Österreichisches Hanf-Dorf Cannabis-Dschungel im Waldviertel

Der Dorfwirt serviert Hanftorte, Cannabisblätter zieren die Servietten: Im niederösterreichischen Reingers sind die Menschen ganz verrückt nach der berauschenden Nutzpflanze. Sie locken damit nicht nur Touristen, sondern ködern auch Karpfen - high ist in dem Dorf trotzdem keiner.

Martin Cyris

Von Martin Cyris


Grabesstille in Reingers. Kein Hahn kräht. Die Kirchturmglocke steht auf Standby. Ein Ort, um sich mal so richtig wegzubeamen. Um die Systeme herunterzufahren und ganz tief ein- und wieder auszuatmen. Gesunde Landluft, versteht sich.

Reingers ist ein Dorf in Niederösterreich. Genauer gesagt im nördlichen Waldviertel, dicht an der Grenze zu Tschechien, die seit einigen Jahren offen ist. "50 Jahre waren wir mit dem Rücken zur Wand", sagt Christian Schlosser, der Bürgermeister von Reingers. Und ein bisschen fühlt man sich hier noch immer an jene Zeiten erinnert, als der Eiserne Vorhang das Dorf an den Rand des Geschehens rückte. Derart abgelegen und weltfern wirkt die Gegend, und verträumt - wie geschaffen für eine Verschnaufpause und pures Nichtstun.

Harald Pleha fläzt in einem Klappstuhl am Dorfteich, die Nase gen Wasser gerichtet. Der gelbrote Stoff der Rückenlehne ist ausgeblichen, Pleha hat sein Kinn auf Zeige- und Mittelfinger abgelegt. Er scheint wegzunicken, vielleicht denkt er nach. Plötzlich ertönt ein Piepton, Pleha schreckt auf. Schnurstracks bringt er sich in die Vertikale, der Klappstuhl fällt fast nach hinten um. Pleha greift nach der Angelrute, die das Signal ausgesendet hat. "Ein toller Biss", frohlockt er hellwach.

Köder, Klamotten und Cremes aus Hanf

Gefühlvoll kurbelt er an der Angelrolle und zieht wenige Augenblicke später einen fetten Karpfen aus dem Wasser. Schon der dritte innerhalb einer Stunde. Sein Geheimnis? Fischköder aus gepresstem Hanfsamen. "Die san ganz deppert danach", sagt Pleha und verrät damit, warum die Karpfen wie verrückt anbeißen. Der Text auf der Packung übertreibt also nicht: "Sehr starke Lockwirkung. Unwiderstehlich für alle karpfenartigen Fische."

In Reingers werden nicht nur Fische, sondern auch Touristen mit Hanf (botanischer Name: Cannabis) geködert. Lange Zeit litt das Dorf, rund 150 Kilometer nordwestlich von Wien, unter Besuchermangel. Übernachtungsgäste waren in der Mehrzahl deutsche Vertriebene aus Mähren, die nach der Grenzöffnung die Heimatdörfer auf tschechischer Seite besuchten. Vor ein paar Jahren kam der damalige Dorfschulzes auf die Idee, den Hanf zum Thema zu machen. Reingers wurde zum "Hanf-Dorf" deklariert. Ziel: Gästezahlen erhöhen.

Also organisierte man eine ständige Hanfausstellung, die die lange Geschichte und die erstaunlich vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten der Pflanze zeigt. Im angegliederten Hanfshop werden Produkte aus Hanf angeboten: Hanfkäse, Hanfschokolade, Hanf-T-Shirts, Hanftaschen, Hanfcremes.

Provinznest auf dem Hanftrip

In jedem Sommer wird in Reingers die Hanfprinzessin gekürt. Sie erhält nicht nur ein Krönchen sondern auch ein maßgeschneidertes Hanfdirndl. Fast zeitgleich lässt Astrid Pleha, die auch über den Shop wacht, ein Hanflabyrinth pflanzen - im Gemeindeprospekt wird sie die "Hanftante" genannt. Dass sie sich einmal derart für die Nutzpflanze einsetzen würde, hätte sich die gelernte Verkäuferin "im Leben nicht" träumen lassen. Bis sie mal in der Ausstellung aushelfen sollte.

An langen Winterabenden informierte sich Astrid Pleha über die Pflanze und war "völlig fasziniert" von den Eigenschaften, aber auch stutzig über die Reduzierung des Hanfs auf eine Droge. Seitdem googelt sie regelmäßig nach Erzeugnissen und Herstellern, um neue Produkte in den Hanfshop zu stellen. "Weltweit gibt es geschätzt 50.000 verschiedene Produkte aus Hanf", erklärt Astrid Pleha bei den Führungen durch die Ausstellung.

