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20. September 2012, 16:18 Uhr

Profi-Slackliner Kleindl

Balanceakt auf dem Band

Seiltanz über tiefe Abgründe, Rückwärtsflips auf einem Band: Reinhard Kleindl liebt die Gefahr. Der österreichische Profisportler ist Slackliner, auf einem gespannten Seil vollführt er irrwitzige Kunststücke - dabei war sein Beruf erst Liebe auf dem zweiten Blick.

Vorsichtig setzt Reinhard den linken Fuß auf, belastet ihn, hält kurz inne. Dann zieht er den rechten Fuß nach und platziert ihn genau vor dem linken. Wind kommt auf, Blätter rauschen. Ein Surren erfüllt die Luft, wird lauter. Das schmale Polyesterband, auf dem er steht, fängt an zu schwingen. Es hört sich an, als würde ein Riese einen überdimensionalen Gummischlauch durch die Luft drehen.

Die Bewegungen kommen ins Stocken, die Arme rudern in der Luft, der ganze Körper verbiegt sich. Im Gesicht des Slackliners wird aus Konzentration pure Anspannung. Knapp eineinhalb Meter über dem Boden scheint ein Sturz auf dem stark schwankenden Band unausweichlich. Doch der Grazer gibt nicht auf, kämpft um sein Gleichgewicht und - gewinnt. Immer wieder greift ihn der Wind an, doch Kleindl behält die Oberhand und erreicht schließlich mit einem Jubelschrei den Baum, an dem das Ende der Leine befestigt ist.

Zum zweiten Mal in seinem Leben hat er eine Distanz von 200 Metern auf einer Slackline überwunden. Zwölf Minuten hat er dafür gebraucht. Die "Days of Distance 2012" - ein von Kleindl in Stubenberg bei Graz veranstaltetes Treffen von Slacklinern aus ganz Europa - haben mit dieser Aktion für den Organisator perfekt begonnen.

Liebe auf den zweiten Schritt

Er ist erschöpft, aber sichtlich überglücklich. Erschöpft? Von 200 Metern? "Auf einer Slackline wird das Gehen wieder schwierig, der gesamte Körper ist ständig dem Wechsel von Spannung und Entspannung unterworfen", erklärt der Mann mit den schwarzen Haaren und braunen Augen. Für Kleindl ist das Begehen einer langen Slackline vor allem ein mentales und meditatives Erlebnis. "Das ist pure Konzentration, man geht komplett im Augenblick auf."

Der 31-Jährige ist einer der wenigen Protagonisten dieser Sportart, die davon leben können. Er gibt Slackline-Kurse, testet und entwickelt Material, tritt sozusagen als Artist auf Shows auf, betreibt einen Blog im Internet und wird von der Sportartikelindustrie gesponsert. Aber es gibt auch ein Leben neben der Slackline. Er schreibt wissenschaftliche Artikel und ist dabei, sich als Krimiautor einen Namen zu machen. "Ich habe sehr viele Interessen und empfinde es als Luxus, diesen nachgehen zu können."

Auf dem Band steht er drei- bis viermal pro Woche. Alle zwei Wochen Begehungen von langen "Lines". "Dazu braucht man gute Freunde, denn alleine kann man diese Leinen nicht spannen", erklärt er. Im Bereich der "Highlines" ist jedes Projekt Training für das nächste.

Zum Slacklinen ist er eher zufällig gekommen. Nach dem Physikstudium nahm er sich eine Auszeit und begann mit dem Klettern. Er, der in seiner Kindheit und Jugend kein sportliches Talent war, wurde richtig gut. Schließlich gelang ihm sogar eine Route im Grad 8a.

Vor fünf Jahren nahm ihn ein Freund zum Slackline-Gehen mit in den Grazer Augarten. "Auch hier war ich nicht der Talentierteste oder gar ein Wunderkind", meint Reinhard grinsend. "Im Gegenteil, ich fand das zwar ganz lustig, habe aber ein halbes Jahr lang keine bemerkenswerten Fortschritte gemacht." Dann gelang ihm eine 50-Meter-Longline und der Bann war gebrochen. Liebe auf den zweiten Schritt könnte man das nennen.

