Ostsee im Trend Kreuzfahrt vor der Haustür

Wer sich den Wind an Deck eines Kreuzfahrtschiffes um die Nase wehen lassen will, muss nicht bis in die Karibik fliegen. Immer mehr und immer größere Luxusliner sind auch auf der Ostsee unterwegs. Neun Länder mit vielen attraktiven Städten säumen das baltische Meer.


Hamburg - Die Ostsee ist verhältnismäßig klein und mit höchstens 459 Metern Tiefe ziemlich flach. Dass die 413.000 Quadratkilometer große Wasserfläche als größtes Brackwassermeer der Welt gilt, klingt auch nicht gerade verlockend. Und das vorherrschende Wetter nennen Seebären freundlich "frisch".

Aber immerhin säumen neun Länder die Ostsee - und Städte mit so klingenden Namen wie Stockholm und St. Petersburg. So zieht es jedes Jahr mehr Kreuzfahrer hinaus auf das Mare Balticum mit seinen von Gletschern geformten Ufern. "Die Leute mögen es einfach", erklärt Rainer Traser, Sprecher der italienischen Reederei Costa Crociere, das Phänomen.

In den Häfen herrscht ein Kommen und Gehen von großen und kleinen Kreuzfahrtschiffen, von Fünf-Sterne-Luxuslinern bis hin zu Zwei-Sterne-Schiffen. Durch die Ostsee fahren zum Beispiel die "MS Deutschland" der Reederei Deilmann, die "MS Astor" und "MS Astoria" von Transocean Tours, die "MS Delphin" und die "Paloma" von Hansa Kreuzfahrten, die Segelyacht "Sea Cloud II" des Hamburger Reeders Hermann Ebel und die "MS Vistamar" von Plantours und Partner.

Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Passagiere in den Häfen der Ostsee von knapp über 1 Million auf 1,86 Millionen gestiegen. Und der Trend setzt sich fort: Die Reedereien schicken immer mehr und immer größere Schiffe in das Nebenmeer des Atlantischen Ozeans.

Highlight Nordostsee-Kanal

Ein Newcomer etwa ist die "MS Amadea", das neue Flaggschiff von Phoenix Reisen in Bonn. "Die Ostsee ist im Trend", erklärt Geschäftsführer Benjamin Krumpen die Ausweitung. Der Veranstalter hat außerdem die Schiffe "MS Albatros", "TS Maxim Gorki" und "MS Alexander von Humboldt" den Sommer über auf der Ostsee. Basishafen ist Bremerhaven. "Da müssen sie durch den Nordostsee-Kanal - das ist dann ein besonderes Highlight."

Die Phoenix-Schiffe mit Platz für 400 bis 800 Passagiere haben Häfen wie Visby, Stockholm, Helsinki, St. Petersburg oder Riga zum Ziel. "Wir setzen auf klassische Schiffe und traditionelle Routen", sagt Krumpen. Einmal aber macht die "MS Amedea" in diesen Sommer eine besondere Fahrt: "Vom 14. Juni bis 1. Juli geht es rund um die Ostsee hoch bis nach Lappland mit den Häfen Kemi und Lulea."

Costa Crociere, seit 2002 auf der Ostsee unterwegs, schickt diesen Sommer die "MS Costa Classica" statt der "MS Costa Marina", für die es im Sommer 2005 Wartelisten gab. Die "Classica" kann mit gut 1300 Passagieren fast doppelt so viele Gäste mitnehmen. Das Schiff wurde im Winter eigens für die Ansprüche des deutschen Publikums umgebaut und wird von Mai bis September Nord- und Ostseerouten fahren, jeweils vom Hafen Kiel aus.

Bordsprache wird wie auf der "Marina" Deutsch sein. Das kommt bei den Gästen an: "Die Sieben-Tage-Ostseereisen der "Classica" sind so gut wie ausgebucht", sagt Pressesprecher Traser. "Ein wenig Platz ist noch bei den 12 bis 14 Tage dauernden Nordlandfahrten, die auch das Nordkap, die Lofoten und Spitzbergen sowie Island und Großbritannien zum Ziel haben."

Nachfrage nach Ostsee-Reisen ist ungebrochen

Mit der "Lyrica" schickt die italienische Kreuzfahrtreederei MSC ein richtig großes Schiff gen Norden: Mehr als 2300 Passagiere haben an Bord Platz. Und dennoch: "Der Juni ist nahezu ausgebucht", sagt Pressesprecher Ingo Thiel in Hamburg. "Auch im Juli gibt es nur noch Restplätze - aber im August haben wir noch Kapazität an Bord."

In diesem Sommer will die Reederei 26.000 Gäste aus der ganzen Welt über die Ostsee fahren, die Hälfte davon - so die Planung - soll aus Deutschland sein. "Und wir haben jetzt schon 11.000 Buchungen deutscher Gäste." Besonders erfreut zeigt sich die Reederei über die hohe Zahl von kulturinteressierten älteren Gästen: "MSC hat als klassische Klientel eigentlich junge Familien", so Thiel. "Das ist für uns eine neue Käuferschicht." Auf Grund des Erfolges plane die Reederei, 2007 ein noch größeres Schiff gen Norden zu schicken.

Schon seit Jahren macht die Hamburger Reederei Hapag Lloyd Kreuzfahrten Ostsee- und Nordlandtouren - mit dem Flaggschiff "MS Europa" sowie mit der "MS Hanseatic", der "MS Bremen" und der "MS Columbus". "Und das wird auch so bleiben, weil die Nachfrage nach Ostsee-Reisen ungebrochen ist", sagt Pressesprecherin Anne Schmidt. "Die Ostsee ist das ideale Ziel für Passagiere, die weite An- und Abreisen scheuen, aber Wert aus ein vielseitiges kulturelles Angebot legen."

Tallin ist eine Boomtown

Hapag Lloyd hat 2006 acht "sehr gut gebuchte" Ostseereisen im Programm. Das Expeditionsschiff "Hanseatic" wird erstmals eine Reise in den Bottnischen Meerbusen machen, mit kleineren Häfen in Finnland und Schweden, die "Bremen" eine 5-tägige "Schnupperreise" von Mitte Juni an und die "Europa" eine klassische, 15 Tage lange Rundreise von Hamburg über Stockholm bis nach St. Petersburg zurück nach Kiel.

Und auch die Gäste von Fun-Schiffen finden die Ostsee offenbar spritzig genug. Die Reederei Aida Cruises in Rostock hat in diesem Sommer zwei ihrer insgesamt vier Schiffe in der Nord- und Ostsee laufen. "Die Ostsee ist ein starker Trend", sagt Reederei-Sprecher Hansjörg Kunze. Die Städte zögen stark: "Tallin ist eine Boomtown, und in St. Petersburg und Stockholm bleiben wir wegen des großen Interesses unserer Gäste sogar über Nacht." Dieses Jahr fährt noch die "Aidacara" mit Platz für 1200 Passagiere von Warnemünde aus jeweils für 10 Tage zu den Metropolen der Ostsee. "Aber nächstes Jahr werden wir dort voraussichtlich ein größeres Schiff einsetzen."

Von Hilke Segbers, gms



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