Musik-Rundreise durch Irland "Mein Lieblingsort? Diese Kneipe!"

Charmante Originale mit Gitarre oder Akkordeon: Die wahren Helden der irischen Musikszene trifft man in Pubs und Fußgängerzonen. Hier verraten zehn von ihnen bei ein paar Pint ihre Lieblingssongs und Reisetipps.

Temple Bar in Dublin: In Irlands Kneipen lernt man viel über das Land
Rolf G. Wackenberg

Temple Bar in Dublin: In Irlands Kneipen lernt man viel über das Land

Von Sarah Paulus


Ob Sinéad O'Connor, The Dubliners, Thin Lizzy, Rory Gallagher oder die unvermeidlichen U2: Irland hat weniger Einwohner als Hessen - und trotzdem eine ganze Reihe weltbekannter Musiker hervorgebracht.

Doch auch jenseits der großen Bühnen wird die musikalische Tradition des Landes im Alltag gelebt. Auf Straßen, Plätzen und in Bars, die es in jedem Ort gibt, sei er noch so klein.

Irische Pubs sind eine Mischung aus Omas guter Stube und Heimatmuseum. Im Kamin brennt der Torf, und beim Klang von Fiddle und Whistle fließt "Whiskey in the Jar". Ob in Kilkenny oder auf Dingle, in Westport oder Clifden: Bei dem einen oder anderen Pint Guinness oder Carling kommt man leicht mit den Einheimischen ins Gespräch.

Eine Rundreise durch Irland zu denen, die wirklich die Seele ihres Landes verkörpern - den Musikern in den Kneipen und am Straßenrand.

Ort: Kilkenny. Einst Stammsitz der Butlers, einer einflussreichen Familie aus der Region, die das Schloss Kilkenny 1381 erwarb und 1967 für symbolische 50 irische Pfund an die Stadt verkaufte. Heute versammeln sich im Schlosspark Groß- und Kleinfamilien zum Picknick. Auf dem ehrwürdigen Rasen wird Hurling, eine irische Form des Hockeys, gespielt. In Lanigans Bar trägt Mich Leech irische Balladen vor.

Ein Treffen mit: Mick Leech, 56, Sänger und Gitarrist in der Lanigans Bar.

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Seit wann machst du Musik? Seit 41 Jahren.

Was sollten Touristen in Kilkenny anschauen? Das Castle natürlich.

Warum? Weil es ein mächtiges Gemäuer ist mit vier Ecktürmen und einem sehr schönen Park.

Was trinkst du am liebsten? Smithwick's.

Smithwas? Das ist ein rotes Ale, das seit dem 13. Jahrhundert hier im Ort gebraut wird und außerhalb Irlands als "Kilkenny" bekannt ist.

Welchen irischen Song magst du am liebsten? "The town I love so well" von Phil Coulter.

Ort: Lismore. Das Städtchen im County Waterford liegt am Blackwater River, zu Füßen der Knockmealdown-Berge und ist wie jeder irische Ort, der etwas auf sich hält, mit einem ansehnlichen Castle bestückt. In der Classroom Bar wurde früher Unterrichtsstoff gelehrt. Heute leeren die Gäste vor allem Biergläser. Eiskaltes Tennet, Pinte auf Pinte. Es ist 23.30 Uhr an einem Donnerstag. Um einen Tisch herum haben sich Musiker mehrerer Generationen versammelt. Unter ihnen Sham Power. Während des Interviews "übersetzt" sein Sohn Wally, weil der Vater schwerhörig ist.

Ein Treffen mit: Sham Power, 85, Fiddler in der Classroom Bar.

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Seit wann machst du Musik? Seit 84 Jahren.

Was ist heute hier los? Das ist ein Charity-Abend, bei dem die Einwohner Geld für mich sammeln. Mein Haus ist abgebrannt. Leider war es nicht versichert. Es gibt eine Tombola. Und natürlich viel Musik.

