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Ökotourismus: Die unbeugsamen Gailtaler

Foto: Frank Stolle

Ökotourismus in Kärnten Wie im Gailtal die Energie-Revolution ausbrach

Fortschritt aus Tradition: Eine kleine Gemeinde in Kärnten versorgt sich fast ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen. Auf Genuss wollen die Gailtaler dabei absolut nicht verzichten: "Umweltschutz bedeutet nicht, dass wir zurück in die Höhlen müssen."
Von Niclas Müller

Wir befinden uns im Jahr 2010 n. Chr. Die ganze Welt ist von Ölmagnaten und Atommanagern besetzt … Die ganze Welt? Nein! Ein von unbeugsamen Gailtalern bevölkertes Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten.

So müsste die Geschichte über das kleine Kötschach-Mauthen  in den Karnischen Alpen  beginnen, wenn sie ein Comic wäre. Ein Trupp russischer Gasoligarchen, arabischer Ölscheichs und römischer Atomkraftwerksbetreiber könnte dann über den Plöckenpass marschieren, in der Absicht, Biogasanlagen, Wasserkraftwerke, Solarzellen und das einzige Windrad Kärntens niederzureißen. Die Angreifer würden von Zaubertrank-gestärkten Einheimischen gestoppt und vermöbelt.

Aber dies ist kein Asterix-Märchen. Hexerei und weißbärtige Druiden kommen darin nicht vor. Das Energiegemisch, das den Ort unabhängig macht und seinen Menschen Kraft verleiht, ist relativ simpel. Und doch so gehaltvoll, dass es die Welt vor einer Katastrophe bewahren könnte.

Bürgermeister Walter Hartlieb, 46, hat weiße Haare und ein gründlich rasiertes Gesicht. Im Hauptberuf arbeitet er als Vorstandsdirektor der örtlichen Raiffeisenbank. Seit 1997 regiert er die rund 3500 Einwohner seiner Heimat, die als "energieautarke Mustergemeinde" gilt. Mit kleinen, dezentralen Kraftwerken erzeugt der Ort mehr Strom aus regenerativen Quellen, als er verbraucht. Über Hartliebs Amtsstube im Rathaus glitzert eine Photovoltaik-Anlage. Die EU hat die Gemeinde im Gailtal mehrfach für ihre Ökobilanz ausgezeichnet. Zu 74 Prozent ist sie unabhängig von fossilen Rohstoffen. 2015 soll die 100-prozentige Autarkie erreicht sein.

"Wir setzen auf erneuerbare Energien", sagt Hartlieb. 2009 ist der SPÖ-Politiker mit 81,81 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Die Lokalpresse nennt ihn den "Bürgermeister-König" von Kärnten. Er könnte sich auf einem Schild durchs Dorf tragen und "Majestix" rufen lassen. Aber dafür ist der Sohn eines Sägemeisters und einer Friseurin zu bodenständig.

Wie kommt es, dass ein kleiner Ort im hintersten Winkel Kärntens einen Öko-Aufstand anführt? "Ich wäre ein schlechter Bürgermeister, wenn ich sagen würde: Ich möchte nur die Welt verändern. Es muss auch für den Ort was rauskommen", erklärt Hartlieb. In Kötschach-Mauthen scheint sich Naturschutz so gut zu rechnen, dass sogar Stammtischredner ihre Tiraden mit Hinweisen auf die Klimakatastrophe garnieren. Im Gasthof Engl besprechen vier Männer die neuen Energiesparhäuser am Ortsrand. Einer sagt: "Die gehören Holländern, ist ja klar: Die haben so viel Kriminalität. Und wegen der Erderwärmung geht ihr Land unter."

