Nordrhein-Westfalen Ein Ruck geht durch die Eifel

Alles da, alles drin: Zwischen Eifel, Ruhr und Münsterland wartet jede Art von Ferienabenteuer. Seit Anfang des Jahres 2004 hat auch Nordrhein-Westfalen einen Nationalpark. Für die strukturschwache Eifel könnte das Projekt die Rettung sein. Von Frederic Ulferts


Urftsee: Der Mittelpunkt des ersten Nationalparks in Nordrhein-Westfalen
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Urftsee: Der Mittelpunkt des ersten Nationalparks in Nordrhein-Westfalen

Ein gutes halbes Jahr nach der Eröffnung des Nationalparks Eifel gibt es noch immer keine Wegweiser, die zu ihm führen. Dezente Holzschilder markieren den Eingang wie bei einer amerikanischen Ranch.

Doch es gibt auch ein anderes Zeichen dafür, im Nationalpark zu sein: ganze Hänge mit abgestorbenen Fichten. "Die Natur Natur sein lassen", so sagt Oberforstrat Michael Lammertz, ist das Motto jedes Nationalparks. Und das Erste, was geschieht, wenn man den nach forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten gepflanzten Fichtenwald an trockenen Standorten sich selbst überlässt, ist das große Fressen der Borkenkäfer. Innerhalb von wenigen Wochen zerstören sie eine 50 Jahre alte und 30 Meter hohe Fichte und ziehen danach zum nächsten Baum weiter.

Der Kermeter-Höhenzug, 500 Meter hoch und fast rundum von Stauseen umgeben, gefällt den Borkenkäfern dank seines niederschlagsarmen Mikroklimas besonders gut. In dieser Wildnis werden für lange Zeit auf ganzen Hängen abgestorbene Fichten stehen. Zwar wachsen sofort Buchen nach, doch bis sie so groß sind, dass der natürliche Buchenwald Eindruck macht, wird es Jahrzehnte dauern. Lammertz und seine Kollegen werden einen langen Atem benötigen.

Belgier ballern, was das Zeug hält

Volker Hoffmann, ein ehemaliger Tankerkapitän, den es in die Eifel verschlagen hat, konnte die Früchte seines Engagements schneller ernten. Anfang 2001 begann der bärtige Seebär, für die Idee des Nationalparks zu werben. Bei der Landesregierung stieß er ebenso auf offene Ohren wie bei der Bevölkerung. Nur gut ein Jahr später, im April 2002, nahm der Plan konkrete Formen an: Die Bezirksregierung bildete eine "Lenkungsgruppe". Der strukturschwachen Eifel, darüber waren sich alle einig, kann ein Nationalpark nur gut tun. Es ist auch die Chance, Hotels und Restaurants zu modernisieren und jüngere Leute und Familien in die Eifel zu locken. Dort sind nämlich Seen, Berge und kleine Ortschaften für Wanderer, Radfahrer und Kanuten äußerst reizvoll arrangiert.

Dass Umweltministerin Bärbel Höhn den Nationalpark dann tatsächlich bereits am 1. Januar 2004 eröffnet hat, überraschte sogar den unermüdlichen Streiter Hoffmann ein wenig. Zwar gehört das Gelände ausschließlich Land und Bund, was Probleme mit privaten oder kommunalen Waldbesitzern erspart. Trotzdem ist der Nationalpark noch nicht komplett zugänglich. 3300 der insgesamt 10.700 Hektar stehen bis Anfang 2006 unter Verwaltung des belgischen Militärs. Ihre Flächen liegen in der Mitte des Nationalparks. Die Präsenz der Belgier ist montags bis freitags nicht zu überhören. Auf ihrem Truppenübungsplatz ballern sie, was das Zeug hält.

Immerhin: Samstags, sonntags und an Feiertagen schweigen die Waffen. Ab Januar 2005 sogar für immer. Ihr letztes Jahr auf "Camp Vogelsang" nutzen die Belgier, um zusammenzupacken. Sie hinterlassen nicht nur ein großes, ökologisch interessantes Übungsareal, sondern auch eine Immobilie: Die "Ordensburg Vogelsang", wie die Nazi-Kaderschmiede bei Baubeginn 1934 genannt wurde. Ein 47 Meter hoher "Burgfried" überragt die nicht eben heimelige Anlage, die neben dem zentralen "Adlerhof" und Sportanlagen aus großen Wohnhäusern besteht, die recht monumental in den Hang geklotzt wurden.

Noch kein Konzept für Wanderwege

Aber die Nazi-Burg bietet 130.000 Quadratmeter Fläche und einen herrlichen Blick über Urftsee und Kermeter. Deshalb wird hier das Nationalparkzentrum entstehen. Über die Ausgestaltung des Areals gibt es noch unterschiedliche Meinungen. Der Kreis Euskirchen hat für 280.000 Euro ein Entwicklungskonzept beim Aachener Büro aixplan in Auftrag gegeben. Das teure Papier ist allerdings höchstens als Diskussionsgrundlage brauchbar, so der Tenor von Hoffmann und anderen Eifelern. Besonders Elemente wie eine gläserne "Nationalpark-Lounge" im ehemaligen Nazi-Burgfried oder ein Campingplatz kommen bei ihnen nicht besonders gut an. Der Euskirchener Landrat Günter Rosenke zeigt sich beweglich: "Letztendlich ist es ja eine Frage der Investoren, was dort passieren wird." Allerdings steht er unter Zeitdruck: "Nach dem Abzug der Belgier müssen wir sofort Leben reinbringen, denn sonst kommen die Neonazis."