Dein Lieblingslied? "I'll take you home again Kathleen".

Dein Lieblingsort in Lismore? Diese Kneipe.

Ort: Glengarriff. Die Küste erinnert hier an südschwedische Schärenlandschaften. Eine Luxusyacht schaukelt in der Abendsonne. Passend zum Schiff schwebt ein weißer Hubschrauber heran. Ob da gerade Bono von U2 eingeflogen wird? Auf festem Boden baut derweil Noel McGuire in der Bernard Harrington's Bar seine Anlage auf. Mit Hoody und Baseballkappe auf dem Kopf könnte er den jungen Leonardo di Caprio mimen. Heute Abend spielt er mit Drummer Alfons Peeters, 32, einem Belgier, der im irischen Durrus lebt. Es ist viertel vor neun. Höchste Zeit für ein Beamish.

Ein Treffen mit: Noel McGuire, 30, Sänger und Gitarrist in Bernard Harringtons's Bar.

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Wann hast du angefangen, Musik zu machen? Mit 15 Jahren.

Was spielst du heute Abend? Folk und Contemporary.

Dein Lieblingslied? "Bad skin day" von Bell X1.

Warum sollten Touristen hierher kommen? Es gibt viel Musik. In jeder Kneipe. In jedem noch so kleinen Ort. Und wegen des guten Essens: Fisch und Meeresfrüchte sind phantastisch.

Ort: Milltown. Vollbremsung im County Kerry. Nicht, weil der Ort besonders pittoresk daherkommt oder seine Kneipen zum Verkosten eines bisher unbekannten irischen Biers einladen. Milltown ist wenig mehr als eine Durchlaufstation auf dem Weg nach Dingle, jener Halbinsel im Südwesten Irlands, auf die alle flüchten, die Killarney und seinem "Ring of Tourists" entfliehen wollen. Grund des Zwischenstopps: An der Hauptstraße sitzt ein alter Mann mit Akkordeon im Nieselregen und spielt traditionelle Irish-Folk-Songs.

Ein Treffen mit: Tom Conway, 74, Sänger und Instrumentalist.

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Woher kommst du? Aus Tralee, 20 Kilometer nördlich von hier.

Warum spielst du ausgerechnet in Milltown? Weil die Menschen hier nett sind und nichts gegen Straßenmusiker haben.

Seit wann spielst du auf der Straße? Anstelle einer Antwort greift Tom in seinen Akkordeonkasten, in dem sich erst zwei Euro-Münzen angesammelt haben, und präsentiert eine seiner früheren CDs. Auf dem Cover sieht er aus wie der junge Roy Black.

Welchen irischen Song magst du am liebsten? "Muirsheen durkin" von Johnny McEvoy.

Ort: Dingle. Längst ist der kleine Bruder des berühmten Ring of Kerry aus dem Dornröschenschlaf erwacht. In der Hauptsaison kommen so viele Besucher, dass die Küstenstraßen zuweilen nur im Uhrzeigersinn befahren werden dürfen. Kein Wunder, auf der Halbinsel liegen Irlands schönste Strände. The Mighty Session ist eine von 50 Bars im Hauptort Dingle. Den heutigen Abend bestreitet Frankie Mulcahy mit Gitarrist John Browne.

Ein Treffen mit: Frankie Mulcahy, 53, Akkordeonspieler und Komponist.

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Seit wann bist du im Musikgeschäft? Seit 45 Jahren.

Was genau machst du? Contemporary und Folk. Ich singe, spiele Akkordeon und komponiere meine eigenen Songs. Anfang der Neunzigerjahre bin ich mit der Band Draiocht durch Deutschland getourt.

Dein Lieblingslied? "Nothing but the same old story" von Paul Brady.

Was kannst du auf Dingle empfehlen? Ihr müsst unbedingt über den Conor-Pass fahren.

