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16. Oktober 2013, 14:38 Uhr

Ruderboot-Urlaub in Finnland

Ruhe jetzt!

Für ein paar Tage weg vom Lärm der Zivilisation: Die beste Erholung finden Vater und Tochter in der Ruhe der Natur, dachte sich NORR-Autor Jonas Sivelä. Laut Wissenschaftlern ist es am finnischen See Joutsijärvi besonders still - der Praxistest ergab ein anderes Ergebnis.

Ich stehe an der Statue "Drei Schmiede" im Zentrum von Helsinki. Eine Minute lang will ich einfach nur zuhören und die Geräusche der Stadt auf mich wirken lassen. Ein Presslufthammer dröhnt, Autos rauschen vorbei. Ein Handy klingelt. Ein Auto hupt. Und noch eines. Eine Kehrmaschine kommt auf mich zu. Nichts wie weg hier!

In der Nacht summt der Kühlschrank, und im Büro klickt und piepst es den ganzen Tag. In der Schule meiner Tochter hängt im Speisesaal ein "Lärmometer". Es leuchtet gelb, wenn es im Raum lauter wird, und schlägt um zu rot, wenn die Schmerzgrenze überschritten wird.

Lärm untermalt unser Leben. Traurig ist, dass wir uns schon längst an ihn gewöhnt haben. Wir nehmen ihn erst dann wirklich wahr, wenn er nicht mehr zu hören ist.

Gemeinsam mit meiner Tochter Tilda will ich mich auf die Suche nach der Stille machen. Nach einem Ort, an dem Lärmometer noch ein Fremdwort ist und wo kein Presslufthammer wummert. Wir haben für unser Vorhaben das Wandergebiet um den Joutsijärvi-See in der Nähe von Pori gewählt.

Spät am Nachmittag kommen wir am südlichen Zipfel des Sees an. Am Bootsufer findet Tilda ein vierblättriges Kleeblatt - vielleicht verheißt es uns Glück fur unseren Ausflug? Unser Plan ist, drei Tage auf dem See zu rudern und ab und an für einen Spaziergang an Land zu gehen. Wenn es die Stille noch gibt, so hoffen wir sie hier zu finden.

Um den Joutsijärvi verläuft ein etwa 30 Kilometer langer Wanderweg. Er ist Teil der Route Satakunta-Pirkanmaa, die insgesamt 360 Kilometer misst und vom Bottnischen Meerbusen bis zur Stadt Tampere führt. Den Großteil der Strecke wollen wir aber mit dem Ruderboot bewältigen.

Wie still ist die Stille?

Einst wurde in Finnland in Einbäumen gerudert, die nur aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt waren. Vielleicht gab es diese Boote ja auch hier auf dem Joutsijärvi? Selbst der finnische Sagenheld Väinämöinen bewegte sich mithilfe des Einbaums fort, denn schließlich war er laut den Erzählungen der Kalevala ein vorzüglicher Bootsbauer.

Es ist schon spät, und einige Regentropfen sind bereits von unserer Nasenspitze geperlt. Der richtige Regen wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wir rudern Richtung Vohla, einer kleinen Insel inmitten des Joutsijärvi, auf der sich laut Karte ein Zeltplatz befinden soll. Hoffentlich schaffen wir es noch rechtzeitig vor dem Regen, unser Zelt aufzuschlagen und zu essen.

Tilda sitzt hinten im Boot, und ich rudere fleißig. Am Seeufer finden wir ein Schild: "Makkaraluoto" - was so viel heißt wie "Wurstschäre". Falsche Insel. "Macht das etwas?", frage ich Tilda. "Nein!", antwortet sie entschlossen. Diese unschuldige Sorglosigkeit fühlt sich gut an. Ist es überhaupt wichtig, auf welcher Insel wir landen?

Wir schieben das Boot an Land, schlagen unser Zelt auf und kriechen in unsere Schlafsäcke. Zeit für die Gute-Nacht-Lektüre. Tilda holt ein Comicheft mit den Abenteuern von Bamse hervor, dem stärksten Bären der Welt. Leider erfahren wir nicht, wie es Bamse ergangen ist, denn wir schlafen beide fast sofort auf der Stelle ein.

In der Nacht werden wir von einem lauten Geräusch geweckt. Das gleichmäßige Prasseln des Regens auf unserem Zeltdach wird durch unregelmäßige, laute Schläge gestört. Im Hintergrund hören wir ein zischendes Heulen. Der Lärm begräbt alles andere unter sich. Die Schläge werden durch große von den Bäumen herabfallende Wassertropfen verursacht. Und das Heulen ist der starke Wind, der sich seinen Weg an unserem Zelt vorbei durch die Bäume und das Unterholz bahnt. Ein ganz schöner Lärm.

