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11. Dezember 2018, 12:16 Uhr

Porto für Foodies

Der perfekte Städtetrip im Winter

Die schönste Buchhandlung der Welt, gemütliche Cafés und Versacken im Weinkeller: Porto ist perfekt für einen Städtetrip im Winter. Hören Sie schon die Tram rattern?

Mitternacht. Die Möwen kreischen, die über dem Rathaus Kreise ziehen. Ein Mann läuft im T-Shirt vorbei. Es ist Dezember, aber auf dem Rathausplatz stehen Stühle, als warteten sie auf Flaneure. In der Küstenstadt Porto, wo der Douro in den Atlantik mündet, herrschen auch jetzt milde Temperaturen. Reisende können den Winter hier getrost vergessen.

Der 37-jährige André Apolinário nimmt Touristen mit auf die Erkundungstour "Taste Porto" und will ihnen in Cafés und Restaurants die portugiesische Küche näherbringen. Als er die Gruppe zu McDonald's im Stadtzentrum führt, erntet er zunächst entsetzte Blicke. Doch der Fast-Food-Laden ist nur wegen des Gebäudes auf seiner Liste, sagt Apolinário: In den Dreißigerjahren habe sich das mondänste Café der Stadt darin befunden.

Die Wandverzierungen gibt es noch, aber heute riecht es hier nach Cheeseburgern und Pommes. "Besser, als wenn das Gebäude leer steht, so wie die letzten Jahre", sagt Apolinário und macht sich zum Bahnhof São Bento auf, um dort die berühmten Keramikfliesen, die Azulejos, zu zeigen. Im Uhrzeigersinn zeichnen die bemalten Kacheln die Entwicklung des Transportwesens nach - vom Esel bis zur Eisenbahn.

Apolinário spricht viel über Portos Architektur. Doch die Hauptrolle spielt bei seiner Foodie-Tour das Essen. Mit ausladenden Gesten erzählt der Portuenser Geschichten zu den Läden, durch die er führt, und er beschreibt, aus welcher Region die Produkte kommen. Er reicht süßes Gebäck, Stockfisch und Folar, einen herzhaften Kuchen mit dicken Wurststücken.

Stadt im Aufbruch

Die fast vierstündige Tour endet mit Portwein. Apolinário stellt Davide Ferreira vor, der bei den großen Portweinherstellern auf der anderen Seite des Douro arbeitete, bis er beschloss, seinen Weinladen Touriga aufzumachen. "Ich wollte mein eigenes Ding machen", sagt der 40-Jährige und bestätigt den Eindruck, den man nach kurzer Zeit von Porto hat: Junge Menschen eröffnen Läden, probieren sich aus, es wird gebaut und renoviert, die Stadt ist im Aufbruch.

Ferreira bietet drei Portweine zum Probieren und erklärt, warum der Wein so stark und süß ist: Die Gärung wird anders als bei herkömmlichem Wein nach zwei bis drei Tagen unterbrochen, indem hochprozentiger Alkohol dazukommt. Wer das genauer verstehen will, kann eine Tour in den Kellereien in Vila Nova de Gaia besuchen. Das bietet sich auch an, wenn man die Weine verkosten will.

Schon für zehn Euro bietet zum Beispiel der Hersteller Ramos Pinto fünf gut gefüllte Gläser an. Auf Zetteln steht, was man trinkt. Wie man die Weine findet, könne man dort auch notieren, erklärt die Frau an der Kasse. Das Problem ist nur, dass man nach dem dritten Glas nicht mehr so klar denkt - der Wein wird ohne Essen gereicht. Besser man bucht eine Tour mit einem Führer und Snacks.

Hogwarts-Buchhandlung und hübsche Cafés

Wenn es in Porto regnet, dann wirkt die Stadt eher wie ein kleines London, bloß mit Rechtsverkehr und entspannteren Leuten. Die Freundlichkeit der Einwohner ist bemerkenswert. Weder strömender Regen noch Touristenscharen scheinen sie aus der Ruhe zu bringen.

Maria Oliveira, die in dem kleinen Hotel Porto Vintage Guesthouse arbeitet, sagt, sie habe kein Problem damit, wenn viele Touristen die Stadt sehen wollten. Sie erklärt das mit der Vergangenheit als Seefahrer- und Handelsstadt. Der Kontakt mit fremden Kulturen spielte immer eine große Rolle. "Wir mögen jeden", sagt Oliveira.

In den vielen Cafés, guten Rückzugsorten an verregneten Tagen, scheint sich das zu bestätigen: Im altehrwürdigen Café Majestic bleiben die Mitarbeiter freundlich, wenn die Besucher die Tür nicht hinter sich schließen oder minutenlang Selfies machen.

Das Café ist so hübsch wie die 1906 eröffnete Jugendstil-Buchhandlung Lello, die vom britischen "Guardian" zur schönsten der Welt gekürt wurde. Allerdings werden beide von Touristen belagert, seit Gerüchte aufkamen, die Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling, die in den Neunzigerjahren in Porto lebte, habe sich dort inspirieren lassen. Verwunschen wie in Hogwarts sieht es aus.

Ruhiger ist es im Café Santiago, das bekannt ist für Portos berühmtestes Gericht: Francesinha (kleine Französin), ein Sandwich ähnlich dem französischen Croque Monsieur. Zwischen Toastscheiben liegen Schinken, Linguiça (geräucherte Schweinewurst) und ein Beefsteak. Das Ganze wird mit Käse überbacken und mit einer Soße aus Bier, Senf, Tomaten und Portwein übergossen. Dazu werden oft noch Pommes und Spiegelei gereicht. Als der Kellner das Gericht bringt, versteht man, warum Apolinário Portos typischste Speise nicht anbietet - danach ist man satt und träge.

Museen für Kinder, Fußball- und Kunstfans

Und Trägheit kann man nicht gebrauchen. Porto ist viel zu interessant und reich an Museen. Mit Kindern kann man in der interaktiven "World of Discoveries" auf den Spuren portugiesischer Seefahrer wandern. Sportfans vergnügen sich im Museum des FC Porto, Kunstinteressierte im Serralves Museum für zeitgenössische Kunst.

Das Museum für Fotografie lohnt einen Besuch allein wegen der Räume - es ist in einem ehemaligen Gefängnis untergebracht. Dort saß einst der portugiesische Schriftsteller Camilo Castelo Branco (1825 bis 1890) wegen Ehebruchs ein und schrieb seinen Roman "Das Verhängnis der Liebe".

Porto hat viele solcher Geschichten zu erzählen, die im Sommer, wenn Strand und Wasser locken, eher untergehen. "An Wintertagen kann man hier noch mehr entdecken", sagt Maria Oliveira.

Alexandra Stahl/dpa/jus

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