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Ötztaler Alpen: Kunstschnee aus der Wolkenkammer

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Konkurrenz für die Schneekanone Der Wolkenmacher

Das Ziel: der perfekte Kunstschnee. In den Ötztaler Alpen will Michael Bacher der Schneekanone Konkurrenz machen - und dabei jede Menge Wasser und Energie sparen. Sein Schnee rieselt in einer selbstgebauten Wolkenkammer.
Von Johannes Schweikle

Die Sonne ist hinter den Gipfeln der Ötztaler Alpen versunken, der Skiort Obergurgl liegt im fahlen Abendlicht. Pistenraupen präparieren die leeren Hänge für den nächsten Tag. Michael Bacher schaut auf sein Thermometer: minus vier Grad Celsius. "Passt", sagt er und geht auf einem schwankenden Steg in seine Wolkenkammer.

Dieses skurrile Gebilde sieht aus wie ein großer weißer Trichter, der aus dem Weltall gefallen und in den Bergen gelandet ist. Mit drei Stahlstützen ist er hinter der Seilbahnstation im Boden verankert.

Unweit der Wolkenkammer stehen zwei Dutzend Schneekanonen am Hang. Wenn Bacher erfolgreich ist, wird man sie in Zukunft nicht mehr brauchen. Denn seine Versuche im weißen Trichter dienen dem Ziel, Kunstschnee besser und billiger zu erzeugen.

Bacher hat einen ernsthaft Blick. Er stammt aus Osttirol, ist 40 Jahre alt und hat in Wien an der Universität für Bodenkultur studiert. Als Skitourengeher liebt er die Berge seiner Heimat. Vor sechs Jahren saß er mit ein paar Wissenschaftlern zusammen, man diskutierte über dies und jenes. Einer sagte, das mit den Schneekanonen sei ja Quatsch, weil die nach dem falschen Prinzip funktionieren würden. "Wenn wir schon Kunstschnee machen, dann sollten wir uns an der Natur orientieren."

Luftig-leichte Kristalle statt plumper Eiskügelchen

Seither arbeitet Bacher an dieser Idee: Wolken zu erzeugen, aus denen Schnee fällt. Und zwar luftig-leichte Kristalle, von denen alle Freerider träumen. Sie fühlen sich ganz anders an als die plumpen Eiskügelchen, die von Schneekanonen produziert werden.

Die Universität hat ein Patent auf dieses neue Beschneiungsverfahren eingereicht, Bacher hat das Start-up-Unternehmen Neuschnee  gegründet. Nach Versuchen im Labor ist er diesen Winter den nächsten Schritt gegangen: In der Wolkenkammer von Obergurgl testet er unter Freiluftbedingungen, in 2100 Metern Höhe.

In der Mitte des weißen Trichters montiert Bachers Kollege Johannes Müller drei Düsen. Er schließt einen gelben Schlauch für die Druckluft an, und einen schwarzen fürs Wasser. Dann schaltet er die Pumpe ein, feiner Nebel füllt die Wolkenkammer. Dann werden kleine Eisplättchen eingeblasen - als Kristallisationskerne für Schneeflocken, wie in der Natur. Fünf Minuten später strahlt Bacher: Im Lichtkegel seiner Stirnlampe funkeln die wachsenden Kristalle. Auf die Ärmel von Müllers schwarzer Jacke legt sich Raureif.

Michael Bacher ist weder ein Öko-Freak noch ein Maschinenhasser. Er will keine Skigebiete schließen. Aber dass im ökologisch sensiblen Hochgebirge immer mehr Speicherteiche künstlich angelegt werden, weil immer mehr Schneekanonen immer mehr Wasser brauchen - diesen industriellen Wahnsinn will er überwinden.

An der Universität hat er sich gewundert, wie wenig seine Professoren über den Schnee wissen. Bei den Machern des Wintertourismus wundert er sich, wie konservativ sie sind in ihrer Technikgläubigkeit: "Alles Neue ist böse - erst recht, wenn's ökologisch aussieht."

Bacher hat festgestellt, dass viele Bergbahnbetreiber glauben, was die Hersteller von Schneekanonen versprechen: Mit einem Kubikmeter Wasser lassen sich drei Kubikmeter Schnee erzeugen. Bacher hat Daten ausgewertet: Bei guten Bedingungen sind es maximal 2,1 Kubikmeter. Wenn der Wind bläst und den Maschinenschnee verfrachtet, sinkt der Ertrag auf 0,5 Kubikmeter.

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Die Versuche in der Wolkenkammer dienen dem Ziel, bei der Schneeerzeugung Wasser und Energie zu sparen. Diesen Winter ist ihnen bereits ein großer Fortschritt gelungen: Erstmals sind die Kristalle aus ihrem Labor den Eiskügelchen aus den Kanonen überlegen. Die Forscher haben ihren Schnee gewogen - und festgestellt, dass er so leicht ist wie frisch gefallener Pulverschnee.

Obergurgl unterstützt das Freiluftlabor. "Weil Schneesicherheit für uns ein wichtiges Thema ist", sagt der Tourismusmanager Leopold Holzknecht. Er sah sich diesen Winter mit Erwartungen konfrontiert, die größer waren als die Wirklichkeit. "Manche Gäste fragten, wo die Wolke sei. Denen mussten wir erklären, dass die nicht am Himmel ist, sondern in der Wolkenkammer."

Es gab Anfragen von Medien, die Skifahrer interviewen wollten, wie sich das Fahren auf dem künstlichen Tiefschnee anfühlt. Holzknecht musste sie enttäuschen: Aller Schnee, den das Labor diesen Winter produzierte, hätte zusammengenommen nicht ausgereicht, um darauf von der Mittelstation ins Tal zu gleiten.

Die weiße Wolkenkammer ist 150 Kubikmeter groß. Nächsten Winter will Bacher einen weiteren Prototypen testen. Wenn das System serienreif ist, schweben ihm Wolkenkammern vor, die auf Pistenraupen montiert werden und so ganze Abfahrten beschneien.

Nach einer halben Stunde wird es plötzlich still. Die Pumpe ist ausgefallen. Nur der Wind ist noch zu hören, der an den Planen der Wolkenkammer rüttelt. Die beiden Männer überprüfen Kabel und Schalter, um den Fehler zu finden. Auf den Aluminiumteilen der Konstruktion liegt weißer Flaum.

"Wenn wir den vorsichtig zusammenkratzen, gibt's einen Schneeball", sagt Michael Bacher und lächelt. Noch legt der Erfinder keinen Wert auf Massen von Schnee. "Aber es ist schon unser Ziel, so viel zu produzieren, dass man ihn wegschaufeln kann."