Provence Wilde Weihnachten

Keine Region feiert romantischer, üppiger und verrückter: Jeden Winter wird die Provence zum Weihnachtsland. Die Menschen zelebrieren merkwürdige Bräuche, schwelgen in süßem Pralinengenuss, und über den kargen Feldern strahlt ein ganz besonderes Licht.


Weihnachtsmarkt in der Provence: Keine Region feiert romantischer
Nicola Kuhrt

Weihnachtsmarkt in der Provence: Keine Region feiert romantischer

Für einen kurzen Moment legt sich das Gesicht von Madame Guiraud in viele kleine Falten. Die alte Winzerin muss nachdenken, beim Aufzählen der immerhin 13 Desserts, die in der Provence am Heiligen Abend traditionell serviert werden, ist sie durcheinander gekommen. "Weißes Nougat", ruft sie dann, "an Weihnachten gibt es natürlich Nougat!" Entspannt lehnt sie sich in ihren Sessel zurück, im Kamin knistert ein gemütliches Feuer.

Es ist kalt geworden in der Provence. Gestern setzte der Mistral ein. Der wilde Wind aus den Bergen, wie Madame ihn nennt, führte zu einem Temperatursturz von zehn Grad Celsius. Die Menschen in den Dörfern des Lubéron und der Haute-Provence stört es nicht, denn es ist Calendale, Adventszeit. Eine angenehme Ruhe hat sich über der Region ausgebreitet. Tagsüber leuchtet die karge Landschaft im klaren, blauen Licht der Wintersonne. Über den abgeernteten Weinreben und den Feldern liegt bereits erster Reif. Schnee ist noch nicht gefallen, doch der ist auch selten in der Region und wird jedes Mal gefeiert wie ein kleines Weltwunder. Abends erstrahlen selbst kleinste Dörfer im Glanz ihrer Weihnachtsmärkte. Es duftet nach gerösteten Maronen.

Ventoux: Die weihnachtliche Provence ist voll von merkwürdigen Geschichten und Traditionen
Nicola Kuhrt

Ventoux: Die weihnachtliche Provence ist voll von merkwürdigen Geschichten und Traditionen

Die Provenzalen lieben den Winter, nichts ist ihnen so heilig wie der Noël - Weihnachten. Das gilt auch für Madame Guiraud. Seit über 30 Jahren betreibt sie zusammen mit ihrem Mann Jean ein Weingut in der Nähe von Bonnieux, einem kleinen Dorf im Lubéron. Stets haben sie viel Arbeit, nur im Winter kehrt ein wenig Ruhe ein. "Schon deshalb liebe ich die Weihnachtszeit", sagt Madame. Das ganze Haus hat sie bereits mit Zweigen, verziert mit Schleifen in rot und orange - den Farben der Provence -, geschmückt.

Einer alten Tradition folgend hat sie am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara, Weizenkörner in vier kleine Schälchen gesäht. Bis Weihnachten werden die Schalen auf den Kaminsims gestellt, am Heiligen Abend schlägt die Stunde der Wahrheit. "Ist die Saat kräftig und groß geworden, gibt es im nächsten Jahr eine gute Ernte. Ist sie klein und schlapp, wird auch die Ernte schlecht", sagt Madame und macht ein finsteres Gesicht. Denn die Prophezeiung habe sich stets erfüllt.

Das Wichtigste an Weihnachten ist für die Provenzalen - das Essen

Der weihnachtliche Zauber der Provence berührt nicht nur die stillen Täler und kleinen Dörfer, auch in Städten wie Aix-en-Provence hat der Noël längst Einzug gehalten. Die abendliche Sonne taucht die Straßen in rot-violettes Licht, es ist kühl, aber nicht kalt. Die Platanen, die im Sommer ein grünes Blätterdach über den prunkvollen Boulevards bilden, sind winterlich kahl, schlichte Lichterketten erleuchten den berühmten Cours Mirabeau.

Weihnachtsproduktion in der Confiserie Parli: Wie das Lächeln der Braut des Königs René
Nicola Kuhrt

Weihnachtsproduktion in der Confiserie Parli: Wie das Lächeln der Braut des Königs René

Vor dieser Kulisse lässt es sich wunderbar shoppen. Und wer einige Zeit in die Schaufenster der Geschäfte geblickt hat, weiß, was für die Provenzalen das Wichtigste an Weihnachten ist: das Essen. Schon die von Madame Guiraud erwähnten 13 Desserts (mehrere Früchte, Nüsse, Nougat und verschiedene Pralinenarten) mit der das traditionelle Weihnachtsessen beendet wird, lässt das Ausmaß der provenzalischen Feierlust erahnen. Und so quellen die Auslagen der Delikatessengeschäfte, der Fromageries und Boucheries, über von frischen Krebsen und Austern, fetten Fasanen und Foie gras, delikatem Schinken und köstlichem Käse - und die Franzosen kaufen wie verrückt.

