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Wandern im Norden Norwegens: Die raue Schönheit des Grenseleden

Foto: Thomas Krämer

Wandern im Norden von Norwegen In der Folterkammer des Zaren

Kalkadern, Urgestein, Höhlengänge - Norwegens Norden ist eine raue Schönheit. Eine Wanderung auf dem Grenzweg Grenseleden entwickelt sich zu einem Lauf durch die samische Geschichte. Und hinter einer Hütte verbirgt sich eine Tragödie.

Wellen schlagen ans Boot, die Gischt spritzt. Wir sind unterwegs auf dem Tysfjord im Norden Norwegens , etwas südlich von Narvik. Schnell brausen wir an einsamen Gehöften vorbei, von Kjøpsvik nach Sørfjord, der Talstation eines Wasserkraftwerks. Neben Svein und Anna vervollständigt Stig dort unser Wanderquartett.

Der Hüne wuchtet einen gewaltigen Rucksack auf seine Schultern. Angesichts des Gewichts ist er bestimmt nicht unglücklich darüber, dass wir die ersten Meter unserer Tour auf der Ladefläche eines klapprigen Pick-up zurücklegen, mit dem sonst das Kraftwerkspersonal auf steiler Schotterstraße hinauf zum Staudamm fährt.

Die Berge hier am Tysfjord sind der Beginn - oder besser das Ende - des Grenseledens, der vom schwedischen Gällivare nach Kjøpsvik führt. Grenseleden bedeutet auf Deutsch Grenzweg und ist eine markierte Wanderroute, die durch das schwedische und norwegische Fjäll führt.

Wer abkürzen will, fährt mit dem Bus oder dem Auto zur Fjällstation Ritsem und beginnt dort die Tour. "Drei Tage sollte man dafür schon rechnen, wenn man die Landschaft auch genießen will", sagt Svein. Wir bleiben jedoch auf norwegischem Terrain.

Auf den Spuren des einstigen Nomadenvolkes

"Hier gibt es genug zu sehen", sagt Svein bei einer Tasse Kaffee geheimnisvoll. "Altes Sami-Land", sagt Anna, durch deren Adern noch Blut des einstigen Nomadenvolkes fließt. Das erklärt auch, warum auf den Schildern neben "Grenseleden" auch immer "Rádjebálges" steht - was Grenzweg auf Samisch bedeutet.

Mindestens die Hälfte der Einwohner von Kjøpsvik seien Sami, erzählt Anna, obwohl das nicht immer einfach zu entscheiden ist. "Alles hat sich durchmischt", sagt sie. Und doch besinnt man sich wieder auf seine Herkunft, auf die alten Traditionen. "Während ich Samisch nicht sprechen und kaum verstehen kann, lernen meine Kinder diese Sprache", berichtet sie stolz und blickt hinaus in ein weites Land.

Wenig später durchstreifen wir wieder das Gelände, klettern über Felsblöcke, umrunden kleine Seen und stapfen mit den wasserdichten Bergstiefeln durch Pfützen. Kurz darauf stehen wir vor einer windschiefen Hütte, hinter der sich eine traurige Geschichte verbirgt.

"Vor etlichen Jahren ist hier in der Gegend ein junger Mann verschwunden", erzählt Svein. Der Mann sei im teils noch schneebedeckten Fjäll unterwegs gewesen, aber nie wieder zurückgekehrt. "Seine Eltern haben sich dann diese Hütte gebaut und wochenlang nach ihrem Sohn Ausschau gehalten", sagt der Norweger. Jedoch vergeblich. "Vielleicht ist er in einen der Höhlenschächte gestürzt."

Ein fantastisch schöner Eingang in die Unterwelt

Höhlen hier im norwegischen Fjell? Das besteht zumeist aus Gneis und Granit und ist nicht für eine ausgedehnte Unterwelt bekannt. Doch Svein kennt einen Platz, an dem sich eine Kalkader durch das Urgestein zieht. Und die steuern wir an. Noch einige Male geht es durch Senken und über nackten Fels, dann stehen wir vor einem Canyon.

Unter uns liegen gewaltige Blöcke auf dem Boden, bilden mit Gras ein grau-grünes Mosaik. Regenwasser hat im Laufe der Jahrhunderte tiefe Furchen, sogenannte Karren, in schräg abfallende Felsen gefressen. An einigen Stellen ist nichts zu sehen außer einem dunklen Loch. Der Eingang in die Unterwelt kann so fantastisch schön aussehen.

"Höhlenforscher haben hier ein riesiges System aus Schächten, Hallen und Gängen erforscht", sagt Svein. Sie hätten sich in 50 Meter tiefe, senkrechte Schächte abgeseilt, seien durch Engstellen gekrochen und über Hunderte Meter lange Gänge gewandert. Ebenso ausdauernd wie ihr Forscherdrang war ihre Kreativität bei der Namensgebung. Die am niedrigsten gelegenen Teile des Höhlensystems heißen "Kartoffelkeller des Zaren" und "Folterkammer des Zaren".

Wir sitzen lange in der Sonne, essen Schokolade und Orangen, saugen diese einzigartigen Formen in uns auf - bis Svein zum Weitergehen mahnt. Noch rund eine Stunde sind wir bis zur Hütte am Krokvatnet unterwegs. Diese erstrahlt im Sonnenlicht ein paar Meter oberhalb eines Sees auf einem Hügel.

Momente, die man ewig festhalten will

Es ist schon spät, die Sonne prallt auf den Horizont wie ein Ball auf den Rasen eines Fußballplatzes - genau der richtige Moment für einen Abendspaziergang. Die umliegenden Berge sind in ein zauberhaft rötliches Licht getaucht, das mit dem Blau des Himmels und der sich im See spiegelnden weißen Hütte kontrastiert. Es sind Momente, die man auf ewig festhalten wollte - und die so vergänglich sind wie die weiße Wolke, die sich über den umliegenden Gipfeln auflöst. Dann kehrt Ruhe ein in der Hütte am Krokvatnet.

Anna, Svein und Stig sitzen schon in der Sonne auf einer Bank vor der Hütte, als ich mich am nächsten Morgen aus dem Schlafsack schäle. Der schwarze Kaffee und die Aussicht auf einen weiteren Tag im Fjäll vertreiben schnell die Müdigkeit. Nach dem Frühstück schultern wir wieder die Rucksäcke und machen uns auf anderer Strecke zurück in Richtung Tysfjord.

Wir laufen am Rand einer tiefen, engen Schlucht entlang, die das Middagsfjell mit dem Mannfjord verbindet, einem Seitenarm des Tysfjord. Sind die Felswände noch mit klaren Konturen zu erkennen, so verschwimmt das blaue Wasser des Meeres schon im Dunst. Und das bedeutet für uns: Wir haben noch eine ganze Strecke vor uns. Aber die Tage im Norden sind lang. Glücklicherweise.

Thomas Krämer/srt/jkö
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