Auf der anderen Seite des Kirchplatzes läuft der Motor der lokalen Energiewirtschaft. Auf einem Schild vor der prächtig renovierten Fassade steht: "Headquarter". Vom Firmensitz der Alpen Adria Energie AG  aus werden die Gemeinde und in ganz Österreich mehr als 7000 Kunden mit Strom versorgt. Innen trifft neongrünes Mobiliar auf holzvertäfelte Wände. Auf einem Schreibtisch liegt Al Gores Buch "Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise". In einer Nische hängen Flachbildschirme. Mitarbeiter steuern per Mausklick Talsperren, Pumpen und Solarkraftwerke. Der Familienstammbaum des Firmenpatriarchen, der zurückreicht bis dreizehnhundertirgendwas, schmückt eine andere Wand. Nirgends wirkt Zukunftstechnologie so alt und gewachsen wie hier.

Unternehmenschef Wilfried Klauss sagt: "Dass die herkömmliche Energiewirtschaft unsinnig ist, war mir schon vor Jahrzehnten klar. Wir haben doch alle Ressourcen vor der Tür!" Fehlte nur noch, dass er dazu "Beim Teutates!" rufen würde. Klauss ist 56 Jahre alt und eine Art Energie-Miraculix: fortschrittlich wie seine Firma und zugleich tief verwurzelt in der Vergangenheit. Schon sein Urgroßvater hatte 1886 ein Wasserkraftwerk gebaut. In Kötschach-Mauthen  brannte dank dem Klauss-Clan längst elektrisches Licht, als in Klagenfurt noch Petroleum-Leuchten flackerten. "Wir waren immer vorn", sagt Klauss, "in meiner Familie gab es nie eine Generation, die nur langweilig dahingetan hätte."

"Hier sehen Sie das Gute und da drüben das Böse!"

Barbara Klauß, die trotz abweichender Schreibweise zur Familie gehört, führt das Hotel Kürschner in siebter Generation. Im Klavierzimmer hängen die Porträts ihrer Ahnen wie in einem Theaterstück von Thomas Bernhard. Klauß ließ die 1746 erbauten Mauern des 4-Sterne-Hauses schrittweise modernisieren. Geheizt wird mit Fernwärme aus dem Holzschnitzelofen, gedämmt mit Dreifachverglasung und Schafswolle; in den WC-Anlagen wird mit Brauchwasser gespült, und in der Küche brutzeln biologisch erzeugte Lebensmittel. "Viele sehen nur Grüne in Latschen, wenn sie an Ökologie denken", sagt die 52-jährige Chefin, die in Kärntner Tracht auf einem Jugendstil-Sofa sitzt, "aber bei mir ist das überhaupt nicht so: Ich bin ein absoluter Genussmensch".

Auch der Vorsitzende des Tourismusvereins, Sepp Kolbitsch, setzt auf Hochtechnologie statt auf Verzicht. "Umweltschutz bedeutet nicht, dass wir zurück in die Höhlen müssen", sagt er und knipst das Licht in einer künstlichen Grotte an. In der neuen Saunalandschaft seines Luxus-Campingplatzes Alpencamp hat er extrem sparsame LED-Lampen verbaut. Das intelligente Heizsystem, in dessen Kessel Holzpellets brennen, lässt sich vom Computer übers Internet steuern. Jahrhundertealt sind dagegen die Methoden, nach denen Kolbitsch das Bauholz für sein Hüttendorf fällen lässt. Nur im Winter und wenn der Mond günstig steht, wird gesägt: "Wer nach den richtigen Zeichen schlägt, braucht keine chemischen Schutzmittel." Selbst zehnjährige Blockhäuser auf dem Platz sehen aus wie neu.

Der Bürgermeister, Klauss und Klauß, Kolbitsch - dazu die Größen des lokalen Handwerks, der Bauunternehmer und auch der Landwirtschaft haben sich im Verein energie:autark  zusammengeschlossen, um die Gemeinde weiter voranzutreiben auf der grünen Welle. Die Verwaltung bezuschusst den Einbau von Wärmepumpen und den Kauf von Elektrorollern. Für Berufspendler will die Gemeinde Elektrobusse anschaffen, damit nicht jeder zu seiner Schicht im Gewerbepark das eigene Auto bewegt. Und natürlich, erklärt Hartlieb, soll der Tourismus profitieren: "Viele Möglichkeiten haben wir nicht. Wenn es um Betriebe geht, die Standorte suchen, hören wir immer das Gleiche: 'Ihr seid zu weit weg!' Den Ökoenergie-Tourismus auszubauen ist für uns eine Chance."

