Obermutten in der Schweiz 79 Einwohner, 14.000 Fans

Wer Fan wird, wird aufgehängt - als Foto an der Dorf-Pinnwand: Mit diesem Versprechen konnte das Schweizer 79-Einwohner-Örtchen Obermutten bei Facebook Tausende Freunde gewinnen. Hinter der charmanten Kampagne steckt eine große Werbeagentur.

Graubünden Ferien

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Chico, der Dorfhund, ist ein großer Freund des Dorfbrunnens.

Der alljährliche Schulbasar war sehr gut besucht.

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Auf den ersten Blick ist das, was man auf der Facebook-Seite des Schweizer Örtchens Obermutten erfährt, nicht die Art von Information, die in sozialen Netzwerken für Furore sorgt. Dass Obermutten dort trotzdem in nur neun Wochen mehr als 14.000 Fans ansammeln konnte, hat einen anderen Grund: Der Gemeindepräsident versprach den Usern, dass ihr Foto im Gegenzug für einen simplen "Like"-Klick an einer Holz-Pinnwand im Dorf aufgehängt wird.

79 Einwohner, eine Kirche, ein Hotel und mehr Online-Freunde als St. Moritz oder das Matterhorn: Inzwischen hat der abgelegene Ort in Graubünden Anhänger in mehr als 30 Ländern, sogar in Südkorea oder Afrika. Hochgradig unspektakuläre Postings über Schulbasare, Hunde oder Orgelmusik in der Kirche werden dutzendfach beantwortet.

Die Namen der ersten zehn Fans verlas Gemeindepräsident Martin Wyss Ende September noch persönlich in einem Videoclip, mit 300, vielleicht 500 insgesamt habe er damals gerechnet, sagt er. Schon bald musste man auf Facebook ein Video posten, in dem sich der Dorfwirt entschuldigte, dass man mit dem Aufhängen der Profilfotos nicht so schnell hinterherkomme. Man müsse nebenbei auch noch arbeiten.

"Zuerst haben wir Ausdrucke im Din-A-4-Format gemacht, aber die Infotafel war bald voll", erzählt Wyss. Zum Glück stellte eine Bäuerin ihre Stallwand zur Verfügung. Inzwischen werden die Fotos nur noch im Passbildformat gezeigt, etwa 1000 Obermutten-Freunde passen so auf einen Quadratmeter Papier.

Jeder ist willkommen in Obermutten

Die Heile-Dorf-Welt inmitten des chaotischen Sensationsmarktplatzes Facebook kommt offenbar an. Doch hinter der Idee steht ein Paradebeispiel für cleveres Social-Media-Marketing: Das Ganze ist eine Marketing-Kampagne des Fremdenverkersverbandes von Graubünden Ferien, die von der Agentur Jung von Matt entwickelt wurde. Es ging darum, an einem konkreten Beispiel aufzuzeigen, wie gastfreundlich die Menschen in kleinen Schweizer Dörfern sind: Jeder ist willkommen, jeder kann unser Freund sein.

Ein paar der Facebook-Fans kamen sogar persönlich nach Obermutten. "Sogar zwei Ehepaare aus Deutschland waren hier, um nach ihrem Bild zu suchen", sagt Wyss. Ansonsten sei aber noch nicht deutlich spürbar, dass die Zahl der Besucher gestiegen sei.

An den Hauswänden jedenfalls ist noch Platz. "Auch wenn es noch 10.000 oder 20.000 mehr werden - wir halten unser Versprechen", sagt Wyss. Einmal pro Woche kommen von der Druckerei neue großformatige Ausdrucke, 1 Meter mal 1,20 Meter sind sie groß, vielleicht müssen schon bald weitere Holztafeln errichtet werden. Mit Plexiglas wird das Papier inzwischen vor Regen und Schnee geschützt.

Trotz der plötzlichen Online-Berühmtheit geht das beschauliche Dorfleben weiter seinen normalen Gang, beteuert Wyss. "Da gibt es keine Missstimmung, Obermutten hat sich nicht verändert." Einige bekommen von der rasanten Entwicklung sowieso kaum etwas mit - viele der Einwohner haben gar keinen Internetanschluss.



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