Skipiste am Kaunertaler Gletscher
Skipiste am Kaunertaler Gletscher
Foto: Ryszard Filipowiz / Getty Images

Österreichs Tourismusministerin über die Wintersaison »Ich habe überhaupt keine Angst, dort infiziert zu werden«

Wann dürfen die Skilifte wieder anlaufen? Angela Merkel fordert die Schließung der Wintersportgebiete. Österreichs Tourismusministerin Elisabeth Köstinger hält davon nichts – der Urlaub in ihrem Land sei sicher.
Ein Interview von Claus Hecking

SPIEGEL: Frau Ministerin, Sie und Ihr Kanzler Sebastian Kurz haben im September versprochen, diesen Winter werde es »Skivergnügen« geben. Würden Sie das immer noch so sagen, trotz hochschnellender Infektionszahlen und eines neuen Lockdowns mit Ausgangssperren, Schul- und Geschäftsschließungen?

Elisabeth Köstinger: Wir werden alles dafür tun, dass Infektionszahlen sinken und damit ein Winterurlaub in Österreich möglich sein wird. Ich gehe davon aus, dass wir das mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung schaffen werden. Der Tourismus ist unverzichtbar für ganz Österreich, allen voran für die ländlichen Regionen. Und wir haben im Sommer gezeigt: Urlaub in Österreich ist sicher.

SPIEGEL: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat daran Zweifel. Sie fordert die europaweite Schließung aller Skigebiete.

Köstinger: Diesem Vorstoß kann ich nichts abgewinnen. Das liegt auch nicht in der europäischen Zuständigkeit. Ich wüsste nicht, auf welcher Rechtsgrundlage die EU die Schließung von Skigebieten verordnen sollte. Abgesehen davon ergreift Österreich alle Maßnahmen, um sicheren Urlaub zu ermöglichen. Das Virus holt man sich nicht auf der Piste, sondern beim Feiern danach. Deshalb wird es heuer auch kein Après-Ski geben.

SPIEGEL: Wie wollen Sie sicherstellen, dass ein Skiurlaub in Österreich sicher ist?

Köstinger: Indem wir alle Gefahrenquellen ausschließen. Es gibt umfassende Konzepte für die Wintersaison, die diese Sicherheit gewährleisten. Unser Gesundheitsministerium hat detaillierte Clusteranalysen über die bisherigen Infektionen gemacht. In der Hotellerie und der Gastronomie war das Infektionsgeschehen sehr gering. Die meisten Fälle treten dort auf, wo Menschen sich gut kennen: im familiären Umfeld und im Freizeitbereich. Wir haben zudem das größte kostenlose Testprogramm für Mitarbeiter des Hotel- und Tourismussektors in ganz Europa. Inzwischen wurden mehr als 500.000 Testungen durchgeführt. Noch vor Weihnachten werden wir die Bevölkerung in ganz Österreich durchtesten.

Ministerin Köstinger beim SPIEGEL-Interview in Wien: »Ich glaube, dass wir einen anderen Umgang mit der Pandemie brauchen«

Ministerin Köstinger beim SPIEGEL-Interview in Wien: »Ich glaube, dass wir einen anderen Umgang mit der Pandemie brauchen«

Foto: Paul Gruber

SPIEGEL: Aber im vergangenen März haben sich Tausende Skitouristen in Österreich mit dem Virus infiziert. Sie können sich kein zweites Ischgl leisten.

Köstinger: Wir konnten uns auch das erste Ischgl nicht leisten. Aber wir alle haben dazugelernt im Umgang mit der Corona-Pandemie.

»Die Situation in Kabinenbahnen ist keine andere als in einer U-Bahn oder Straßenbahn.«

SPIEGEL: Was ist, wenn der Nachbar in der Gondel oder im Bubble-Sessellift hustet?

Köstinger: 85 Prozent aller Liftanlagen sind ohnehin offen, also an der frischen Luft. Die Abdeckhauben der Sessellifte sind teils abmontiert, teils können sie nicht geschlossen werden. Und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist in allen Liften verpflichtend. Die Situation in Kabinenbahnen ist keine andere als in einer U-Bahn oder Straßenbahn. Die Betreiber sind angewiesen, immer Frischluftzufuhr zu gewährleisten. Und es gibt in Österreich keine Kabinenbahn, die länger als 15 Minuten unterwegs ist. Das Ansteckungsrisiko ist gering.

