Neuer Fernradweg Flow Vélo in Frankreich Richtung Meer, immer Richtung Meer

Der Flow Vélo wellt sich durch die Provinz im Südwesten Frankreichs. Etwa 290 Kilometer weit führt der neue Fernradweg in sechs Etappen von der Dordogne bis an den Atlantik.

Sébastien Laval/ Charentes Tourisme/ TMN

"Früher habe ich Filme gemacht, jetzt spüle ich Geschirr", sagt der Deutschamerikaner Dieter Weihl. Er und seine Frau Bérénice sind aus den USA nach Südwestfrankreich umgesiedelt, in Bérénices Heimat. Dort haben sie das Gasthaus Saint Alfonso's eröffnet, in Feuillade, einem Ort zwischen Nontron und Angoulême.

Wenige Hundert Meter entfernt liegt eine Strecke, die ihnen künftig mehr Gäste bescheren könnte: Flow Vélo, ein neuer Fernradweg, der über 290 Kilometer von Thiviers in der Dordogne bis an die Atlantikküste verläuft - samt Fährpassage auf die Insel Aix. "Alte Dörfer neu beleben, das ist die Zukunft Europas", sagt der 62-jährige Weihl, er zumindest ist angekommen: "Ich lebe hier wie Gott in Frankreich."

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So darf man sich unterwegs auch als Radler auf der Flow Vélo fühlen, die vor allem über entlegene Nebenstraßen, Feldwege und umgestaltete Bahntrassen führt.

1. Tag: Von Blumenkästen und Kondomen

Der Zug ist in die grüne Dordogne geruckelt nach Thiviers, Startpunkt der Flow Vélo. Das Städtchen in der Provinz weckt beim Spaziergang am Nachmittag ein Faible für die Symmetrie von Holzfensterläden, Blumenrundkästen und Ziegelschornsteinen. Nahe der Kirche Notre Dame de l'Assomption floriert im Touristenbüro der Verkauf von Foie gras, eingedoster Gänse- und Entenstopfleber - eine Spezialität der Gegend.

Am Abend setzen Lichteffekte in Grün und Blau das Rathaus in Szene. Das einzige Stadthotel, Hôtel de France et de Russie, liegt in englischer Aussteigerhand. "Und das, obwohl wir nie zuvor ein Hotel geführt hatten und kein Französisch sprachen", erzählt Hotelier Adrian Finch, 59, einst Supermarktmanager.

2. Tag: Pannenhilfe vom Profi

Die Flow Vélo beginnt ohne Kilometerstein Null, stattdessen mit landläufigen Radzeichen und einem glanzfreien Nebensträßchen. Etwas enttäuschend. Doch der Eindruck ändert sich rasch.

Bis Saint-Pardoux-la-Rivière ist eine Bahntrasse zum Radweg umfunktioniert worden. Beidseits leuchten grüne Wiesen, Baumstämme sind von Efeu und Moos überzogen. Eichen wachsen hier, Buchen, Maronen, Haselnüsse, Ginster. Der Kiesbelag knirscht unter den Reifen. Die Luft ist frisch, frei von Industrie.

Ein Abstecher bringt Radler nach Saint-Jean-de-Côle, das auf der Liste der schönsten Dörfer Frankreichs steht. Den Urgrund im Mittelalter legten ein Kloster und das Schloss Marthonie. Schlossherr Pierre de Beaumont-Beynac, 89 Jahre alt, begann vor sechs Jahrzehnten mit der Restaurierung des Anwesens. Heute lebt der Witwer darin allein. Ist das unheimlich? "Die Geister sind da hinten eingeschlossen", sagt er lächelnd und deutet auf einen Seitentrakt.

Panne! Zum Glück passiert dies in Saint-Pardoux-la-Rivière, zwei Schiebeminuten von der einzigen Radwerkstatt im Umkreis von 30 Kilometern entfernt. Gabriel Dumont, 43, erzählt beim Schlauchwechsel von seiner Zeit als Radamateur der obersten Kategorie. Bis zu 25.000 Trainingskilometer legte er pro Jahr zurück. Dass Dumont in seiner Karriere 53 Siege einfuhr und sogar im selben Team wie der deutsche Olympiasieger Olaf Ludwig radelte, erzählt er zögerlich. Angeben ist seine Sache nicht.

Die Strecke wellt sich durchs Land. In Nontron ist Zeit für eine Pause in der Coutellerie Nontronnaise, einer Messerschmiede. Aufstiege und Abfahrten, Sonne und Schatten, Kurven und Geraden - bis zum Tagesziel Feuillade sind die Kräfte erschöpft.

