Jörg Schuster, 51, mit Sohn Berdan, 12, auf dem Weg von München nach Venedig
Jörg Schuster, 51, mit Sohn Berdan, 12, auf dem Weg von München nach Venedig

Outdoor-Reiseberichte von SPIEGEL-Lesern »Viel geschwitzt, oft geflucht, manchmal gezweifelt – und dann: Venedig«

Sie verließen Potsdam im Faltboot, München auf Rädern und nahmen sich Österreich zu Fuß vor. Drei SPIEGEL-Leser erzählen von ihren Outdoor-Reisen. Einer verrät, wie man einen Zwölfjährigen zu 670 Kilometern Radtour bewegt.
Protokolliert von Julia Stanek

Das Frühjahr ist da, die Temperaturen steigen – doch von Reisen und Ausflügen können wir derzeit alle nur träumen. Kein Zweifel: Mobilität und zwischenmenschliche Kontakte würden die Pandemie nur in die Länge ziehen. Aber wenn Sie schon so viel Zeit an Ihrem Bildschirm verbringen, dann reisen Sie doch wenigstens in Gedanken!

Drei SPIEGEL-Leser berichten hier von ihren Erfahrungen in der Natur: zu Fuß, im Faltboot, auf dem Fahrrad. Vielleicht haben Sie Lust, ihren Trips durch Brandenburg, Österreich oder nach Italien zu folgen.

Von München nach Venedig mit der Eis-Flatrate

Jörg Schuster, 51, aus Frankfurt erzählt von einem Vater-Sohn-Abenteuer:

»Das Klicken, wenn der Tacho am Lenker einrastete, markierte den morgendlichen Startschuss zur nächsten Etappe. Wir spielten vom Handy noch einmal unseren Reisesong: ›Watermelon Sugar‹ von Harry Styles. Gute-Laune-Musik, die uns Energie für anstrengende Stunden gab und die mich immer an diese Tour erinnern wird. Mein Sohn Berdan, 12, und ich waren im Juni 2020 zwei Wochen lang auf dem Fahrrad unterwegs. Wir sind von München nach Venedig  geradelt, insgesamt 670 Kilometer und 5300 Höhenmeter.

Fotostrecke

Faltboot, Fahrrad, Glück zu Fuß: Reiseberichte von SPIEGEL-Lesern

Im Gepäck war die Campingausrüstung und jede Menge Abenteuerlust. Außerdem Reparaturzeug, Klamotten für heiße und kalte Tage (es ging über den Brenner) und viel Platz für Proviant (Radler haben immer Hunger). Meistens haben wir gezeltet, ab und zu aber auch im Hotel geschlafen.

Warum diese Strecke? Venedig mal fast ganz ohne Touristen zu erleben, das erschien uns spannend. Die Grenzen waren gerade wieder offen, wir hatten Zeit – und die Route ist so reizvoll. Sie verbindet attraktive Städte (München, Innsbruck, Venedig), führt durch traumhafte Landschaften (Voralpenland, Tirol, Südtirol, Norditalien) und vereint Berge und Meer. Zudem ist sie top ausgebaut: Über 90 Prozent der Strecke verläuft auf Radwegen. Natürlich war der Weg eine Herausforderung – aber dann doch machbar.

Der schönste Moment: Unvergesslich war die kalte Limo am Achenpass, nachdem wir uns beim Wasserbedarf völlig verkalkuliert hatten. Viele Kilometer radelten wir schon mit leeren Flaschen, die Kehle war trocken, die Laune im Keller, der nächste Ort noch zehn Kilometer entfernt. Dann, um die Ecke: ein Restaurant. Mit Terrasse. Und kalter Limo. Ein Traum.

Eine Durststrecke war auch das Überqueren des Brenners an einem heißen Tag. Wir waren an dem Tag länger unterwegs als gedacht. Als wir das Schild mit der Aufschrift ›Italia‹ sahen, wussten wir: Jetzt geht es nur noch bergab.

