Nachhilfe in Lawinenkunde "Der Berg ist immer stärker"

Stephanie Souron

Die Grenze zwischen Piste und "Off-Pist" besteht oft nur aus einem Seil und einem Hinweisschild. Auf der Rückseite der fein zurechtgemachten Hänge erwartet uns Skifahrer dann eine Art Parallelwelt: ungespurtes Gelände ohne direkte Liftanschlüsse, dafür mit Höhen und Tiefen - und vor allem: mit Tiefschnee.

Jenem feinen, natürlichen Pulver, das so unendlich kostbar ist, weil keine Schneekanone es auch nur annährend so reproduzieren kann. Ich habe vor etwa zehn Jahren meinen ersten Schwung im Tiefschnee gemacht und seitdem dieses Gefühl nie mehr vergessen. Denn wenn man einmal den Bogen raus hat, sinkt man nicht mehr in den Schnee ein, sondern surft darauf wie auf einer Welle.

Dann tritt man ein in eine Art Kommunikation mit dem Berg: Er gibt den Takt der Schwünge vor, ich muss nur noch seinem Rhythmus folgen. Links, rechts, hoch, runter - es ist, als würde man eins werden mit dem Berg.

"Der Berg ist immer stärker als du", sagt Roger Clappier. "Du kannst versuchen, ihn zu lesen, ihn zu begreifen. Aber du musst immer vorsichtig sein, auch beim schönsten Wetter." Clappier, 56, hat einen drahtigen Körper und einen grau-schwarzen Bart, in den er ab und zu einen Witz hineinmurmelt, den niemand versteht.

Wenn der Berg einen schlechten Tag hat

Clappier ist diese Woche mein Guide in Val d'Isère, einem kleinen Ort in den französischen Hochsavoyen, zu dem das Skigebiet "Espace Killy" mit mehr als 350 Pistenkilometern gehört. Die Spezialität des Bergführers aber sind die Hänge, die sich hinter Kordeln und Warnschildern eröffnen. Er liebt das Tiefschneefahren, und deshalb ist es ihm wichtig, dass seine Gruppe weiß, was zu tun ist, wenn der Berg mal einen schlechten Tag hat und der Schnee ins Rutschen kommt.

Gleich nach der Begrüßung hat er bei uns allen überprüft, ob wir in unserem Rucksack wirklich Schaufel und Sonde verstaut hatten und ob der kleine Apparat, den wir am Körper tragen, auch ordnungsgemäß funktioniert. Schaufel, Sonde und Lawinenenverschüttetensuch (LVS)-Gerät gehören für Freerider zur Basisausrüstung wie Helm und Handschuhe. Das Gerät sendet permanent Signale aus, die es ermöglichen, einen Verschütteten in einer Lawine zu finden.

"Die meisten Verschütteten werden von der eigenen Gruppe gerettet", sagt Clappier. Denn bis die offiziellen Rettungskräfte an der Unfallstelle eintreffen, ist es oft zu spät. "Je nachdem wie groß die Atemhöhle ist, kann ein Mensch vielleicht eine Viertelstunde in einer Lawine überleben, bevor der Sauerstoff knapp wird", sagt Clappier. Also trimmt er uns darauf, dass wir die Suche im Schlaf beherrschen.

Respekt vor der Natur

Jeden Tag stellt er uns eine Aufgabe. An Tag eins sollen wir einen Rucksack finden, den er mit einem LVS-Gerät im Schnee verbuddelt hatte. Das war einfach, jeder von uns hat das schon x-mal gemacht. An Tag zwei versteckte er in einem Flachstück gleich zwei solcher Rucksäcke, was zu ersten Verwirrungen führte, weil sich die Signale der beiden "Verschütteten" überschnitten. An Tag drei schickte er uns in einen Steilhang auf die Suche. An Tag vier folgte dann eine Lawinensuche mit einer unbekannten Anzahl von Verschütteten und einem direkten Draht zur Pistenwacht.

"Ich will einfach den Stress simulieren, den eine Lawine bei allen Beteiligten auslöst", sagt Clapppier, als wir nach der Suche wieder im Lift sitzen und dem nächsten Tiefschneehang entgegenfiebern. Wir nicken. Natürlich haben wir alle schon solche simulierten Suchen gemacht, jedoch selten mit solch ausgeklügelten Finten.

Obwohl wir wussten, dass die Gefahr nur simuliert war, sind wir oft hektisch geworden und haben kleine, aber wichtige Details übersehen. Und man lernt seine Gruppe auf diese Weise sehr schnell kennen; weiß, auf wen man sich verlassen kann und wer zum Hyperventilieren neigt. Vor allem haben uns Clappiers Planspiele gezeigt, dass man niemals sicher sein kann vor den Launen des Bergs.

Ich genieße es nach wie vor, auf seinen Buckeln zu surfen und mich von ihm ins Tal tragen zu lassen. Aber statt ihm nach einem guten Run ein High-Five zuzuwinken, mache ich stattdessen lieber innerlich eine respektvolle Verneigung.

Zur Person
  • Louis Hermic
    Das Skifahren hat Stéphanie Souron schon mit vier Jahren gelernt. Heute verbringt die Journalistin ihre Freizeit am liebsten in den Alpen. Ihr Job als freie Autorin hat sie nach Hamburg verschlagen - inzwischen weiß sie, welche Fluglinien die Skier gratis transportieren und mit welchem Bus man am schnellsten ins Skigebiet kommt. Trotzdem ahnt sie: Eine Stadt ohne Berge und Schnee ist auf Dauer keine Lösung.

    Im Pisten-Blog erzählt Souron vom langen Warten auf den Schnee, von Neuheiten in den Skigebieten, philosophiert über das beste Hüttengericht und über alles, was im Winter draußen Spaß macht.



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8 Leserkommentare
shooop 04.02.2015
Lobhudel 04.02.2015
pepe.le.moko 04.02.2015
ksail 04.02.2015
2cv 04.02.2015
beelzebot23 04.02.2015
ernstmoritzarndt 05.02.2015
paysdoufs 05.02.2015

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