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Ouessant in der Bretagne: Delfin- und Leuchtturm-Hopping

Foto: Bettina Hensel

Ouessant in der Bretagne Insel der Höllentürme

Ouessant ist ein einsamer Granitklotz vor der bretonischen Küste - und eine ganz eigene Welt: Hier ist der Atlantik rau, im Spätherbst und Winter erlebt man Leuchtturmgewitter. Doch die Bewohner wollen vom düsteren "Ende der Welt"-Klischee nichts wissen.

Eben noch sah das Meer am "Ende der Welt" so einladend aus. Delfine umschwärmten das Zodiac, sprangen Saltos für Kameras und Smartphones der Touristen an Bord. Kormorane und rotschnäbelige Austernfischer kreuzten den Weg des Bootes durch den Unesco-geschützen Meeresnaturpark Iroise.

Doch jetzt steuert das Ausflugsboot auf die Passage der Angst zu - dort, wo das Meer wütet, gurgelt und schäumt. "Nul n'a passé Fromveur sans connaître la peur", sagten die Seefahrer einst. "Niemand kreuzt den Fromveur (Bretonisch für "großer reißender Bach"), ohne die Angst kennenzulernen."

Finis terrae, Ende der Welt - so nannten die Römer die Spitze der bretonischen Halbinsel, das heutige Département Finistère. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13 km/h zwängt sich hier die Gezeitenströmung durch die etwa 50 Meter tiefe Fahrrinne zwischen die Inseln des Molène-Archipels und der Île de Ouessant. Bis 1980 war die Passage de Fromveur eine der wichtigsten und gleichzeitig gefährlichsten Seefahrtpassagen zwischen Nord- und Südeuropa, die mit entsprechend vielen Leuchttürmen gesichert wurde.

"Alle paar Sekunden huschte das grüne Licht des Leuchtturms Créac'h durch mein Kinderzimmer", sagt Ondine Morin. "Es gab mir immer das Gefühl, dass jemand auf mich aufpasst." Die 31-jährige Bretonin ist auf Ouessant geboren, hat auf dem Festland Umwelttechnik und Tourismus studiert und führt seit acht Jahren Besucher über die karge Granitinsel.

Penn ar Bed, der Anfang der Welt

Ihre Heimat ist der westlichste Punkt Frankreichs, ein Eiland, geformt wie eine Krabbenzange. Ouessant ist nur acht Kilometer lang, vier Kilometer breit und besteht aus 104 Minidörfern. Die Insel liegt fast 25 Kilometer oder eineinviertel Fährstunden  entfernt vom Hafen in Le Conquet bei Brest. Vom düsteren "Ende der Welt"-Klischee wollen die etwa 850 Einwohner von Oeussant nichts wissen. Sie nennen ihre Heimat bretonisch-störrisch Penn ar Bed, Anfang der Welt.

"Auf dem Festland war es mir zu stressig, hier lebt man im Rhythmus der Natur - wie die Frauen noch vor hundert Jahren", sagt Morin. Insel der Frauen wird Ouessant auch genannt. Als unbeugsam und stark gelten sie hier - sie mussten es von jeher sein. Während die Männer früher auf Schiffen der Handelsmarine oder Kap-Hoorn-Fregatten oft für mehrere Jahre in See stachen, übernahmen ihre Frauen das Regime an Land. Sie bestellten die Felder, hüteten das Vieh und bauten Heime, deren Innenleben nicht zufällig wie hochfunktionale Schiffe aussahen.

Ondine Morin: Die 31-Jährige will auf ihrer Heimatinsel bleiben

Ondine Morin: Die 31-Jährige will auf ihrer Heimatinsel bleiben

Foto: Bettina Hensel

"Sie lebten wie ihre Männer auf den Booten", sagt Morin, während sie durch eines der zwei historischen Granithäuser im Dorf Niou Uhella führt, die als Museum eingerichtet sind. Die Küche heißt hier Kombüse, der Flur Brücke. Massive Schränke, aus Wrackholz gezimmert, dienten als Vorratslager und als Raumtrenner. Selbst die Esstische waren wie im Schiff abgerundet. Türen und Fensterläden sind blau gestrichen: mit der Farbe der Jungfrau Maria, die auch die Schutzheilige der Seefahrer ist.