Reiseziel Ruhe

Dabei ist die Stille in Finnland sogar amtlich geregelt. Im Jahr 2004 wurde ein Projekt beendet, bei dem die ruhigsten Gebiete der Region kartografiert werden sollten. Die Umweltexpertin Anne Savola war damals aktiv an der vom Regionalrat in Auftrag gegebenen Suche nach Stille beteiligt. "Anfangs machte man sich über das Projekt lustig, denn menschenverlassene Orte gibt es in Finnland ja schließlich zur Genüge. Aber die Situation hat sich über die Jahre verändert. Die Stille wird heute mehr wertgeschätzt", so Savola.

Am stillsten ist es in den sogenannten Naturruhegebieten. Als solche werden Orte bezeichnet, an denen möglichst wenig von Menschen erzeugter Lärm und vornehmlich die eigenen Geräusche der Natur zu hören sind. Einer dieser Orte ist der Joutsijärvi. Der See ist laut Savola ein besonders gutes Beispiel für ein Naturruhegebiet, denn er ist nicht dauerhaft bewohnt und die Landstraßen verlaufen in großer Entfernung. "Solche Gebiete sind kostbar. In der Stille der Natur können wir uns von der Hektik des Alltags freimachen", sagt Savola.

Röhren, Gurgeln, Rattern

Der Regen am Joutsijärvi hat am Morgen aufgehört. Nach dem Frühstück sitzen wir am Ufer auf einem Felsen und beraten, in welche Richtung wir weiterrudern sollen.

In Finnland wird ein typischer Sommertag oft durch das Röhren, Gurgeln und Rattern von Motorbooten, Rasenmähern und anderen Maschinen untermalt, aber am Ufer unserer Schäre gibt es solche Geräusche zum Glück nicht. Am Joutsijärvi liegen nur wenige Sommerhäuschen, Motorboote und -schlitten sind hier schon seit über 30 Jahren verboten.

Still ist es hier trotzdem nicht. Der Wind saust durch die Espen am Seeufer, deren kleine grüne Hände fleißig Beifall klatschen.

Wir rudern an das nördliche Ufer des Sees, an die Bucht Sisälmystenlahti. Hier befindet sich eine für diese Breitengrade seltene Schutzhütte aus grauem Rundholz, wie es sie eigentlich nur in Lappland gibt. Nur, dass wir uns hier nicht im äußersten Norden, sondern gerade einmal etwa drei Stunden von Helsinki entfernt befinden.

Das Ufer der Bucht ist mit großen Felsen gespickt. Tilda findet natürlich gleich den größten, den sie dann auch sofort erklimmen möchte. Voller Sorge betrachte ich den entschlossenen Gesichtsausdruck der jungen Bergsteigerin. Zum Glück kann ich sie mit Kakao und Keksen von ihrem Vorhaben abbringen.

Außer einem einsamen Fischer am Morgen haben wir bislang noch keine weiteren Menschen hier gesehen. Unser Ruderboot bewegt sich langsam voran. Ohne Eile rudern wir um den See, legen an und gehen spazieren, bevor es wieder zurück ins Boot geht.

Am Ende des Tages erreichen wir die Insel Vohla, wo wir eigentlich schon am Abend zuvor unser Zelt aufschlagen wollten. Sie befindet sich tatsächlich direkt neben der "Wurstschäre". Pünktlich zur Dämmerung machen wir ein Lagerfeuer und genießen den Anblick des Sternenhimmels.

Langsam vergeht die Zeit

Zu Hause in unserem Mehrfamilienhaus zucke ich oft bei einem plötzlichen Geräusch, Schlag oder Kreischen zusammen. Auslöser kann eine schlagende Tür oder eine Bohrmaschine sein. Oder eine Waschmaschine, die mit drei kurzen Piepsignalen über das Ende des Programms informiert. Ganz alltägliche Geräusche. Man merkt deutlich, wenn sie fehlen.

Als ich Tilda frage, welche Geräusche sie in der Natur hört, zählt sie stattdessen auf, was sie nicht hört. "Hier gibt es keine Mofas, keine Autos und keine Flugzeuge", fällt ihr ein. Dafür höre man aber drei andere Dinge sehr gut: den Regen, den Wind und die Vögel.

Am Ende eines Ausflugs hat man oft das Gefühl, dass die Zeit wie im Flug verging. Doch dieses Mal war es anders, denn die Zeit verging meiner Meinung nach angenehm langsam. Genau so, wie wir es wollten. Wir haben nichts Besonderes unternommen. Wir sind gerudert, gelaufen, nichts weiter. Obwohl, nicht ganz: Zum Frühstück haben wir uns ein paar Eier gebraten. Ich fühle mich erholt.

Dies ist ein gekürzter Text aus "NORR - das Skandinavien-Magazin". Lesen Sie die vollständige Reportage in der aktuellen Ausgabe von "NORR" oder hier.

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