Pilgerrouten Ich bin dann mal weg - per Rad

Von Zisterzienser- zu Benediktinerkloster, vom Lutherhaus bis zur Wittenberger Schlosskirche: Religiöse Themenradrouten führen durch ganz Deutschland. Und immer durch grandiose Landschaften.

Klaus Herzmann

Wer "Pilgern" hört, denkt in Europa an den Jakobsweg. An Wandern à la Hape Kerkeling, wunde Füße, volle Herbergen und innere Einkehr. Früher steuerten Christen Wallfahrtsorte wie Rom oder Santiago de Compostela an, um ihrem Glauben nachzukommen. Heute ist das geruhsame Unterwegssein auch ein Weg für weniger religiöse Menschen, sich selbst zu entdecken.

Und das geht nicht nur in Wanderstiefeln, sondern auch auf dem Rad. Immerhin können schon die sanfte Geschwindigkeit, die körperliche Bewegung und der Blick ins Grüne gut für die Seele sein und helfen, Abstand vom Alltag zu nehmen. Auch Radwege führen entlang berühmter Pilgerrouten. Zudem gibt es Thementouren zu Klöstern, Kirchen und historischen Orten der christlichen Geschichte.

Hier sind Radrouten durch Deutschland - und Spanien:

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Pilgerradwege: Von Oberbayern bis Fehmarn

Mönchsweg: Pilgern im deutschen Norden

Von der Weser bis zur Ostsee folgt der rund 600 Kilometer lange Themenradweg der Christianisierung des Nordens. Bis heute zeugen davon die jahrhundertealten, aus Feld- und Backstein errichteten Kirchen der norddeutschen Landschaft. Insgesamt liegen mehr als hundert Kirchen und Klöster an der Route. Wer den Besuch dokumentieren will, besorgt sich einen Mönchsweg-Radpilgerpass und lässt ihn an den Gottes- und Gasthäusern abstempeln.

Die christliche Religion steht im Mittelpunkt des Mönchswegs, aber auch die Naturlandschaften der Region. Dazu zählen das Alte Land an der Elbe mit seinen weitläufigen Obstplantagen, die von der jüngsten Eiszeit geformte, leicht wellige Landschaft der Holsteinischen Schweiz und die Ferieninsel Fehmarn in der Ostsee.

Die Route verläuft vorwiegend auf ruhigen Landstraßen, separaten Rad- und Wirtschaftswegen. Die Qualität ist gut, unbefestigte Abschnitte kommen nur selten vor. Ausgeschildert ist der Mönchsweg durchgehend mit einem blauweißen Logo.

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Ochsenweg: Die deutsch-dänische Pilgerroute

Rast am Ochsenweg
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Rast am Ochsenweg

Der 245 Kilometer lange "Oksevejen" galt im 19. Jahrhundert als zentraler Landweg zwischen Norddeutschland und Dänemark, war aber vermutlich schon seit der Bronzezeit die Hauptverbindung zwischen Mittel- und Nordeuropa. Pilger, Handwerker, Kaufleute und eben Bauern mit ihren Ochsen nutzten ihn genauso wie Herrscher mit ihren Heeren.

Seit 1998 gibt es die flach bis leicht hügelig verlaufende Radroute, die durchgehend beschildert meist über asphaltierte Radwege und verkehrsarme Nebenstraßen führt. Zwischen Uetersen und Rendsburg kann der Fernradler sogar zwischen einer Ost- und einer West-Variante wählen. Er radelt gemächlich durch weite Moorgebiete und Marschland, durch Wälder und typisch norddeutsche Wiesen- und Heidelandschaften, vorbei an Seen und entlang von Flüssen. Als Szenenwechsel durchfährt er hübsche Städte wie Neumünster und Rendsburg.

Für den deutschen Ochsenweg sollten Radreisende etwa vier bis sechs Tage einplanen. Und wer noch nicht genug hat, kann in Dänemark auf dem Ochsenweg beziehungsweise Heerweg (Haervej) weiter bis Viborg radeln.

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Luther-Radpilgerweg: Auf den Spuren der Reformation

Die Idee entstand zum 500. Jahrestag der Reformation 2017: Der Luther-Radpilgerweg ist ein Beitrag des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Weilheim zum Reformationsjubiläum. Entlang der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte führt die Route 800 Kilometer in einer großen Schleife durch Deutschland - von Augsburg über Nürnberg, Bamberg, Coburg, Schmalkalden, Rennsteig, Wartburg, Eisenach, Erfurt, Stotternheim, Eisleben, Halle und Torgau nach Wittenberg.