Alle konnte sie nicht vor dem Tod im Meer retten. Davon zeugt der Friedhof, der das Ortsbild von Lampaul, der Inselhauptstadt, dominiert - vor allem Seeleute sind hier begraben. Von vielen Schiffsunglücken vor der Insel war der Untergang der "Drummond Castle" das Größte: Das britische Passagierschiff kenterte 1896 im Nebel an den Klippen, 243 Menschen starben, nur sieben Leichen wurden geborgen. "Der Friedhof war bei der Zeremonie so voll, dass viele Menschen draußen stehen mussten", sagt Morin.

Der Älteste, der Stärkste, der Romantischste

"Qui voit Ouessant, voit son sang" - "Wer Ouessant sieht, sieht sein Blut", hieß es in Seefahrerzeiten. An der Nordwestküste kann man einen Blick auf das aufmüpfige Meer werfen. Hier prallt der Atlantik mit aller Wucht auf die Küste. Den Kopf in den schützenden Jackenkragen gezogen, führt Ondine Morin über Wanderpfade zu den spitz gezackten, teils haushohen Felsklötze der Les Rochers. Dazwischen wellt sich die vom stetigen Wind glatt gebürstete Heidelandschaft, in die der Fuß bei jedem Tritt einsinkt. Brombeeren wachsen wild am Wegesrand, alles gedeiht prächtig dank des sehr milden Mikroklimas ohne Bodenfrost im Winter.

Die Nacht erhellen hier die fünf Leuchttürme der Insel. Höllen werden jene genannt, die auf offener See auf Felsenklippen erbaut wurden und die riffgespickte Kanaleinfahrt erhellen. Der denkmalgeschützte Phare du Stiff, von Vauban 1685 erbaut, ist der älteste Leuchtturm der Bretagne; der schwarz-weiß gestreifte 55 Meter hohe Phare de Créac'h gehört zu den stärksten Leuchtfeuern der Welt; der Phare de la Jument diente als Kulisse für den französischen Film "Die Frau des Leuchtturmwärters".

Eine "Hölle": Leuchtturm Kéréon an der Passage de Fromveur

Eine "Hölle": Leuchtturm Kéréon an der Passage de Fromveur

Foto: Bettina Hensel

Romantisch aber ist hier heute nichts mehr. Eine Hightech-Armada von 23 automatisierten Leuchttürmen, 63 Seefeuern, 14 Radarstationen und 258 Bojen sichert das Seegebiet im Westen der Bretagne. Die Moderne hat - zumindest per WLAN - auch im Alltag Einzug gehalten. Den Tidenkalender hat Morin als App auf dem Smartphone. Lebensmittel kauft sie online bis zu 40 Prozent günstiger als in Inselshops - autark durch die Bewirtschaftung des Landes oder Fischerei ist die Insel schon lange nicht mehr. Viele Einheimische arbeiten inzwischen auf dem Festland und haben nur noch einen Zweitwohnsitz auf der Insel.

Doch Morin will auf ihrer Insel bleiben. Ein wenig bretonische Eigenwilligkeit gehört dazu, um sich auf dem kargen Granitklotz eine gesicherte ökonomische Existenz aufzubauen. Dafür geht sie vormittags mit ihrem Mann fischen, in der zweiten Tageshälfte arbeitet sie als Guide . Und das nicht nur in den Sommermonaten. Gerade in der Nebensaison, wenn die Ausflugsfähren nicht mehr so oft anlegen, erschließt sich das Wesen der meerumtosten Insel am besten.

"Meine Lieblingszeit ist der Winter, vor allem im Januar und Februar gibt es oft Stürme auf der Insel", sagt Morin. "Sie geben mir viel Energie." Zu den sogenannten Sturmführungen kommen vor allem Gäste, die es wilder mögen, erzählt sie, meistens verliebte Pärchen oder Studenten. Die besten Aussichtspunkte und das Ballett der Leuchtturmlichter haben sie dann fast für sich alleine.

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