SPIEGEL: Kürzlich gingen Bilder durch die sozialen Netzwerke. Sie zeigten in österreichischen Skigebieten wie dem Zillertaler oder dem Kaunertaler Gletscher Touristenmassen, die sich vor Seilbahnstationen drängten.

Köstinger: Diese Bilder aus dem Zillertal und dem Kaunertal waren katastrophal. Wir haben intensive Gespräche mit den Seilbahnbetreibern geführt, damit sich das nicht wiederholt. Die Betreiber haben umfassende Präventionskonzepte, die sie auch umsetzen. Bei den Ein- und Ausstiegen finden sich überall Bodenmarkierungen und Desinfektionsspender. Und am Wochenende darauf hat es diese Szenen nicht mehr gegeben: weil die Gesundheitsbehörden und die Polizei die Kontrolle vor Ort übernommen haben. Die Seilbahnbetriebe haben schnell dazugelernt – und die Skifahrer auch. Wir vertrauen darauf, dass die Menschen nach neun Monaten Pandemie die Regeln verinnerlicht haben.

SPIEGEL: Aber was ist, wenn sich einige nicht an die Regeln halten?

Köstinger: Jede Seilbahngesellschaft hat ihre Corona-Beauftragten. Es wird Sicherheitsdienste an neuralgischen Punkten geben, auch Polizei oder Seilbahnmitarbeiter werden die Aufsicht übernehmen.

SPIEGEL: Wie soll das mit dem Essen gehen – im tiefen Winter, in geschlossenen Räumen?

»Wir geben Frankreich auch keine Ratschläge, wann es den Louvre wieder aufsperren kann.«

Köstinger: Ab 50 Gästen muss jeder Betrieb ein Präventionskonzept vorlegen. Dazu zählen: regelmäßiges Lüften, genügend Abstand, strenge Regeln am Buffet. Mitarbeiter wie Gäste müssen Mund-Nasen-Schutz tragen, und die Gäste dürfen die Masken erst am Tisch abnehmen.

SPIEGEL: Dann können sie einander immer noch anstecken.

Köstinger: Das können sie innerhalb ihrer Gruppe auch an anderen Orten. Hier ist Eigenverantwortung gefragt. Unser Konzept verhindert, dass die verschiedenen Gruppen sich gegenseitig anstecken. Wissen Sie: Im Sommer hatten wir einen Ausbruch am Wolfgangsee. Dieser Cluster hat überwiegend junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen. Er konnte innerhalb kürzester Zeit komplett eingedämmt werden, ohne dass viele Besucher angesteckt wurden. Wir haben vor Ort Tausende Tests durchgeführt – und hatten ein extrem schnelles Kontaktpersonen-Management. Das hat exzellent funktioniert.

SPIEGEL: Was haben Sie vorbereitet für den Fall, dass es einen Ausbruch in einem Skiort gibt?

Köstinger: Wenn Gäste eine Gesundheitsbetreuung benötigen, wird sie ihnen ohnehin selbstverständlich zur Verfügung gestellt. Für milde Verläufe haben sich die Tourismusregionen auf ein System der »Safe Houses« verständigt. Das heißt: Es werden spezielle Unterkünfte bereitgestellt, in denen die Corona-Infizierten untergebracht werden. Die können sich gegenseitig ja nicht mehr anstecken. So sorgen wir für maximale Sicherheit für alle Beteiligten. In Absprache mit den deutschen Gesundheitsbehörden können Infizierte ohne Symptome auch nach Hause gebracht werden.

SPIEGEL: Die Gastronomen haben viel Zeit und Geld in ihre neuen Konzepte investiert. Trotzdem mussten sie Anfang November dichtmachen, im zweiten Lockdown.

Köstinger: Mir blutet das Herz, dass wir die Gastronomie und den Hotellerie-Tourismus schließen mussten, obwohl sie alles getan haben, um maximale Sicherheit zu schaffen. Aber wir mussten die Kontakte einschränken, und die Ausgangsbeschränkungen von 20 bis 6 Uhr nehmen der Gastronomie ohnehin einen Großteil ihres Geschäfts. Mir war es wichtig, die Betriebe maximal für die Ausfälle zu entschädigen. Wir ersetzen ihnen bis zu 80 Prozent ihres Umsatzes. Und die strengen Maßnahmen jetzt eröffnen ihnen eine Perspektive für die Wintersaison.