Der zweifellos schönste Moment war aber die Ankunft in Venedig: Die Stadt ist mit dem Festland über eine sechs Kilometer lange Brücke verbunden. Sechs Kilometer, die wir sehenden Auges ins Ziel radelten – und dabei dachten: Wir haben es geschafft. Viel geschwitzt, oft geflucht, manchmal gezweifelt, immer Hunger gehabt – und dann lag uns Venedig vor den Füßen (oder besser gesagt: vor dem Vorderreifen).

Das Besondere an der Tour? Wir lieben Radtouren, es gibt keine schönere Gelegenheit, ein kleines Abenteuer vor der Haustür zu erleben. Für meinen Sohn war die Reise – die erste Radtour über die Alpen – eine echte Challenge, und das mit zwölf Jahren! Gelockt hatte ich ihn im Vorhinein mit einer Eis-Flatrate. Der Pakt: Jeder kann unterwegs so viel Eis essen, wie er möchte. Wann immer er möchte und wo er möchte. Unlimitiert. Damit war klar: Wir radeln los.

Was wir gelernt haben: Man braucht kein ›Viele-Tausend-Euro-Rad‹ – mit einem Billigexemplar aus dem Baumarkt sollte man jedoch auch nicht losfahren. Unterwegs hatten wir einige Pannen mit dem Fahrrad meines Sohnes: einen durchgebrochenen Gepäckträger, einen abgebrochenen Schalthebel, und die Kette sprang unzählige Male raus.

Mir bedeutet diese Vater-und-Sohn-Tour viel. Gemeinsam durchlebte Abenteuer schaffen Geschichten, Zusammenhalt, sie verbinden. Vielleicht ist es die Gewissheit, vereint ein Ziel erreicht zu haben. Nach Monaten von Corona-Einschränkungen kam aber auch das Gefühl von Unbeschwertheit hinzu.«

Per Faltboot durchs »Blaue Paradies«

Thomas Habbe, 45, aus Berlin berichtet von einer Paddeltour in Hauptstadtnähe:

»Die Nächte im Havelland sind stockdunkel, der Sternenhimmel traumhaft. Und davon konnten meine Freundin und ich im Sommer 2020 nicht genug bekommen. 24 Tage lang waren wir mit einem Faltboot im ›Blauen Paradies‹ unterwegs. Das ist der Marketingname für einen Wasserweg nordwestlich von Berlin. Das Paddelparadies erstreckt sich von Potsdam aus über die Havel zur Elbe nach Havelberg, über die Elbe bis nach Dömitz und von dort auf der Elde über Parchim bis zur Müritz. Von dort kann man wieder zurück nach Potsdam: über die Müritz-Havel-Wasserstraße und die Havel über Fürstenberg, Oranienburg und Berlin.

Wir hatten auf der 593 Kilometer langen Route viel Glück mit dem Wetter. Im August gab es nur einen Tag Regen. Allerdings mussten wir manchmal gegen Mittag fluchtartig das Wasser verlassen, weil es zu heiß wurde und kein Wind wehte.

Wir haben bewusst sehr wenig Gepäck mitgenommen. Im Prinzip hätten wir das Boot an jeder Stelle aus dem Wasser nehmen und zurückkehren können. Auch wenn das Ziel war, am Schluss wieder in Potsdam anzukommen, haben wir uns davon nicht stressen lassen.

Warum diese Strecke? Weil die Havel entschleunigt. Hinter Potsdam und bis Stadt Brandenburg ist noch einiges los, dann bald immer weniger. Wenn man von wenigen Stellen zwischen Oranienburg und Potsdam absieht, führt die Strecke immer durch Wiesen und Wälder. Und an vielen Stellen waren wir selbst im August fast allein unterwegs. Auf den etwa hundert Kilometern auf der Elbe von Havelberg bis nach Dömitz sind uns vielleicht drei Boote begegnet. Für die Berufsschifffahrt war zu der Zeit sowieso zu wenig Wasser vorhanden.

