Nord-Wales Wo sich einst Europas Adel traf

Noch immer herrscht in Llandudno viktorianische Ferienatmosphäre: Das historische Seebad an der walisischen Nordküste verbreitet mit seinen noblen Hotels, gepflegten Fassaden und der weit geschwungenen Promenade einen würdevollen Charme.
Von Oliver Abraham

In Llandudno ist es längst Abend geworden. Sanftes Licht fließt aus den Fenstern auf die regennasse Straße, gegenüber rollt das Meer kraftvoll an den Strand. Nebel zieht durch die Gassen, die warme Atmosphäre der noblen Herberge gibt den Gäste Geborgenheit. Gemütlich ist das Hotel, altehrwürdig, mit maßvollem Luxus elegant eingerichtet, eine Harfespielerin versendet Wohlfühlwellen. Willkommen in Llandudno, der Perle an der "Golden Coast".

Am kommenden Morgen herrscht eitel Sonnenschein, der Wind schiebt hin und wieder eine weiße Wolke vorüber. Die Strandpromenade ist gut besucht. Eine Tanzformation rockt im Gleichschritt zu keltischer Musik. Kinder bauen unter väterlicher Aufsicht Sandburgen, in gestreiften Liegestühlen machen es sich die Sonnenhungrigen bequem. Am Strand riecht es nach dem Meer, nach Pommes und Sonnencreme. Nach unbeschwerter Sommerfrische.

Mit seiner noblen Eleganz, gepflegten Fassaden, der weit geschwungenen Promenade ist Llandudno der Inbegriff des viktorianischen Seebades, hier traf sich einst der Adel Europas. Während andere Badeorte in Großbritannien manchmal bunt und billig daherkommen, geht es in Llandudno ruhiger, feiner und beschaulicher zu. Laut und hektisch ist es woanders. Hierher wird gereist, andernorts nur Urlaub gemacht. Doch die Grande Dame unter den walisischen Seebädern wirkt nicht tot, die Mischung macht's: Ein mobiler Puppenspieler unterhält die Kinder, ein Ausflugsdampfer schaukelt etwas unbeholfen an den Steinkai heran.

Symbol von Macht und Stärke

Am Nachmittag ist es Zeit für einen Ausflug nach Conwy. Trutzig und machtvoll erhebt sich die Ritterburg am Ufer und wacht über die Stadt. Steile Stufen führen auf einen der Türme, weit schweift der Blick von hier über die See, weiße Segelboote setzen Akzente auf das Blau des Meeres. Die gewaltige Burg ist ein Symbol von Macht und Stärke. Auch diese Wehranlage, gebaut in den Jahren 1283 bis 1287, verdanken die Waliser dem Burgenkönigs Eduard I.

Patriotische Waliser werden über das Wort "verdanken" wenig erfreut sein, denn Eduard I war ein englischer König. Der Regent aus London ließ die "Royal Castles" im Verlauf seiner rücksichtslosen Eroberungspolitik ab 1277 errichten. Es sind in erster Linie Zeugnisse militärischer Überlegenheit. Wales wurde militärisch unter anglonormannische Kontrolle gezwungen und in vielen Bereichen - Ökonomie, Verwaltung, Rechtsprechung - gleichgeschaltet. Der walisische Historiker Thomas Pennant nennt die Burgen Eduards I. folgerichtig auch "die großartigen Zeichen unserer Unterwerfung".

Das Unheil begann, als der walisische Prinz Llywelyn II. im Jahr 1272 Eduard I. zu dessen Thronbesteigung nicht seine Ehre erbieten wollte. Dies nahm der König zum Anlass, einen gewaltigen Krieg vom Zaun zu brechen. Im Norden demonstrierte er seine Macht durch insgesamt neun Burgen: Rhuddlan, Aberystwyth, Flint, Builth, Caernarfon, Conwy, Harlech, Criccieth und Beaumaris.

Käuzchen zur Geisterstunde

Vom Turm führt der Weg zurück durch dunkle, kalte Gänge, über tiefe Schächte und steile Steinstufen. Man hört förmlich das Klirren der Schwerter, das Geschrei der Kämpfer. Ein kalter Schauer überfährt einen. War hier nicht gerade wer? Niemand ist zu sehen. Wie viele Menschen wurden in den düsteren Verliesen wohl gefoltert? Wie viele hingerichtet? Wie es sich hier wohl zur Geisterstunde anfühlt, wenn der Mond die Szenerie in mystisches Licht taucht, wenn Käuzchen rufen, wenn eine umgeleitete Windböe kurz an der Jacke zerrt. Ein Leichtes, dann Gespenster zu vermuten.

Unten am Hafen legen zwei Jungs mit einer Zwille auf die Möwen an. So lange, bis ein Polizeiauto langsam und mahnend vorüberfährt. In den engen Gassen von Conwy könnte man - beachtet man Werbetafeln und Autos nicht - Mittelalter-Spektakel drehen. Es ist gemütlich und angenehm in diesem unaufgeregten Ort. Am Abend sind die meisten anderen Besucher in Bussen längst heimgefahren.

Die Geschichte scheint hier oben in Wales irgendwann stehen geblieben zu sein. Zwar stören Antennen und Satellitenschüsseln das Gesamtbild. Aber nur ein bisschen. Conwy atmet Geschichte. Die Zeit für Einkehr ist gekommen, ein Pub findet sich schnell. Auch am kleinen Hafen ist es ruhig geworden. Nur wenige Kilometer im Hinterland ragen die Gipfel des mystischen Snowdonia-Massivs im Abendlicht schroff in den Himmel.

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