Welches Bier sollten wir trinken? Gnéas. Ein Pale Ale, das auf Dingle gebraut wird.

Ein seltsamer Name. Wieso? Gnéas bedeutet Sex.

Ort: Galway ist Irlands musikalische Hauptstadt. Selbst in der Fußgängerzone klingt und singt es allerorten. Dort steht auch das Multitalent Tom Portman. Er spielt Gitarre, Dobro, Violine und Banjo und komponiert seine eigenen Songs. Erst kürzlich tourte er mit der Band Brother Dege Legg durch Deutschland. Im November wird er dort erneut zu sehen und zu hören sein.

Ein Treffen mit: Tom Portman, 37, Instrumentalist und Komponist.

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Seit wann machst du Musik? Seit ich 14 bin. Jazz, Blues und Folk.

Dein Lieblingslied? "Arthur McBride" von Paul Brady.

Warum spielst du auf der Straße? Man bekommt ein sehr unmittelbares Feedback. Ansonsten gebe ich Konzerte und unterrichte Musik am College.

Was gibt es hier in der Region zu sehen? Den Burren, eine fantastische Karstlandschaft.

Welches ist Dein Lieblingsbier? Natürlich Guinness. Oder Galway Hooker.

Ort: Clifden. Wer hier ankommt, hat Connemara durchmessen, eine Moor- und Seenlandschaft im County Galway, die ein absolutes Muss ist für jeden Irlandbesucher. Nun steht man vor der Qual der Wahl: welche Kneipe, welche Musik, welcher Künstler? Im E. J. Kings Monty Hall's spielt Michael Carey mit Gitarrist Joe Gibson, 27.

Ein Treffen mit: Michael Carey, 37, Schlossherr und Banjospieler

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Seit wann machst du Musik? Seit ich 13 bin.

Hauptberuflich? Nein. Ich bin Feuerwehrmann. Und 24 Stunden auf Abruf. Wenn ich gebraucht werde, muss Joe allein weiterspielen.

Dein Lieblingslied? "The orchard" von Liam Clancy.

Welches Bier trinkt man in Clifden? Kinnegar. Wird in Donegal gebraut.

Was muss man in der Region gesehen haben? Das Benediktinerkloster Kylemore Abbey. Und natürlich das Clifden Castle. Das gehört seit Anfang des 19. Jahrhunderts meiner Familie.

Du wohnst in einem Schloss? Nein. Heute ist davon nur eine Ruine übrig. Fahrt einfach die Sky Road entlang. Dann könnt ihr es besichtigen.

Ort: Die Küstenstadt Westport an der Clew Bay im Westen Irlands. An einem Ecktisch in der Market Bar haben drei attraktive Frauen Platz genommen. Kate, 19, stimmt die Violine, Maggie, 16, die Harfe. Ihre Mutter, Maura Thornton, 50, spielt unter anderem die Bodhrán, eine irische Rahmentrommel.

Ein Treffen mit: The Henegham Family in der Market Bar.

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Maura, liegt euch Musik im Blut? Wir machen Musik, so lange wir denken können. Überwiegend klassisch und traditionell Irisch. Henegham ist mein Mädchenname.

Was machst du beruflich? Ich arbeite als Lehrerin in einer Grundschule.

Dein Lieblingslied? "Captain Uí Mhaille", ein traditionelles irisches Lied.

Wo gibt es die besten Fish & Chips in Town? Gleich um die Ecke in der Church Street. Ein kleiner Imbissladen, aber sehr gut.

Ort: Doogort im Norden von Achill Island, Irlands größter Insel. Bekannt ist das Örtchen unter anderem wegen eines Deutschen: Heinrich Böll verbrachte hier längere Zeit und schrieb sein "Irisches Tagebuch". An der Küste steht die Bar The Strand. Den wöchentlichen Livemusik-Abend bestreitet hier Liam Donnelly gemeinsam mit Dermot Maguire, der auf einer selbstgebauten Mandoline spielt und einst Roadie bei Davy Arthur and the Fureys war.