Der schönste Moment: Eigentlich jeder Blick ans Ufer, wo es immer wieder etwas zu entdecken gab. An der schmalen Elde-Müritz-Wasserstraße sind uns ab nachmittags so viele Eisvögel begegnet, dass wir sie zuletzt nicht mehr gezählt haben. Nahezu an jeder Stelle der Havel konnten wir baden gehen. Nur im Bereich zwischen Plau am See und Fürstenberg im Norden waren recht viele Motorboote unterwegs.

Die Ackerbürgerstädtchen zwischen Elbe und Müritz sind auch sehr sehenswert. Es gibt viele historische Altstädte, die schön saniert sind – aber leider auch viel Leerstand. Besonders in Dömitz ist uns das aufgefallen.

Das Besondere an der Tour? Wir haben in dieser Zeit kaum etwas von der Pandemie mitbekommen. Auf den Zeltplätzen, in den Gaststätten und Läden wurde auf die Einhaltung der Hygienevorschriften geachtet, aber wir waren ja im Wesentlichen draußen. Wenn wir mal jemanden trafen, waren das immer freundliche Begegnungen. Eines Abends reichten uns Angler spontan zwei gekühlte Flaschen Bier ins Boot. Mit anderen Paddlern tauschten wir Kaffee gegen Nutella oder wir suchten gemeinsam Übernachtungsplätze.

In Brandenburg und in Mecklenburg gilt außerhalb von Naturschutzgebieten das Jedermannsrecht für Fuß- oder Wasserwanderer: Wer ohne Motor kommt, darf sein Zelt für eine Nacht auf einer offenen Wiese aufstellen. Außerdem gibt es vor allem an der Havel offizielle Biwakplätze mit Feuerstelle und einer kleinen Sanitäreinrichtung, die von den Gemeinden betreut werden.

Es lag eine gewisse Entspanntheit in der Luft, und es gab immer Gelegenheit zu guten Gesprächen. Das ist mir schon bei früheren Touren mit dem Rad oder Boot aufgefallen: Sind Menschen anderen gegenüber offener, wenn sie aus eigener Kraft unterwegs sind?

Der Empfang durch Freunde in Potsdam war so großartig wie die ganze Tour – und wehmütig haben wir im Anschluss das Boot zusammengefaltet. Ich kann mich nicht entsinnen, je so viel Erholung für so wenig Geld und Anreisezeit bekommen zu haben.«

Österreich zu Fuß, Bergschönheit zu Füßen

Christian Legner, 45, aus Salzburg hat im Sommer seine Heimat durchwandert.

Kärtner Storschitz: »Jeder Tag einer Reise bringt mich dem Ziel näher«

Kärtner Storschitz: »Jeder Tag einer Reise bringt mich dem Ziel näher«

»Ob es die sanften Almrücken von Saualpe und Zirbitzkogel sind, auf denen man stundenlang entlangwandert, oder die schroffen Kalkalpen von Gesäuse oder Karawanken, wo man sich Höhenmeter oft mit viel Schweiß erarbeiten muss: Ich hege eine Leidenschaft für eindrucksvolle Gebirgsgruppen. Wie anstrengend eine Tour auch ist, das Gipfelerlebnis ist jede Mühe wert. Mein letzter Outdoorurlaub war daher für mich eine wunderschöne Erfahrung: Von Ende August bis Mitte September habe ich Österreich von Nord nach Süd durchwandert.

Warum diese Strecke? Für Urlaubspläne war 2020 kein einfaches Jahr. Bereits seit dem Winter hatte ich mich in Reiseführer und Routenplaner vergraben, um nach meiner Alpenüberquerung im Vorjahr nun eine weitere Variante folgen zu lassen. Doch schon bald, im ersten Lockdown im Frühjahr, mit all den komplizierten Grenzübertrittsregeln und Einschränkungen auf den Berghütten wurden die Pläne erst mal ad acta gelegt. Die neue Idee: ein Inlandsurlaub.