Auch in der Confiserie Leonard Parli herrscht unglaublicher Trubel. Weißes Nougat mit Lavendelhonig, kandierte Früchte und "Calissons", eine mandelfeine Spezialität aus Aix, finden reißenden Absatz. Bereits seit 1874 besteht das Traditionshaus an der Avenue Victor Hugo, heute ist der Chef allerdings eine Frau, die passenderweise Madame Honey heißt. In der edlen Verkaufsboutique duftet es verführerisch nach warmer Schokolade - in den hinteren Räumen läuft die Weihnachtsproduktion auf Hochtouren. Wo sonst 15 Mitarbeiter ihren Platz haben, ist es jetzt so voll, dass man sich kaum bewegen kann. Frauen verpacken Köstlichkeiten in kleine Schachteln, wenige Meter entfernt rührt ein Konditor in einer großen Schüssel mit Keksteig, an einem Tisch werden lautstark Pralinen aus Metallformen geklopft.

"Calissons gibt es eben nur in der Provence

Allein 1200 Kilogramm Calissons werden hier pro Tag gefertigt, in normalen Monaten sind es 500 Kilogramm Kilo. "Wir kommen im Dezember kaum nach", sagt Marie, eine Chocolatière. Während sie ein großes Tablett mit Moccapralinen in den Kühlschrank schiebt, rennt hektisch ein Kollege an ihr vorbei, der Honig für den Nougat droht hart zu werden. Marie erzählt unbeeindruckt weiter. "Sogar Leute aus New York und aus Japan bestellen regelmäßig Calissons, die gibt es eben nur in der Provence." Grundbestandteil der Pralinen seien mindestens 30 Prozent Mandeln, dazu kommen kandierte Melonen und noch einige weitere geheime Zutaten und Gewürze.

Avignon: Schnee ist selten und wird jedes Mal wie ein Weltwunder gefeiert
Nicola Kuhrt

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Das Ganze wird zu einem Teig verarbeitet, zwei Tage kühl gelagert, ausgerollt und dann mit speziellen Metallblechen ausgestochen. Zum Schluss kommt eine Schicht Zuckerguss darüber - fertig. Woher die besondere ellipsenähnliche Form der Praline stammt, weiß heute niemand mehr genau, doch die Legende besagt, dass ein Koch im Jahr 1630 die Köstlichkeit für die unglückliche Braut des Königs René erfand. Diese musste nach dem Genuss tatsächlich lächeln, und so bekam das Calisson die Form eines Lächelns.

Die weihnachtliche Provence ist voll von solchen merkwürdigen Geschichten und Traditionen. Wer beispielsweise die berühmte Mitternachtsmesse in Les Baux de Provence erleben will, muss sich schon nachmittags ein freies Bänkchen in der Kirche St. Vincent reservieren. Vor dem Gottesdienst gibt es in den historischen Straßen der mittelalterlichen Stadt einen Umzug der Schäfer - die sitzen dann später ebenfalls alle im Gottesdienst. Und auf den unzähligen Weihnachtsmärkten zwischen Carpentras und Avignon, zwischen Apt und St. Remy, begegnet man ständig "Kleinen Heiligen" - den Santons. Die Krippenfiguren aus Ton sind mit der provenzalischen Weihnacht untrennbar verbunden. Jede Familie, die etwas auf sich hält, hat ihre eigene Krippe.

Herstellung von Santons: Die tönernen Krippenfiguren sind mit der provenzalischen Weihnacht untrennbar verbunden
Nicola Kuhrt

Herstellung von Santons: Die tönernen Krippenfiguren sind mit der provenzalischen Weihnacht untrennbar verbunden

Auch die Guirauds besitzen natürlich ein ziemlich monströses Exemplar aus Holz und Moos, samt unzähliger Santons. "Das ganze Wohnzimmer musste ich umräumen, um die Krippe aufbauen zu können", stöhnt Madame Guiraud. Mit zunehmenden Alter fällt ihr das zwar immer schwerer, aber die Familie, vor allem die Kinder, bestehen auf der Tradition. Immerhin zehn Enkel hat sie, Madames liebster Weihnachtsbrauch ist daher auch "Cacho Ficho", der zu Beginn des Weihnachtsabends gefeiert wird. Das jüngste und das älteste Mitglied einer Familie tragen hierbei gemeinsam den Ast eines Olivenbaums dreimal um das Haus. Dann wird der Zweig mit Wein begossen und ins Kaminfeuer geworfen. Und während es draußen langsam dunkel wird, quillt aus unzähligen Kaminen der Dörfer weihnachtlicher weißer Rauch, der vor der Kulisse der kargen winterlichen Landschaft langsam in den Himmel steigt - Weihnachten kann beginnen.



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