnen an diesem Kalkzahn immer das spielerische Erlebnis. Nein, es ist nicht der hehre Alpinismus, den ich in "meinen" Hausbergen suche, sondern das genussvolle Unterwegssein in der Natur.

Erfrischung im eiskalten Bach

Mit viel Vergnügen also, aber genauso mit dem notwendigen Ernst, mit der unvermeidlichen Plage, mit Schweiß, Hunger und Durst - und einer guten Brotzeit danach. Die haben wir uns nach der Kletterei an den Ruchenköpfen nicht selten erst an den Gumpen des Pfanngrabens gegönnt, also verbunden mit der Abfrischung im eiskalten Bach. Ein Paradies für Groß und Klein. Heutzutage denken viele Wanderer, wenn sie von der Kümpflscharte nach Süden absteigen, an den armen Braunbären Bruno, dessen Ausflug auf die Alpennordseite im Juni 2006 nahe der Kümpflalm ein jähes und trauriges Ende fand.

Alpen

Meine Hausberge sind die Münchner Hausberge, weil ich immerhin in München-Schwabing geboren wurde und weil dieser zentrale Teil der bayerischen in meiner Kindheit das Ziel vieler Familienausflüge war. Zwischen Chiemgauer und Ammergauer Gipfeln, zwischen Kampenwand und Klammspitze befanden sich meine alpinen Spielplätze und Schulzimmer.

Ich denke heute von Herzen gern an unser "Standardprogramm" zurück: Fast immer führte uns die erste Tour im Frühsommer vom Kesselberg, dem Minipass zwischen Kochel- und Walchensee, hinauf auf den Jochberg. Für einen Fünfjährigen war - und ist - das ein spannender Ausflug, mit bangen "Wie weit ist es noch?"-Fragen, mit dem Staunen über das Tief- und Fernblick-Erlebnis und dem Gefühl der stolzgeschwellten Kinderbrust unter dem Gipfelkreuz.

Längst weiß ich, dass der Jochberg für einen bergerprobten Erwachsenen eine ausgedehntere Spritztour ist und mittlerweile die Karawane von (oft nicht bergerprobten) Wanderern bei Bilderbuchwetter schier endlos ist. Früher gab's auf der Jocheralm unter dem Gipfel nur die Landwirtschaft, heute floriert während der Almsaison die (einfache) Gastwirtschaft. "Win-win-Situation" nennt man so etwas heute.

Zwischen zwei Welten

Auch die andere Seite der Kesselbergkerbe besuchten wir beim Familienausflug - immerhin mindestens acht Personen - jedes Jahr einmal, oft an klaren Herbsttagen: die Höhenpromenade vom Herzogstand zum Heimgarten. Sie ist vermutlich der Münchner Bergwanderklassiker schlechthin.

Selbstverständlich hat sich manches am liebenswerten Drumherum im Lauf der Jahre geändert - bis 1994 schwebten wir beispielsweise mit einem Lift nach oben, dessen Sessel quer zur Fahrtrichtung aufgehängt waren, um so den Walchenseeblick besser genießen zu können - und an den kurzen ausgesetzten Gratpassagen spielen sich gelegentlich trotz Drahtseilsicherungen wahre Dramen ab.

Dennoch haben sich Charme und Faszination der Überschreitung erhalten sowie das Gefühl, sich zwischen zwei Welten zu bewegen, der flachen im Norden und der steilen im Süden. Hier breitet sich die grüne Hügel- und Seenlandschaft des Alpenvorlands aus, dort ziehen die schroffen Fels- und Firngipfel von Karwendel und Stubaiern die Blicke auf sich. Immer wurden wir am Ende der Tour in einem Café mit Kuchen belohnt, oder mit einem Sprung in den eisigkalten Walchensee.