Der Radpilgerweg ist zwar nicht speziell ausgeschildert, orientiert sich jedoch meist an bereits vorhandenen Radwegen wie der Romantischen Straße, der Via Claudia Augusta und dem Elbe-Radweg. Er lässt sich ohne große Anstrengungen befahren, nur manchmal wird es hügelig.

Wer die gesamte Strecke von Augsburg bis Wittenberg in Angriff nehmen möchte, sollte rund 12 bis 14 Tagesetappen einplanen. Neben den vielen Kulturstädten und Fachwerkdörfern führt der Pilgerweg immer wieder durch Landschaften wie das Fränkische Seenland, die Fränkische Schweiz, den Steigerwald, das Maintal und den Thüringer Wald mit dem Rennsteig.

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Wallfahrtskirche St. Coloman bei Schwangau
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Wallfahrtskirche St. Coloman bei Schwangau

Benediktweg: Papstland in Bayerns Südosten

Ob Joseph Aloisius Ratzinger, der mittlerweile emeritierte Papst Benedikt XVI., in seiner Heimat auch mit dem Fahrrad unterwegs war, weiß man nicht. Die Radroute des Benediktwegs verbindet jedenfalls die Orte und Stätten seiner Kindheit und Jugend, fast 250 Kilometer mit 2150 Höhenmetern zwischen Inn, Salzach und Chiemsee. Besichtigungsziele des Rundwegs auf den Spuren Papst Benedikts sind sein Geburtsort Marktl am Inn sowie seine Wohnorte Tittmoning, Aschau am Inn und Traunstein.

Das Marienheiligtum von Altötting hatte Benedikt XVI. im Rahmen seiner Bayernreise am 11. September 2006 besucht und es als "das Herz Bayerns und eines der Herzen Europas" bezeichnet. Zu den wichtigen Klosteranlagen am Benediktweg zählen die ehemalige Zisterzienserabtei Raitenhaslach, das ehemalige Benediktinerkloster Seeon, die Benediktinerinnenabtei Frauenchiemsee und die Klöster Gars und Au am Inn.

Auch wer wenig mit Kirche, Klöstern und Katholizismus am Hut hat, kann die Runde getrost in Angriff nehmen. Viele Abschnitte führen durch das Bayern der Seen, Bauerndörfer, Biergärten und grandiosen Alpenblicke. Der Benediktweg verläuft gut beschildert meist auf Feld- und Radwegen sowie verkehrsarmen Landstraßen. Ganz eben ist er jedoch nicht. Im Hügelland warten auch immer wieder sportliche Anstiege.

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Jakobsweg: Klassiker von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela

Die meistbenutzte Pilgerroute Europas, der Camino Francés von den Pyrenäen durch den Norden Spaniens, misst mehr als 800 Kilometer und mehr als 16.000 Höhenmeter. Diese Zahlen deuten es bereits an: Pilgern hat nicht unbedingt etwas mit Genussreise zu tun, selbst wenn man mit dem E-Bike pilgert. Aber die Landschaft, die Kulturstädte, das Erlebnis wiegen alles auf. Man sollte allerdings nicht gerade im heißen Juli und August losradeln. Frühling und Frühherbst sind klimatisch deutlich angenehmer.

Die Radroute verläuft zwar in der Regel nicht auf dem Pilgerweg, aber immer in dessen Nähe. Mit holperigen, nicht asphaltierten Abschnitten muss man rechnen, genauso wie mit schweißtreibenden Steigungen. Blaue Schilder mit der gelben Jakobsmuschel weisen den Weg, jedoch nicht durchgehend.

Insider empfehlen, sich für die 817 Radkilometer von St.-Jean-Pied-de-Port bis nach Santiago de Compostela mindestens zwei Wochen Zeit zu lassen, damit genügend Muße für Ruhephasen und Besichtigungen bleibt. Und wer noch Zeit und Energie hat, sollte auch die restlichen 93 Kilometer bis ans "Ende der Welt", zum Kap Finisterre am Atlantik radeln. Es lohnt sich.

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Armin Herb, srt



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