In Zukunft sollen an den Energie-Produktionsstätten Schautafeln stehen, damit Wanderer erfahren, wie einfach und naturnah Strom und Wärme zu erzeugen sind. Ein Wasserkraftwerk soll zum Schaukraftwerk für 10.000 Besucher jährlich ausgebaut werden. Noch betreut Sabrina Barthel von energie:autark angemeldete Gästegruppen. Im Ortsteil Würmlach zeigt sie eine Anlage, in der man aus Mais, Gras und Rindergülle Gas gewinnt, um es zur Stromerzeugung und für das Fernwärmenetz zu verbrennen. Die Sehenswürdigkeit riecht, wie ihre Rohstoffe klingen. Und trotzdem sagt Barthel selbstbewusst: "Hier sehen Sie das Gute" - und deutet auf den Fermenter, in dem Bakterien die Natursuppe in Brennstoff verwandeln - "und da drüben: das Böse!" Einen Steinwurf entfernt steht ein mit Stacheldraht umzäunter, rostbrauner Tank, in dem Öl lagert. Ausgerechnet durch das Rebellengebiet verläuft die Pipeline Transalpin , in deren Rohren der Treibstoff des Erdölzeitalters vom Hafen in Triest bis Ingolstadt fließt.

Wer Klauss in seinem Headquarter fragt, ob die Pipeline bald dichtmachen könnte, setzt den Energie-Pionier unter Strom: "Da habe ich nicht den geringsten Zweifel. Die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energie wäre in kurzer Zeit möglich", sagt er. "Wenn Sie mich zum Energiediktator der Welt küren würden, gäbe es in 20 Jahren kein Atom- und kein fossiles Kraftwerk mehr." Das Prinzip seines Netzes sei global anwendbar: Stauseen speichern die Energie, die durch Wind- und Sonnenkraft erzeugt wird. Ist es windstill und bewölkt, wird das Wasser zur Stromerzeugung aus den Seen abgelassen. In der Sahara könne man riesige Solaranlagen bauen, in Norwegen Speicherseen. "Einfacher geht's nicht", sagt Klauss.

Die Tücken im Detail kennt der Unternehmer allerdings auch. Seit Jahren wartet er auf die Genehmigung, neben sein Windrad am Plöckenpass noch ein zweites und drittes stellen zu dürfen. Vogelbeobachter fürchten, dass ihre gefiederten Freunde darin umkommen könnten. Wanderer glauben, die Lärmbelästigung würde sie stören oder die Turbinen könnten das Panorama ruinieren. Eine weitere Baustelle: Die Alpen Adria Energie  möchte eine Leitung nach Italien legen, um ein Stahlwerk mit Naturstrom zu versorgen.

Hartlieb kennt und unterstützt die meisten Pläne. Dass Strommasten in den Bergen unschön wären, sieht er allerdings auch so. "Nicht alles ist sofort umsetzbar, die Zeit muss auch reif sein", sagt der Bürgermeister. Vielleicht helfen dem Projekt ausgerechnet römische Atomstrom-Anhänger. Um den Energiebedarf in Norditalien zu decken, wollen sie ein neues Kraftwerk bauen. Beim Gedanken daran wird Hartlieb ein wenig ungehalten: "Bevor uns Berlusconi ein Atomkraftwerk vor die Haustür setzt, sage ich: Die Leitungen müssen sofort her!" Am Ende stürmen nicht Ölscheichs und Atommanager über den Plöckenpass. Sondern die unbeugsamen Gailtaler erobern mit ihrem Energiegemisch die Welt.

Aus ADAC Reisemagazin "Kärnten"

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