Kraxeln mit schweren Beinen

Wenn der Familienausflug in Richtung Tegernseer Berge führte, wussten wir Kinder immer, dass der Tourentag zuverlässig im Tegernseer Bräustüberl enden würde. An dem konnte unser Vater nämlich nicht vorbeifahren. Gegen die alpine Vorbereitung gab es keine Einwände, weil der Berg für uns immer spannend war und weil es kein Nintendo, Fernsehen und Internet gab: So bummelten wir vom Wallberg am Setzberg vorbei zum Risserkogel, oft mit einem Abstecher zum spielerischen Kraxeln am Plankenstein; der Abstieg über die Sieblialm und entlang der Rottach bis nach Enterrottach konnte sich mit schweren Beinen schier unendlich in die Länge ziehen.

Mal ging es vom Parkplatz hinter Bayerwald südseitig hinauf zum felsigen Gipfelpaar von Roß- und Buchstein, wo wir unseren Durst schon an der Tegernseer Hütte löschen konnten; oder wir stiegen von Wildbad Kreuth durch die enge Wolfsschlucht steil und keineswegs ungefährlich zum Schildenstein hinauf.

Mittendrin im Vorgipfelmeer steht man dort und das ganz große Panorama fehlt eindeutig, aber ein Tag mit viel Vorbergeromantik und Reminiszenzen an Ganghofersche Bilder hat ja auch seinen Reiz. Erst etliche Jahre später "entdeckte" ich am flachen Sattel unter dem Schildensteingipfel die Abzweigung nach links, wo der markierte Weg durch den lichten Bergwald hinüber zur Blaubergalm führt; hinter der setzt dann die große Überschreitung des Blaubergkamms zur Halserspitze an: mit einem langen Abstieg zurück nach Siebenhütten durchaus eine anstrengende Tour.

Nur richtig harte Typen schaffen es, am Mini-Biergarten von Siebenhütten ohne Stopp vorbeizugehen und Hunger und Durst noch bis zum Bräustüberl zu (er)tragen. Im legendären Wirtshaus prangt noch immer der schöne Spruch an der Wand: "Eene Jämse zu morden, det wär mein Plaisir, doch mein jottvolles Äußeres zu fliehen mir zwingt ihr." Oh mei - Tegernsee und seine Zuagroasten, ein ganz spezielles Kapitel in der Geschichte der modernen Völkerwanderung.

Erinnerung an königliche Bergausflüge

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Münchens Hausberge: Genussziele in Bayern

Foto: Bernd Ritschel

Dem Karwendel fühlen sich Münchner besonders verbunden, weil dort "ihre" Isar entspringt - und weil dieses Gebirgsmassiv auch heute noch etwas ganz Besonderes ist: Die touristische Erschließung beschränkt sich dort wunderbarerweise nur auf die Randgebiete und auf den berühmten Talschluss der Eng.

Der weitläufige Talboden mit den alten Ahornbäumen, dahinter die riesigen Felsmauern zwischen Lamsen- und Dreizinkenspitze - wer könnte sich der Wirkung dieses Anblicks entziehen? Auch die Busausflügler, die sich nach dem Spaziergang zu den Engalmen auf der Terrasse des Wirtshauses in der Eng mit Kaffee und Kuchen stärken, spüren die Faszination des Ortes.

Wer Kondition hat für ein paar Stunden Aufstieg und das Visavis der vertikalen Karwendelwelt allein oder im kleineren Kreis bewundern will, wandert von der Eng auf die Gipfel von Gamsjoch oder Sonnjoch; und wer statt der Gipfel lieber eine Hütte ansteuert, steigt übers Hohljoch zur Falkenhütte - unterhalb der berühmten Kante, die nach dem Münchner Otto Herzog benannt ist - oder übers Lamsenjoch zur Lamsenjochhütte. Die große Einsamkeit lässt sich zwar heute dort auch nicht mehr finden, aber ein freundliches "Grüß Gott" ist bei Begegnungen mit Gleichgesinnten noch möglich.