SPIEGEL: Aber was ist, wenn die Saison ausfällt oder erst spät startet, so wie es die Regierungen von Deutschland, Frankreich und Italien fordern? 

Köstinger: Wir geben Frankreich auch keine Ratschläge, wann es den Louvre wieder aufsperren kann. Ebenso wenig schreiben wir Italien oder Deutschland vor, wann Cafés, Restaurants oder Schulen wieder öffnen dürfen. Jedes Land soll auf Basis seines Infektionsgeschehens seine eigene Entscheidung treffen. Die EU-Kommission hat inzwischen auch klargestellt, dass sie nicht vorhat, das europaweit zu regeln.  

SPIEGEL: Was machen Sie, wenn die Infektionszahlen nach der Aufhebung des Lockdowns dann doch im Januar wieder steigen?

Köstinger: Dass wir uns auf harte, schwierige Monate einstellen müssen, ist klar, nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Wir werden alles dafür tun, dass Infektionszahlen dann weiterhin unten bleiben – mit strengen Hygienekonzepten und mit mehr Personaleinsatz.

SPIEGEL: Wie viel Tourismus erwarten Sie in diesem Winter?

Köstinger: Wir rechnen mittlerweile mit einem Einbruch von bis zu 50 Prozent, verglichen mit normalen Jahren. Das ist ein Problem. Die Hotellerie in Österreich hat nur acht Prozent Eigenkapitalausstattung.

SPIEGEL: Wie wollen Sie verhindern, dass Betriebe massenweise bankrottgehen?

Köstinger: Wir übernehmen Garantien für Kredite, stunden Steuern, offerieren Fixkostenzuschüsse, Kurzarbeit für die Mitarbeiter. Wir haben die Umsatzsteuer für Gastronomie und Hotellerie auf fünf Prozent gesenkt. Und wir bieten den Betrieben eine Rückerstattung von 80 Prozent des Umsatzes gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019. In der Ferienhotellerie wird es der überwiegende Teil der Betriebe schaffen: mit massiver Unterstützung durch den Staat. Wie groß die Unterstützungen sein müssen, hängt von der Zahl der Besucher ab.

SPIEGEL: Wovon hängt es ab, wie viele Gäste kommen?

»Das Risiko, sich in einem Hotel in Hamburg zu infizieren, ist nicht kleiner oder größer als in einem Hotel in Serfaus.«

Köstinger: Fast die Hälfte der Besucher kommen aus Deutschland. Dort gilt gerade die Quarantänepflicht für Rückkehrer aus Österreich. Dabei geht die größte Ansteckungsgefahr von Bekannten aus – nicht von der Hotellerie, wo man Masken trägt und Abstand hält. Das Risiko, sich in einem Hotel in Hamburg zu infizieren, ist nicht kleiner oder größer als in einem Hotel in Serfaus in Tirol. Hier wäre es meiner Meinung nach zentral, das Freitesten zu ermöglichen. Das heißt: Wenn man aus Österreich kommt, dann sollte ein negativer PCR-Test genügen, und man muss nicht tagelang in Quarantäne. 

SPIEGEL: Virologen würden widersprechen: Bei manchen Patienten im frühen Stadium zeigen die Tests keine Infektion an. Erwarten Sie, dass sich die deutschen Behörden von Ihrer Argumentation überzeugen lassen?

Köstinger: Ich glaube, dass wir einen anderen Umgang mit der Corona-Pandemie brauchen. Natürlich sind Maßnahmen wie Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, Abstand halten und Hygiene weiter nötig. Aber ich glaube, dass Schnelltests ein echter Gamechanger sein werden. Mit ihnen filtern wir Superspreader sehr schnell heraus. Wissen Sie, wir sind das einzige Land der Welt, das regelmäßig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Hotellerie und Gastronomie präventiv testet. So haben wir im Sommer positiv getestete Mitarbeiter sehr schnell isolieren können, und das Virus hat sich nicht verbreitet.

SPIEGEL: Gehen Sie selbst im kommenden Winter Skifahren?

Köstinger: Mit Sicherheit. Ich habe überhaupt keine Angst, dort infiziert zu werden. Abstand, Mund-Nasen-Schutz und Hygienekonzepte sorgen für maximale Sicherheit; es gibt kein Après-Ski. Und man holt sich das Virus nicht draußen beim Skifahren. Ich freue mich auf das Skivergnügen.