Neujahr in Edinburgh Als Voyeur bei den irren Winterwasser-Springern

Dass Schotten nicht nur trinkfest, sondern auch todesmutig und kälteresistent sind, zeigt sich Jahr für Jahr am Neujahrstag: Beim "Loony Dook" hüpfen sie brüllend und verkleidet ins winterkalte Wasser des Flusses Forth. Ein Blick in Bildern auf den kalten Karneval.

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Eine Woche nach Weihnachten legt Santa Claus noch mal einen heroischen Auftritt hin. Er ist allerdings in befremdlicher Gesellschaft unterwegs. Gleich hinter ihm sprintet Superman, Tigger (der aus Winnie-the-Pooh) folgt nicht weit entfernt. Eine Kellnerin balanciert ihr Tablett mit Drinks in der Luft. Ein Gentleman im Nadelstreif hat formgemäß den Binder umgeschlipst. Und dann sind da die Horden derer, die schlicht mit Badeanzug, Badehose und vielleicht noch T-Shirt und Perücke herumrennen.

Willkommen bei einem der schrägsten Rituale, die das an Verrücktheiten nicht eben arme Schottland zu bieten hat.

Es ist der 1. Januar vor fast einem Jahr, gleich zwölf Uhr mittags. Die schrill angezogene Exzentriker-Truppe ist kurz davor, die Steintreppe am Bootshaus im Örtchen South Queensferry hinunterzusprinten und sich mit Gebrüll in den Fluss Forth zu schmeißen – bei fünf Grad Celsius Wassertemperatur.

Dass sich zum Jahresanfang mehr oder weniger irre Wetterbezwinger in das dann nicht nur sprichwörtlich kühle Nass werfen - das kommt auch in anderen Ecken Europas vor. Auf Sylt hüpfen am 1. Januar alljährlich Semi-Promis wie Costa Cordalis in die Nordsee - mit der beruhigenden Sicherheit, dass die Regionalblättern hinterher ihre Fotos drucken. Bei Boltenhagen sollen schon bis zu 7000 Winter-Voyeure aufgelaufen sind, um ein paar Dutzend Hartgesottene beim Bad zu bestaunen. Einige Grad wärmer haben's die Neujahrsschwimmer am Lido-Strand von Venedig.

Doch keine der Konkurrenzveranstaltungen bietet so viel Humorpotential wie der "Loony Dook" (etwa: beklopptes Unterducken), zu dem die Verrückten und Mutigen auch am Neujahrstag 2007 wieder ans Forth-Ufer bei Edinburgh pilgern werden. Briten in Partylaune verkleiden sich gern, hier sieht man's wieder - und patriotisch sind sie dabei auch.

Ein Toddy für die Überlebenden

Manche rennen da mit überdimensionierten schottischen Flaggen ins Wasser. Anfang 2006 trug auch einer eine Plüsch-Nessie mit sich herum. Einigen ist anzumerken, dass sie noch nicht wirklich ausgenüchtert sind nach der nächtlichen Hogmanay-Feier, der 100.000-Leute-Silvester-Eskapade im Herzen Edinburghs.

Die Idee für den Loony Dook wurde 1988 aus einer Pub-Laune heraus geboren. Seither wird rund um das Bade-Event für wechselnde wohltätige Zwecke gesammelt - über 60.000 Pfund hätten sich im Laufe der Jahre zusammengeläppert, sagen die Organisatoren.

Inzwischen kommen solche Scharen von Teilnehmern, dass gar nicht mehr alle gleichzeitig ins Wasser können. Auf der Steintreppe stauen sich noch Dutzende Badewillige, während andere längst genug haben.

Wer's überlebt hat, bekommt hinterher Suppe und einen heißen Toddy im Pub "The Moorings". Einige der Dooker wollen trotzdem gar nicht mehr aufhören - sie müssen zum Landgang überredet werden. Vorsichtshalber ist auf dem Forth die Wasserschutzpolizei mit einem Boot im Einsatz.



Anreise für Zuschauer:
Mit dem Taxi vom Zentrum Edinburghs bis nach South Queensferry: für 35 bis 40 Pfund. Mit dem Bus: Linie 43 ab Princes Street. Mit dem Regionalzug: von Edinburgh nach Dalmeny, von dort weiter zu Fuß.

Anreise für Teilnehmer: Gegen 10 Uhr fährt ein kostenloser Sonderbus aus dem Stadtzentrum nach South Queensferry - für Details die lokalen Zeitungen beachten.



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