Ein Treffen mit: Liam Donnelly, 49, Sänger und Gitarrist im The Strand.

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Was magst du an Achill Island? Es ist wahrscheinlich das letzte Stück gutes altes Irland. Wie zu Bölls Zeiten: Keine Ampeln, kein Kreisverkehr, keine Straßenbeleuchtung.

Bist du also ein Insulaner? Nein, ich komme aus Dublin. Aber ich lebe hier seit vielen Jahren.

Wann hast du angefangen, Musik zu machen? So etwa mit 17. Ich mag die Stilrichtungen Folk, Balladen und Contemporary.

Was ist dein Beruf? Ich arbeite als Website Administrator. Musik machen wir nur zum Spaß, meist am Wochenende.

Dein Lieblingslied? "Lord Franklin" von The Bothy Band.

Dein Lieblingsbier? Guinness. Und Carling.

Ort: Ballyshannon im County Donegal ist ein würdiger Abschluss der musikalischen Irland-Tour. Hier findet alljährlich das Rory Gallagher International Tribute Festival zu Ehren des legendären Gitarristen statt, der 1995 verstarb. Dem berühmtesten Sohn der Stadt kann man in Ballyshannon heute nur noch als Statue begegnen. Leibhaftiger geht es im Dicey's zu. Dort hat Gary Mac seine Anlage aufgebaut.

Ein Treffen mit: Gary Mac, 46, Sänger und Gitarrist im Dicey's.

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Seit wann machst du Musik? Seit über 30 Jahren. Allerdings nicht hauptberuflich, ich bin Krankenpfleger.

Was spielst du? Überwiegend amerikanischen Country Folk.

Hast du Rory Gallgher einmal live gesehen? Nein, ich bin nicht unbedingt ein Fan.

Dein Lieblingslied? "Raglan Road", ein altes irisches Lied.

Welches Bier trinkst du am liebsten? Smithwick's. Von einer alten Brauerei in Kilkenny.

Kennen wir schon. Dort hat unsere Musik-Rundreise begonnen!

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
mitch72 03.08.2015
1. Men Lieblingsort in Irland?
Bray Head südlich von Dublin. Dort bei Nebel rauf und die Ruhe geniessen!
mueller.b 03.08.2015
2. Meine Lieblingsorte
neben gaaanz vielen anderen: Galley Head und Fanad Head, Skyroad und Doolough Valley
harry_buttle 03.08.2015
3.
Contemporary. Man könnte auch (für die Übersetzung) einfach zeitgenössisch sagen. Aber wir sind ja hip!
rattentier@gmx.de 03.08.2015
4.
Allein über galways Pubs könnte man schon solch eine Serie machen. schöne Erinnerungen. Vor allem die Stepper die in einem Pub einfach ihre Platte auf den Boden gelegt haben haben uns damals fasziniert. Was wahrscheinlich mit am Guiness lag, aber das Gesamtpaket dort ist einmalig. Seither schätze ich irischen Whiskey. Irland ist ein zauberhaftes Land.
ancoats 03.08.2015
5.
Wenn man in Dublin ist, sollte man allerdings Orte wie die Temple Bar auf dem Bild (sowie überhaupt den gesamten Kneipenbezirk südlich der Liffey) eher meiden, wenn man "authentische" Atmosphäre möchte - da schwärmen Tag und Nacht feiersüchtige Touristenhorden und sturzbesoffene "stag & hen parties" durch die malerischen Straßen. Ansonsten gilt tatsächlich: in fast jedem beliebigen Pub kann man mit etwas Glück grandiose musikalische Ad hoc-Sessions erleben und zudem am Tresen sofort Kontakt finden - die meisten Iren sind sehr kommunikationsfreudig und wunderbare Fabulierer. But don't mention 1915...
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