Sie fungiert außerdem als Geschäftsführerin des Campingplatzes von Reingers. Auf dem Gelände gibt es ein Gebäude, das im Stil einer traditionellen "Hoarstubn" gebaut wurde. In solchen Haarstuben wurde in früheren Zeiten die Hanffaser, also das Haar, getrocknet und verarbeitet.

Ein österreichisches Provinznest auf dem Hanftrip - das lässt aufhorchen. Doch als künstlichen Werbegag kann man die Ernennung zum Hanfdorf nicht abtun, hat diese Idee doch einen historischen Hintergrund: Hanf ist eine uralte Kulturpflanze, im Waldviertel blickt man auf eine lange Tradition zurück. Aus ihr hat man früher Textilfasern und Nahrungsmittel hergestellt.

Kein Stoff für Kiffer

Doch die heutigen Anbauflächen sind stark geschrumpft, weil die bürokratischen Hürden in Österreich hoch sind. In vielen Ländern war der Anbau von Hanf jahrzehntelang ganz verboten, in Deutschland darf seit 1996 so genannter Nutzhanf kultiviert werden. Er nützt der Industrie, doch nicht den Kiffern als Rauschmittel. Dennoch sind die Anreize für die Landwirte klein: Sie erhalten, wenn überhaupt, nur geringe Subventionen. Obwohl die überragenden Eigenschaften als Ökorohstoff für Nahrung, Medizin und Werkstoffe seit langem bekannt sind.

Hanf ist ein ausgesprochen umweltfreundliches und nachhaltiges Produkt. Etwa, weil er ohne Einsatz von Pestiziden und Herbiziden wächst. Und weil seine Fasern extrem beständig sind. Doch Anbau und Produktion werden kontrolliert, als habe man es mit einer gefährlichen Droge zu tun. Dabei sind die Bedenken gerade in Reingers unnötig. "Ich pass schon auf, dass der richtige Hanf angebaut wird", sagt Christian Schlosser mit einem Augenzwinkern. Im Hauptberuf ist der Bürgermeister Polizist.

Durch die strengen Auflagen hat der Hanf seine berauschende Wirkung auf die Landwirte verloren - und ein alter Spruch seine Pointe: "Pflanzt der Bauer Dope ins Feld, verdient er nebenbei gut Geld!" Erst recht, weil der Nutzhanf jene Stoffe, um die sich alle Kifferträume drehen, nur in geringsten Mengen enthält: die Cannabinoide, allen voran das Tetrahydrocannabiol, kurz THC. Man müsste schon einen Appetit wie ein Elefant haben und Unmengen von Blüten, Blättern und Samen vertilgen, um vom Nutzhanf high zu werden.

"Viel Unwissen und Hysterie"

Und dennoch muss sich Wolfgang Uitz, der Dorfwirt, permanent der Fragen von ulkigen Gästen erwehren. Etwa, ob man von der Hanftorte, die im Dorfgasthof stilecht und wie zu besten Hippie-Zeiten mit einem Cannabisblatt auf der Serviette serviert wird, high werde. "Wennst 72 Kilo davon isst, spürst was", ist seine Standardantwort. Oder, ob das Hanfbier, das Uitz ausschenkt, nicht ein Rauschgift sei. "Kloar", entgegnet dann Uitz, "wennst zuviel davon trinkst host du an Rausch und deine Frau a Gift." Wobei Gift im Dialekt für Wut und Ärger steht.

Das mit den 72 Kilo hat übrigens mal ein Experte ausgerechnet, um Bedenken von hysterischen Zeitgenossen zu zerstreuen. Was nicht immer auf Anhieb gelingt. Noch heute belustigt man sich in Reingers über die Geschichte einer Touristin aus Baden-Württemberg, die ihrem Enkel als Mitbringsel Hanfbonbons schenkte. Knallbunt, aber völlig legal. Der Schüler zeigte die Teile stolz im Klassenzimmer herum - und wurde prompt zum Rektor zitiert. Dabei enthielten die Bonbons als einzigen Suchtstoff Zucker.

Vermutlich war der Schulleiter noch nie im Waldviertel, geschweige denn hat er sich dort über den weitgehend harmlosen Nutzhanf informiert. Dann hätte er sich ganz relaxed nicht nur an den sattgrünen Hanffeldern und den typischen, teilweise uralten Bauernhäusern erfreuen können. Sondern auch an den Waldviertler Burgen und Schlössern, etwa der fotogenen Wasserburg in Heidenreichstein.

Oder er hätte seine Nerven beim Angeln an einem der allgegenwärtigen Fischteiche beruhigen können. Oder bei der Oldtimer-Traktor-Weltmeisterschaft, die alljährlich Tausende Besucher nach Reingers zieht. Bei dem Rennen kämpfen internationale Teams mit getunten Treckern 24 Stunden lang um den ersten Platz. Der Sieger erhält weder ein Krönchen noch ein maßgeschneidertes Dirndl - sondern das Goldene Hanfblatt von Reingers.



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