Bergdörfer in Griechenland Versteckspiel am Drachensee

Urige Dörfer zwischen Zweitausendern, ein steiler Canyon - und wenige Touristen: Im Norden Griechenlands warten wunderbare Landschaften auf Besucher, die die Mühe der Anreise nicht scheuen. Am besten erkundet man die Region zu Fuß.

Verena Wolff / TMN

Charalampeos Kotsoridis ist angekommen. In Papigo, in den Bergen, wo er nach vielen Jahren im Ostwestfälischen wieder wohnt. Er besitzt ein Restaurant, und seine Frau führt ein Hotel in dem kleinen Dorf am Fuße der Tymfi-Berge im Norden Griechenlands.

Mit seinen Eltern kam Kotsoridis, der von allen nur Baba genannt wird, vor Jahrzehnten nach Bielefeld. In der späten Wirtschaftswunderzeit ging er zur Schule, ließ sich zum Elektriker ausbilden und arbeitete viele Jahre in Deutschland. Doch irgendwann wollte er wieder zurück. In diese wunderbare Landschaft, in der das Leben wegen des Klimas und der Abgeschiedenheit bis heute hart ist.

Die beiden Orte Papigo und Mikro Papigo sind von Zweitausendern umgeben, auf denen bis zum Frühsommer Schnee liegt. Die Dörfer der Region Zagoria, 46 insgesamt, liegen gut getarnt in den Hügeln. "Hier ist man früher hergekommen, wenn man sich verstecken wollte", sagt Kotsoridis. Vor dem Gesetz, vor einem Feind, "oder vor der Ehefrau". Denn in Klein-Papigo ist die Welt zu Ende, weiter führt die Straße nicht. "Wanderwege allerdings gibt es hier zu Dutzenden", sagt Kotsoridis. Sie führen zum Drachensee und auf die fünf flachen Gipfel der Berge.

Dass die kleinen Dörfer in Zagoria noch so aussehen wie einst, hat verschiedene Gründe. "Nicht mal die Türken sind während der Kriege bis hierher gekommen - es gab nichts zu holen", erzählt Kotsoridis. Also wurde auch nichts zerstört. "Von Ioannina war es früher eine Tagesreise zu Pferd, um die Steuern einzutreiben - das war sehr mühsam." Die Griechen bewirtschafteten das Land, so gut sie konnten. Die Kinder gingen in die Städte, um zu lernen. Heute kehren mehr Menschen in die kleinen Orte zurück. In Papigo und Mikro Papigo sind insgesamt 250 Personen gemeldet.

"Es gibt wieder eine Schule mit fünf Kindern und einer Lehrerin", sagt Elsa Exarhou. Ihr und ihrem Bruder gehört das Hotel MP1700, ein ökologisches Fünf-Sterne-Hotel auf tausend Meter Höhe mit 18 Zimmern. "Wir haben das Haus auf den Ruinen des ersten Gasthauses aufgebaut, das im Jahr 1700 errichtet wurde", sagt sie. Nur dort darf ein neues Gebäude entstehen, wo bereits einmal ein Haus stand.

Ärger durch Wölfe

Exarhou betreibt neben ihrem Hotel eine kleine Landwirtschaft, sie zieht selbst Obst und Gemüse und hat ein paar Tiere. In den Bergen wird zudem Honig produziert. Schafe und Ziegen gibt es traditionell - doch viele Schäfer und Ziegenhirten haben in den vergangenen Jahren aufgegeben.

"Die Wölfe fressen ihren Gewinn auf", sagt Kotsoridis. Sie sind nicht die einzigen Tiere, die in dem Gebiet leben, das größtenteils Nationalpark ist. "Wir haben Bären, Wildschweine und viel kleines Getier, das im Wald lebt", sagt Exarhou. Und Wildpferde, die häufig über die meist wenig bevölkerte Straße laufen.

Die 23 Kilometer Fahrt in die Vikos-Schlucht sind eine kleine Weltreise: erst über 14 Kehren hinab zum Fluss Voidomatis und dann wieder steil hinauf in das schmucke Dorf Aristi, ehe eine scharfe Kurve Richtung Schlucht führt. Der "Greek Canyon" ist steiler als der Grand Canyon in den USA: 900 Meter tief, aber nur 1100 Meter liegen zwischen beiden Kanten. Heute kann sie von allen Seiten bewandert werden. Schwindelfrei sollte man allerdings sein, denn die Wege sind nicht allzu breit.

Viele der Pfade, die die Dörfer Zagorias verbinden, führen über Flüsse und Bäche, an Abhängen entlang und durch unwegsames Gelände. Darum sind schon früh die Skalas gebaut worden, steinerne Brücken mit einem, zwei oder drei Bögen. "Ein ganzes Netzwerk davon durchzieht die Region, denn nur so konnten die Menschen sich hier zu jeder Jahreszeit bewegen", sagt Achilleas Papaefthymiou, der mit seiner kleinen Firma Trekking- und Bootstouren in der Region anbietet.

Bekannt sind die Brücken wegen ihrer Bauweise: Von beiden Seiten begannen die Männer zu bauen und trafen sich in der Mitte. Der sogenannte Schlüssel der Brücke, das Mittelstück, und das Gewicht der Steine hält die Konstruktionen bis heute zusammen.

Gotteshäuser an unmöglichen Stellen

Die bei Touristen erheblich bekanntere Bergregion von Meteora liegt etwa 150 Kilometer von Papigo entfernt. Auch dort wird viel gewandert. Im 11. Jahrhundert sollen die ersten Mönche in das Gebiet gekommen sein. In den folgenden Jahrhunderten haben sie an schier unmöglichen Stellen ihre Klöster gebaut: in den Berg geschlagen wie das heute unbewohnte Kloster Ypapanti und auf einzelnen Felsen. Die Geistlichen wollten hier asketisch leben. Außer ein paar Piraten sahen sie viele Jahre lang niemanden.

Doch die Einsamkeit war dahin, als immer mehr Touristen die Bauwerke sehen wollten, die heute auf der Welterbeliste des Unesco stehen. Heute sind nur noch 7 der einst 24 Klöster von Nonnen und Mönchen bewohnt."Säulen des Himmels werden die Sandsteinfelsen genannt, auf denen die heiligen Orte liegen. Metamorfosis Sotiros heißt das größte der Klöster, das auch für Touristen geöffnet ist und in dem man eine Menge über die Gepflogenheiten in der orthodoxen Kirche lernt.

Allzu viele Mönche allerdings sieht man in Meteora heute nicht mehr. Der Trubel sei ihnen zu groß, sagen die Einheimischen. Die meisten sind daher Richtung Osten gegangen und leben in den Klöstern am heiligen Berg Athos. Für viele von ihnen ist auch das eine Heimkehr - zurück zu ihrem asketischen Leben und der kompletten Besinnung auf den Glauben.

Verena Wolff/dpa/sto

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