Für einen möglichst großen Erholungswert kamen für mich einzelne Tagestrips nicht infrage. Ich suchte eine Tour, die möglichst meine drei Urlaubswochen füllen würde. Mit vielen Bergstrecken, die aber ohne Hüttenübernachtungen machbar sein sollten (auf Berghütten konnte ich noch nie gut schlafen, und dann kamen noch verschärfte Regeln hinzu). Außerdem sollte die Route einen gewissen Reiz haben.

Erfüllt hat diese Kriterien der österreichische Weitwanderweg 08, der ›Eisenwurzenweg‹, der vom nördlichsten zum südlichsten Punkt Österreichs führt. Von der tschechischen zur slowenischen Grenze sind auf dieser Route 580 Kilometer zurückzulegen, und das bei circa 19.000 Höhenmetern. Die 28 Etappen, die der Alpenverein empfiehlt, musste ich zwar teils etwas umplanen, weil ich statt in Hütten in Gasthäusern schlafen wollte, und sich manche Tagesetappen dadurch verlängerten. Aber durch meine erste Weitwanderung im Vorjahr wusste ich meine Kondition einigermaßen realistisch einzuschätzen.

Der schönste Moment: Vielleicht war es die Durchquerung des Gesäuses, eines Nationalparks in der Steiermark. Oder die Längsüberschreitungen der Saualpe und der Seckauer Tauern. Die Bergwelt in ihrer Schönheit spricht all meine Sinne an. Diese Fernsichten, der Duft der Vegetation und die Geräusche der Natur – selbst eine leichte Brise ist in der Stille der Alpen hörbar – versetzen mich in einen Zustand, in dem ich mich komplett fallen lassen kann. Besonders schön war der Aufstieg vom Klippitztörl zur Saualpe: Die Sonne begann gerade, in den strahlend blauen Himmel zu steigen, die Täler ringsherum lagen im Nebel – ein Bild, an das ich mich noch lange erinnern werde.

In den Ybbstaler Alpen traf ich beim Wandern keine Menschen, nur Gämse. Selbst wenn ich die Momente ohne Zivilisation sehr schätze: Ich mag auch die netten Begegnungen unterwegs. Einmal kam ich abends in eine kleine Pension; die ältere Dame, die sie führt, hatte gerade Besuch von ihren erwachsenen Kindern. Es stellte sich heraus, dass ihr Mann zwei Tage zuvor verstorben war. Beim Frühstückstisch – ich war der einzige Gast – vertiefte sie sich in Erinnerungen und ließ mich daran teilhaben. Ein anderes Mal empfing mich eine Familie herzlich in einer Unterkunft in Kärnten, und der Schach-begeisterte Sohn forderte mich zu einer Partie auf.

Aber seien wir ehrlich: Schön ist auch die Ankunft. Wenn man mitten in den Steiner Alpen auf über 2000 Höhenmetern die slowenische Grenztafel sieht und realisiert, tatsächlich knapp 600 Kilometer in drei Wochen zu Fuß durch Österreich gegangen zu sein.

Das Besondere an der Tour? Diese Reise war zwar erst meine zweite Weitwanderung, aber sicher nicht meine letzte. Warum? Ich kann mich dabei richtig weit vom Alltag entfernen, jeder Tag einer Reise bringt mich dem Ziel näher – und so stelle ich dabei fest, dass wahrlich der Weg das Ziel ist. Ich mag das minimalistische Reisen ohne Ballast, mag es, den eigenen Körper zu spüren und mich dadurch wieder mehr auf mich selbst zu fokussieren. Dieses ganzheitliche Erlebnis ist für mich tatsächlich nur bei einer Reise zu Fuß möglich.«