Blick auf die Hohen Tauern

Einen der schönsten Karwendelgipfel habe ich erst kennengelernt, als ich schon in Begleitung eines Kamerateams bergauf und bergab in meinen Hausbergen unterwegs war - den Schafreuter. Seine markante felsige Sichel ist eindeutig der Blickfang bei der Anreise durch den Isarwinkel, und seinen wahren Trumpf spielt er erst ganz oben aus: Während der letzten halben Stunde am langen Gipfelgrat bauen sich die Karwendelwände in der idealen Distanz auf.

Ihre Wucht ist zu erkennen, aber aus dieser Perspektive wirken sie nicht mehr bedrückend. Und die Firngipfel der Hohen Tauern glänzen am Horizont. Ein schöner Lohn für 1200 Meter Aufstieg. Beim Abstieg kann man auf der Tölzer Hütte einkehren, oder vor der Heimfahrt im schönen alten Wirtshaus von Vorderriß, wo Ludwig Thoma einige Jahre seiner Kindheit verbrachte.

Zwar befinden sich Ammergauer Berge und München noch immer in derselben Entfernung wie vor 50 Jahren, und doch sind die Berge und die Großstadt viel näher zusammengerückt, seit es die Autobahn nach Garmisch-Partenkirchen gibt. Ohne den berüchtigten Stau bei Eschenlohe ist es nur noch ein Katzensprung nach Ettal oder Oberammergau. Am Laber genoss ich als Kind das Bergauf mit der Seilbahn, heute bewundere ich die nostalgische Technik. Aber die Bahn fährt und erspart viele, viele Schweißtropfen. Für Spätaufsteher (und Stauliebhaber) ist der Laber per Seilbahn ein lohnendes Ziel, weil man vom Gipfel hinunterschaut: ins Murnauer Moos, zum Karree des Ettaler Klosters, hinüber zur Notkarspitze und zum Wetterstein mit der mächtigen Zugspitze.

Zu Manndl und Weibl

Bayern

Der Abstieg dauert nicht länger als zwei Stunden und hält mit dem Felsturm des Ettaler Manndl eine nette Überraschung bereit: Die größte Gefahr bei der Kraxelei, die mit Eisenketten gesichert ist, ist wohl der völlig glatt polierte, "abgespeckte" Fels. Oben blickt man zum zweiten Felsturm, dem Ettaler Weibl, und freut sich, dass man in auch einem Felszacken die Zweisamkeit gönnt. Wer das Ettaler Manndl "by fair means" von Ettal aus angeht, kann nach der Tour in der Klosterkirche den Geist und danach in der Wirtschaft den müden Körper laben.

Münchner Hausberge ohne König-Ludwig-Reminiszenzen - das darf nicht sein. Seiner Büste sind wir schon am Herzogstand begegnet, auf dessen Gipfel auch ein Pavillon an königliche Bergausflüge erinnert; wir könnten seinen Spuren in der Soierngruppe folgen oder am Schachen hoch über Partnachklamm und Reintal. Am schönsten ist es aber vielleicht doch am Pürschling, weil wir dem unglücklichen Monarchen unten im Schloss Linderhof und oben in seiner Jagdhütte, den heutigen Brunnenkopfhäusern, begegnen.

Wobei die schönste Pürschling-Tour in Unterammergau beginnt, zum August-Schuster-Haus hinaufführt und weiter über Teufelstättkopf, Laubeneck und Hennenkopf zum Brunnenkopf traversiert. Als Höhepunkt haben wir von dort immer noch die Klammspitze "gepackt". Ein Gipfel, dem das felsige Finale die Krone aufsetzt. Es sind keine kühnen Kletterkünste gefragt, aber ein Fehltritt wäre doch fatal.

Oben sitzen wir wieder einmal in der ersten Reihe: Unter uns sehen wir den Pfaffenwinkel, in der Ferne vielleicht die Großstadt, und in der Gegenrichtung baut sich mächtig die Zugspitze auf. Solche Vorberge sind halt keine Arenen für Helden und Grenzgänger, und doch können sie jenes Gefühl von Glück und Zufriedenheit erzeugen, das uns hilft, auch das Dasein in tieferen Gefilden mit Heiterkeit und Gelassenheit zu bewältigen.

Aus "Alpin" 4/2010

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