Orkney-Inseln Graffiti der Wikinger

Sonnentempel, Mondobservatorium oder Totenkultstätte - das Rätsel um den Ring of Brodgar ist noch nicht gelöst. Prähistorische Steinkreise, Grabhügel und Dörfer machen den Reiz des flachen, aber tiefgrünen Orkney-Achipels aus.


Kirkwall - Pessimisten sagen, es gleiche einem Sechser im Lotto, den einzigen regenfreien Tag des Jahres auf den Orkney-Inseln zu erwischen. Optimisten lassen sich davon nicht abschrecken, vertrauen sich der schaukelnden Fähre zu den Inselhäfen an, überstehen die Fahrt mehr oder weniger ohne Seekrankheit und landen im grünen Paradies. So grün, dass es beinahe in den Augen des Stadtmenschen schmerzt. "An Tagen wie diesen glaubst du, Orkney ist der schönste Platz auf Erden", schwärmt Kathleen Hogarth, die neugierigen Touristen die Inseln am Rande Europas zeigt. Doch es gibt auch andere Tage, da meint man, es ist die Hölle - besonders wenn Stürme die Inselwelt peitschen.

Ring of Brodgar: Sonnentempel, Mondobservatorium, gigantischer Kalender oder Totenkultstätte?
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Ring of Brodgar: Sonnentempel, Mondobservatorium, gigantischer Kalender oder Totenkultstätte?

"Orkney und auch das noch nördlicher liegende Shetland gehören zwar zum Vereinigten Königreich, haben aber historisch und kulturell absolut nichts damit zu tun", erzählt Kathleen. Die Inseln sind unübersehbar skandinavisch geprägt - und das hängt nicht nur mit den an Norwegens Küsten erinnernden Landschaften zusammen. Orkney war von etwa 800 bis 1472 ein wichtiger Stützpunkt dänischer, norwegischer und schwedischer Wikinger auf ihren Raubzügen nach Süden. Bis ins 17. Jahrhundert hinein sprach man hier Norn, einen alten norwegischen Dialekt. Rund 90 Prozent aller Ortsnamen auf dem Archipel sind skandinavischen Ursprungs.

Steinbetten in steinzeitlicher Siedlung

Orkney ist reich an historischen Bauwerken: Da gibt es bronzezeitliche Verteidigungstürme (Broughs) des sagenhaften Keltenvolkes der Pikten und Wikinger-Bauten wie die Magnus-Kathedrale in Kirkwall. Und da gibt es Scapa Flow. Der Name der Meeresbucht - ein natürlicher Hafen zwischen Nordsee und Atlantik - ist in die Marine-Geschichte eingegangen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ende 1918 hier die gesamte deutsche Kriegsflotte interniert. 74 Schiffe wurden von ihren Besatzungen selbst versenkt.

Auch im Zweiten Weltkrieg rückte Scapa Flow, das damals einer der wichtigsten alliierten Stützpunkte im Nordatlantik war, in den Mittelpunkt des Geschehens: Ein deutsches U-Boot versenkte hier das britische Schlachtschiff "Royal Oak". Italienische Kriegsgefangene bauten danach zum Schutz der Zufahrten die Churchill Barriers. Heute dienen die wuchtigen Barrieren aus Steinen und Beton als Verbindungswege zu den südlichen Orkney-Inseln.

Magnus-Kathedrale in Kirkwall: Orkney war von etwa 800 bis 1472 ein wichtiger Stützpunkt der Wikinger
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Magnus-Kathedrale in Kirkwall: Orkney war von etwa 800 bis 1472 ein wichtiger Stützpunkt der Wikinger

"Die Geschichte von Orkney reicht jedoch viel weiter zurück", sagt Kathleen. Allein auf der Hauptinsel Mainland findet man mindestens zehn bis zu 5000 Jahre alte Zeugnisse menschlicher Besiedlung. Immerhin kommen drei Viertel aller Besucher wegen der archäologischen Sehenswürdigkeiten auf die Inseln.

Zum Beispiel wegen Skara Brae. Es war im Jahr 1850, als eine ungewöhnlich starke Sturmflut die schützende Sanddüne von der steinzeitlichen Siedlung blies. Ans Tageslicht kam ein vollständig erhaltenes Dorf mit Hütten, einem gemeinsamen Lagerplatz und Feuerstelle. Als Besucher spaziert man praktisch mitten durch das Alltagsleben unserer Vorfahren. Wie es scheint, haben die Uralt-Orcadians durchaus komfortabel gelebt. Man erkennt Betten, Schränke und Regale - alles aus Stein. Einige Hütten hatten sogar eine Art Abwasserleitung.

Steinkreis Ring of Brodgar

Auch Maes How - einem rund sieben Meter hohen Grabhügel - sieht man auf den ersten Blick nicht an, welch historische Schätze er birgt. Wer durch den rund 15 Meter langen Gang ins Innere gekrabbelt ist, ist fasziniert von der akkuraten Bauweise aus sauber übereinander geschichteten flachen Steinplatten. Als man das prähistorische Denkmal 1812 entdeckte, war es leer. Wikinger waren im 12. Jahrhundert eingedrungen, vermuteten wohl einen Schatz und hinterließen launige Graffiti. Übersetzt lauten die Inschriften "Das hat der beste Schreiber des westlichen Ozeans hier oben rangeschrieben", "Hakon hat den Schatz weggebracht" und "Ingeborg ist die schönste Frau von Schweden".

Traditionelles Langboot: Die Inseln sind skandinavisch geprägt
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Traditionelles Langboot: Die Inseln sind skandinavisch geprägt

Und dann sind da noch diese seltsamen, aufrecht stehenden Steine. Genau auf dem schmalen Landsteg zwischen den Süßwasserseen Loch of Harray und Loch of Stenness thront der Watchstone (Wächterstein). Und kaum ist man vorbei, steht man plötzlich vor einem ganzen Ring aus Steinen - dem Ring of Brodgar. Von ursprünglich 60 Monolithen ragen noch 36 bis zu vier Meter hoch über Felder und Weiden. Wissenschaftler rätseln noch immer: Waren sie Teil eines Sonnentempels, eines Mondobservatoriums, eines gigantischen Kalenders oder eine Totenkultstätte? "Auch wenn Pessimisten Recht behalten und der Orkney-Besucher erwischt nicht den einzigen regenfreien Tag des Jahres, sollte man sich den Besuch dieser Stätten nicht versagen", empfiehlt Kathleen. Gerade bei Nebel und Nieselregen werde es hier so richtig schön mystisch.

Von Ditmar Hauer, ddp



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