Pilger-Boom in Deutschland Es muss weh tun

Schnupperpilgern mit Highlight-Hopping, am Abend ein "Menü in der Jakobsmuschel": Deutsche auf Sinnsuche machen den Leidensmarsch zur Wellnesstour. Im ganzen Land werden neue Strecken eröffnet - doch jetzt boomt auch die Gegenbewegung der Hardcore-Pilger.

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Normalerweise käme wohl kaum jemand auf die Idee, ein 180-Seelen-Nest wie das thüringische Dorf Volkenroda aufzusuchen. Doch die Leute kommen neuerdings scharenweise. Meist treffen sie abends im dortigen Kloster ein, nach einem langen und staubigen Fußmarsch.

Es sind Männer wie Armin, 53, aus Kassel. 300 Kilometer ist er gepilgert. Er kann sich kaum noch auf den Beinen halten, muss sich abstützen, als er im Klosterladen nach einer Bleibe für die Nacht fragt. Doch alle Räume sind schon von anderen Pilgern belegt, muss er hören, es böte sich nur noch ein Plätzchen zum Teilen "in der Pilgerscheune" an.

Warum tut sich einer wie er, Ingenieur und Familienvater, das bloß an? Armin stöhnt und lacht: "Es war die beste Idee seit langem in meinem Leben, jetzt weiß ich endlich, wie es im Beruf und zu Hause weitergehen soll."

Jakobswege in Deutschland: Santiago de Compostella ist das eigentliche Pilgerziel
DER SPIEGEL

Jakobswege in Deutschland: Santiago de Compostella ist das eigentliche Pilgerziel

So wie Armin haben sich in diesem Jahr schon mehr als 3000 Pilger auf den langen Fußweg zwischen den Klöstern Loccum bei Hannover und Volkenroda begeben. Das erst nach der Wende wiederbelebte evangelische Kloster in Thüringen gilt als eines der erfolgreichsten neudeutschen Pilgerziele. Denn selbst Protestanten haben jene katholische Tugend, von der ihr Stammvater Martin Luther wenig hielt, plötzlich wiederentdeckt.

Es liegt nicht allein an Hape Kerkelings mehr als zwei Millionen Mal verkaufter Jakobsweg-Hymne "Ich bin dann mal weg". Denn auch andere Pilgerorte wie Lourdes in Frankreich, Mariazell in Österreich oder Altötting bei München sind überlaufen. Überall in Deutschland werden Pilgerwege eröffnet, Hunderte von Kilometern Wanderweg eifrig zum Jakobsweg umgelabelt, hoch droben in Norddeutschland etwa die "Via Jutlandica", in Mecklenburg die "Via Baltica".

Und selbst im Osten der Republik gibt es nun wieder neben dem "Baltisch-Mitteldeutschen Jakobsweg" einen 420 Kilometer langen "Ökumenischen Pilgerweg". Der führt von Görlitz über Leipzig, Eisenach und Vacha nach Westen mit Anschluss an die Jakobswege in Frankreich und Spanien, wo es schließlich nach Santiago de Compostela geht, zum eigentlichen Pilgerziel, dem vermuteten Grab des Apostel Jakobus.

Entlastung für spanische Jakobswege

Seitdem sich die ersten Pilger wegen Überfüllung des Jakobsweges in Spanien beschweren, bieten die neuen deutschen Strecken so etwas wie eine Entlastung an. Noch 1980 war der spanische Jakobsweg ein wirklicher Geheimtipp. Damals wurden nur 209 Besucher in Santiago registriert. 1990 waren es knapp 5000. Im vergangenem Jahr aber schwoll die Zahl auf 114.000 Pilger an, mehr als jeder Zehnte davon ein Deutscher. Dieses Jahr sollen es noch weitaus mehr werden.

Einst führten alle Jakobswege sternförmig wie ein Netz durch Europa. Die meisten waren längst vergessen. Nun soll die mittelalterliche Weisheit "Der Jakobsweg beginnt vor deiner Haustür" wieder Realität auch in Deutschland werden.

Wie alles betreiben die Deutschen nun auch das Pilgern besonders gründlich. Sogar unter widrigen Klimaverhältnissen, wie beim "Wattpilgern" von Amrum nach Föhr. Selbst im strömenden Regen fühle man sich "der Schöpfung da näher als im Alltag". So jedenfalls preist eine Teilnehmerin das Erlebnis, das man in jenen Gruppen haben kann, die neuerdings durch norddeutsche Feuchtgebiete über Watt und Priele pilgern. Dabei wird man zwar triefendnass, doch spirituell erleuchtet, weil "man in Gemeinschaft die Weite erlebt".

Wer dagegen für harte Fußmärsche keine Kraft oder Zeit hat, dem kann dennoch geholfen werden: mit "Schnupper-Pilgern", "Samstagspilgern" oder "Pilgern light" auf Kurzstrecken. Am Rande des jüngst eingeweihten westfälischen Jakobswegs locken regionale Spitzenköche seit diesem Monat sogar mit speziellen "Pilgermenüs", "serviert in der Jakobsmuschel".



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