Bis die belgischen Truppen am 1. Januar 2006 endgültig die Schlüssel übergeben, kennzeichnet den Nationalpark der Charme der Improvisation. Schließlich fehlt das Zentrum. Aber auch das Konzept für die Wanderwege ist noch nicht verabschiedet. Ebenso werden die geplanten "Nationalparktore", die die Touristen in den Gemeinden am Rande des Nationalparks empfangen und ihnen die wichtigsten Informationen geben sollen, erst Mitte 2005 fertig. Der Besucher sollte sich darauf einstellen und es sogar nutzen. Denn mit einer guten Wanderkarte und ein bisschen Planung findet man die schönsten Wanderrouten auch ohne autobahnähnliche Beschilderung. Nur kann man sie noch recht ungestört genießen und sich wie in der Wildnis fühlen.

Wer sich trotzdem verläuft, kann darauf hoffen, Armin Warbel zu treffen. Er ist einer von 17 Rangern, die für die Forstverwaltung den Nationalpark in Schuss halten und Touristen durch den Park führen. Sein Leben und das seiner Kollegen hat sich durch den Nationalpark drastisch verändert. Bis zum 1. Januar war er noch Waldarbeiter, lief mit der Kettensäge durch den Wald und holte möglichst viel Holz aus ihm heraus. Jetzt ist er nach fünfmonatiger Schulung eine Art professioneller Wanderer. Er trägt eine Uniform aus robusten Wandertextilien und dem typischen, amerikanischen Ranger-Hut. 20 bis 30 Kilometer läuft er täglich durch den Wald - als Naturschützer. Das gefällt ihm viel besser als die Schufterei von früher.

Naturerlebnis, ohne Schaden anzurichten

Einigen seiner Kollegen fällt es schwerer als dem noch jungen Warbel, sich darauf einzustellen, viel mit Leuten zu sprechen und Gruppen zu führen. Sie arbeiten jetzt in der Holzwerkstatt, wo sie Bänke und Schilder bauen, oder im Waldarbeitstrupp. Letzterer kommt der alten Forstarbeitertätigkeit noch sehr nah. Es gibt nämlich einige Flächen, die nicht sich selbst überlassen werden sollen. Dazu zählen die Narzissenwiesen an einigen Bachläufen. Von den wilden Osterglocken, die in der zweiten Aprilhälfte die Bäche gelb blühend einrahmen, gibt es hier die größten Vorkommen in Deutschland. Ohne Eingriff der Menschen wären die Wiesen und auch die Narzissen nach zehn Jahren überwachsen.

Ein anderes Beispiel sind die waldfreien Flächen für die Panzer auf dem Truppenübungsplatz Vogelsang. Eine Schafherde frisst dort den Leopard-Kampfpanzern die Pisten frei. Einen Teil dieser Flächen will das Nationalparkforstamt dauerhaft offen halten, um einen Wildbeobachtungspunkt zu schaffen. Eine künstliche Savanne, damit die Touristen bei ihrer Eifel-Safari auch einmal die stattlichen Hirsche zu Gesicht bekommen.

Andere Bewohner des Nationalparks sind schwieriger zu beobachten als die Hirsche im Wald. Die Wildkatze zum Beispiel. Armin Warbel kennt das Revier seit 20 Jahren, doch hat er erst einmal eine gesehen. Dass die Wildkatzen aber in größerer Zahl vorkommen, hat die biologische Station bewiesen, in dem sie die zahlreiche Katzen mit den von ihnen geschätzten Baldrianpflanzen vor eine Fotofalle gelockt hat. Das ist es, was der Nationalpark schaffen will: "Naturerlebnis, ohne Schaden anzurichten." Das ist nicht immer einfach. Ein wenig graut den Rangern schon vor der nächsten Pilzsaison. Denn das Verlassen der Wege ist jetzt ebenso verboten wie das Pflücken und Sammeln von Pflanzen. Doch Petra Neudenberger, Chefin des Hotel Friedrichs in Gemünd, glaubt, dass die Leute die Einschränkungen akzeptieren. Sie sieht neben der Belebung ihres Geschäfts durch den Nationalpark noch mehr Gutes: "In den letzten Monaten haben die Leute hier soviel miteinander geredet, um den Nationalpark voranzubringen, dass wir uns jetzt alle besser kennen. Das alte Schmalspurdenken der Gemeinden und Ämter ist vorbei."

Es ist ein Ruck durch die Eifel gegangen. Die Eifeler werden ihren Enthusiasmus behalten und ihren Nationalpark weiterhin kräftig unterstützen. Auch wenn sie keine Pilze mehr sammeln dürfen und für einige Jahre an vielen Hängen auf "Altholzbestände" aus toten Fichten blicken werden und nicht mehr auf das vertraute ganzjährige Grün der Fichten.




Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004



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