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Flow Vélo: Von der Dordogne bis zum Atlantik

3. Tag: Entlang des Ufers der Charente

Vögel zwitschern, Wind weht, Zweige und Hagebuttensträucher rascheln - am Morgen geht es weiter über flaches Felderland mit sattem, leuchtendem Grün.

Angoulême wirkt dann mit seinen 42.000 Einwohnern fast großstädtisch. Die Nachteile: eine zehrend lange Zufahrt, Abgase, Lärm. Die Vorzüge: die Gastrokultur, die Markthalle, die Blumenpracht um das Rathaus, illusionistische Wandmalereien und die Kathedrale mit ihrer skulpturenreichen Fassade.

Nach der Dosis Urbanität tut die Rückkehr aufs Land gut, zunächst parallel der Charente. Die Flow Vélo teilt sich den Weg vorübergehend mit Walkern und Joggern. Am Sträßchen nach Châteauneuf-sur-Charente beginnen Weingärten, Dorf folgt auf Dorf. Das Quartier, ein Gästezimmer, liegt direkt an der Strecke. Im Sommer kann man hinterm Haus vor einem Wehr in der Charente baden, ihr Rauschen begleitet die Radler im Schlaf.

4. Tag: Da brennt der Gaumen

Cognac ruft! Rebgärten zeigen an, dass das gleichnamige Städtchen mit seinen Weinkellern und dem Weinbrand naht. Im Schloss, 1494 Geburtsort von Frankreichs König Franz I., lagert der Produzent Baron Otard seine Schätze.

Guide Elisabeth Gillett begleitet in den Keller. "Beim lange gereiften Cognac trinkt man immer ein Stück Geschichte", sagt sie. Biken und Alkohol sind eigentlich keine Freunde, noch weniger am Vormittag, doch Gillett lädt zur Kostprobe: "Elf Uhr, das ist für Kellermeister die beste Zeit für den Gaumen."

Wieder auf dem Rad folgen Wiesen, Felder und Rinderweideland. Aus einem Froschteich dringt ein Megakonzert, in einem Morast sucht ein Weißstorch nach Beute. Die Charente begleitet die Radler bis zum Tagesziel: Saintes hat definitiv viel Kleinstadtcharme. Und das Kulturerbe aus Kathedrale, Pilgerkirche Saint-Eutrope und römischem Amphitheater.

5. Tag: Von Saintes nach Rochefort

Die Flow Vélo entschleunigt. Und regt auf der 58-Kilometer-Etappe bis Rochefort dazu an, über die Schönheit von Butterblumen, Dornenranken und Marienkäfern zu sinnieren. Die Charente mäandert in Schleifen durch die Landschaft, ab und zu zieht ein Kanal vorbei.

Komplett ausblenden lässt sich die Zivilisation nicht. Mal rauscht Schnellstraßenlärm heran, mal türmen sich Agrarsilos auf. Rochefort verstimmt mit der verkehrsreichen Einfahrt. Und versöhnt mit seinem Hafenbecken, den Charente-Ufern, dem alten Marinearsenal samt Königlicher Seilerei, dem Markt, dem Hauptplatz und der Replik des historischen Dreimasters L'Hermione - falls dieser nicht gerade auf großer Fahrt ist.

6. Tag: Der Ruf des Meeres

Am Fluss entlang geht es hinaus aus Rochefort - und hinein ins Terrain von Vogelbeobachter Christophe Boucher. Mit dem Fernglas beobachtet der 51-Jährige begeistert Stelzenläufer, Säbelschnäbler, Rohrweihen, Seidenreiher und Brandgänse.

Die Feuchtgebiete dehnen sich bis zum Atlantik aus. Das Emissionshoch einer Autobahn löst kurz ein Stimmungstief aus. Dann ist im Festungs- und Ferienort Fouras die Küste erradelt. 20 Minuten dauert die Fährüberfahrt nach Aix, das Rad kostet extra.

Im Sommer fluten Ausflüglermassen den Inselzwerg, in der Nebensaison herrscht idyllische Ebbe. Nach der Ankunft in der Dorfunterkunft radelt es sich ohne Satteltaschen leichter um die Insel herum: zu Wehrmauern, Felsküste und Hauptstrand. Möwen kreischen, es riecht nach Kiefern, die Luft schmeckt nach Salz.