Backflip auf dem Band

Vor allem fasziniere ihn, dass es bei diesem Sport noch wenig Regeln und Normen gebe. Bald experimentierte er mit Freunden mit immer längeren Leinen. Die Schwierigkeit bestand unter anderem darin, die Bänder beim Aufbau nicht zu stark zu spannen. Denn die nötige Zuglast, damit das Band beim Begehen nicht in der Mitte den Boden berührt, liegt bei mehreren Tonnen. Reißt es, peitscht es mit enormer Geschwindigkeit durch die Luft und verletzt jeden schwer, der im Weg steht. Doch nicht nur die absolute Länge interessierte. Er begann Tricks zu üben und war einer der Ersten, der einen sogenannten Backflip (Rückwärtssalto) sprang.

"Jumplinen" nennt sich diese Disziplin, bei der sich alles um akrobatische Sprünge dreht. Ganz besonders hat ihn das "Highlinen" in den Bann gezogen. Das sind Leinen, die in Höhen gespannt werden, aus denen ein ungesicherter Absprung wenigstens gesundheitsgefährdend oder gar tödlich ist. Deswegen sichert sich Reinhard immer mit einem Klettergurt und einer Zusatzleine. Außerdem spannt er zusätzlich unter das Band ein Kletterseil, das im Falle eines Bandrisses seinen Sturz abfängt. "Egal, in welcher Höhe, der Riss der Leine ist die gefährlichste Situation", weiß er.

Im Sommer 2009 knackte er die sogenannte Kingline über die Gorge de la Jonte in Millau, Südfrankreich, seine erste Highline mit einer Länge von über 60 Metern. "Das motivierte mich, das lange gehegte Projekt einer Leine über die Mur direkt in Graz in Angriff zu nehmen", erzählt er. "Die Aktion sollte im Rahmen des Grazer Bergfilmfestivals stattfinden, und das Medienecho war enorm." Einen Probelauf gab es nicht, denn er durfte die Leine nur an diesem einen Tag spannen. Unter ihm die schnell strömende Mur, deren Bewegung dem Auge keinen Ruhepunkt bot, und 30 Meter neben ihm die Hauptbrücke, die die "Line" zum Wackeln brachte, wenn Straßenbahnen darüber ratterten. Beim zweiten Anlauf schaffte er es.

Highline über die Schlucht

"Damit war ich der Erste, der die Mur in Graz auf einer 2,5 Zentimeter breiten Brücke überquerte." 2011, er war mittlerweile gesponserter Adidas-Athlet, startete er gemeinsam mit dem Südtiroler Armin Holzer ein aufsehenerregendes Projekt. Sie spannten auf den Gipfeln der Zinnen drei Highlines von 31, 37 und 53 Metern Länge. "Wohlgemerkt auf, nicht zwischen den Gipfeln", betont der Grazer. "Mit 500 Metern Luft unter deinen Füßen wird das Band noch schmaler, der Raum um dich noch weiter und haltloser", berichtet Kleindl. "Eine Ausgesetztheit, wie ich sie vom Klettern her nicht kenne."

Es wird Abend, und Reinhard will mit Lukas Irmler, einem Profi- Slackliner aus Freising, noch eine Highline über die Stubenberg-Schlucht aufbauen - eine Erstbegehung. Bei früheren Versuchen hat Reinhard eine Kordel über die Schlucht gespannt. Die erleichtert jetzt den Aufbau. Trotzdem braucht es fast eine Stunde, mehrere Flaschenzüge und die Zugkraft von zwei Helfern, bis alles vorbereitet ist. Dann geht es los. Nach zwei Schritten ist Reinhard über die Kante der Schlucht hinweg und im Leeren. 40 Meter unter ihm der Schluchtgrund. 60 Meter vor ihm, fast nicht sichtbar, die Verankerung auf der anderen Seite.

Stille, Slacklinen ist ein leiser Sport. Reinhards Aufmerksamkeit ist reduziert auf die 2,5 Zentimeter Polyester unter seinen Fußsohlen, die für ihn jetzt die Welt bedeuten. Es ist fast so, als würde er durch die Luft gehen. Die Hände werden feucht. Aber der Grazer hat die Sache im Griff. "Beim Slacken ist man bis zum Schluss nicht sicher, denn von einer auf die andere Sekunde kann sich alles ändern." Dieses Spiel mit der Unsicherheit ist seine Leidenschaft.

Aus dem "Alpin"-Magazin 9/2012

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