7. Tag: Perlmutt und Napoleon

Das Perlmuttmuseum der Insel bewahrt das Vermächtnis von Hervé Gallet und seinen Eltern, die vor Jahrzehnten den Erwerbszweig der Perlmuttarbeiten schufen. Gallet hat Pascal Douin, 59, für das aussterbende Kunsthandwerk angelernt. Früher war Douin Baumfäller, heute geht er feinmotorisch zu Werke. Die Textur, die Formen der Perlmuttstücke hätten für ihn "etwas Magisches", sagt er.

Auf Aix verbrachte Napoleon im Juli 1815 die letzten Tage auf französischem Boden, nachdem er sein Waterloo erlebt hatte. Wie der Feldheer, den ein Denkmal ehrt und der im Ortsmuseum Heldenstatus genießt, heißt es auch für den Radurlauber: Irgendwann muss man weg von der Insel. Napoleon schipperte in die Verbannung. Radler auf dem Flow Vélo fahren am Festland zum nächsten größeren Bahnhof nach Rochefort. Oder, weil's so schön war, zurück nach Thiviers.

Fernwanderradweg Flow Vélo
Reiseziel
Die mehr als 290 Kilometer lange Flow Vélo ist in beide Richtungen ausgeschildert, also auch vom Atlantik in die Dordogne. Informationen: www.laflowvelo.com
Anreise
Eine Alternative zum eigenen Fahrzeug ist die Bahn. Stationen für Beginn und Ende sind Thiviers und Rochefort.
Reisezeit
Ideal sind Frühjahr und Herbst, aber natürlich ist auch den gesamten Sommer über Saison. Dann füllt sich der Küstenbereich
Übernachtung
Hotels gibt es vor allem in Angoulême, Cognac, Saintes und Rochefort. Auf dem Land finden sich nur vereinzelt Gasthäuser oder Gästezimmer (Chambres d'hôtes).
Organisation
Radverleih zum Beispiel über den Anbieter Voyages France Vélos (www.francevelo.bike).

Andreas Drouve, dpa

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
calinda.b 20.05.2019
1. Nicht nur
Man kann auch entlang der alten Kanäle Rad fahren (Canal de Midi, Canal de Bourgogne etc.), auf beiden Seiten sind schließlich die alten Wege wo die Ochsen die Kanalschiffe geschleppt haben. Da gibt's auch keine Autos.
xysvenxy 20.05.2019
2. Wegequalität?
Ist ja wirklich schön, die Landschaft und so zu beschreiben. Was für einen Radfahrer aber viel wichtiger ist, ist die Qualität der Wegstrecke. Ob der Untergrund wassergebunden, loser Splitt, Asphalt oder was auch immer ist. Die erwähnten Kiesel sind jedenfalls für die meisten Räder ungeeignet.
112211 20.05.2019
3. In Frankreich
In Frankreich gibt es viele dieser schönen Radwege. Sonderbar ist, dass es im krassen Gegensatz zu dem Verhalten französischer AutofahrerInnen gegenüber dem Fahrradverkehr steht. Leute mit Fahrrädern sind für Franzosen nicht existent. Ich habe mich selten in einem Land so unsicher auf dem Fahrrad gefühlt. Außer auf den wunderschönen Fahrradrouten.
DieterKühne 21.05.2019
4. Radfahren auf Straßen gefährlich - auf Fußwegen oft unproblematisch
Ich kann Beitrag 3 nur bestätigen. Man sollte auf jeden Fall das Fahren auf Straßen in der Rushhour vermeiden, vor allem wenn Handwerker auf dem Heimweg sind und wie die Henker fahren. Wir haben vor zwei Wochen in der Provence genau diesen Fehler gemacht. Dass wir bei böigem Wind keine saubere Linie fahren konnten, hat die Ar.... in den weißen Kastenwagen überhaupt nicht interessiert, bei Gegenverkehr dicht vorbei gefahren ohne Rücksicht auf Verluste. Als wir dann auf der Mitte unserer Spur fuhren, wurde es besser, allerdings mit einigem Gehupe hinter uns. Das Fahren auf Fußwegen - auch in Städten - funktioniert dagegen gut. Wenn man vorsichtig und rücksichtsvoll fährt, sind die Franzosen sehr tolerant und oft sogar freundlich. Da erlebt man nicht solche Aggressivität und Rechthaberei wie in ähnlicher Situation in Deutschland. Eine tolle Entdeckung in diesem Frühjahr war die ViaRhôna, die durch Städte wie Tournon und Valence führt.
medfield,ma 21.05.2019
5. @3 und @4
Also als Rennradfahrer habe ich in Frankreich nie irgendwelche Probleme gehabt. Eher im Gegenteil: Zurufe aus dem Auto gelten eher der Aufmunterung, als der Unmutsäußerung.
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