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Provence per Rad: Von der Camargue bis nach Orange

Foto: Norbert Eisele-Hein/ SRT

Radtour durch die Provence Burgen, Brücken und Baguette

Amphitheater, Festungen und Aquädukte - im Süden Frankreichs drängen sich die kulturellen Highlights. Ideal für eine entspannte Fahrradtour, die von der Camargue bis nach Orange führt.

Der verbeulte Renault-Kastenwagen legt eine Vollbremsung hin, Kiesel spritzen unter den Reifen weg. Ein bärtiger Typ im Blaumann springt raus, stemmt die Fäuste in die Hüfte und brüllt: "Ja, seid ihr denn alle noch bei Trost? Das ist doch ein Kornfeld und kein Spielplatz! Wie soll ich denn hier noch ernten, wenn ihr alle drin rumtrampelt?"

Die Touristen inmitten der Mohnblumen erwachen wie aus einem Traum, schieben sich wie in Trance langsam aus dem knallroten Meer heraus. An das reife Korn haben sie keinen Gedanken verschwendet.

Und schon biegen neue Autos in die Seitenstraße ein. Und wieder marschiert Jung und Alt wie ferngesteuert zur betörenden Farbenpracht. Der Bauer reckt die Hände gen Himmel, schüttelt den Kopf. Als er immer noch kopfschüttelnd davonbraust, rutscht ihm fast schon ein Lächeln über das markante Gesicht.

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Provence per Rad: Von der Camargue bis nach Orange

Foto: Norbert Eisele-Hein/ SRT

Im Frühsommer ist die Provence fast märchenhaft schön. Wir, auf unseren Fahrrädern, haben die Qual der Wahl und entscheiden uns gleich zu Beginn unserer Tour für eine weitere Dosis Farbtherapie: schwarze Stiere, weiße Pferde, rosa Flamingos - das ist die Werbeparole der Camargue.

So strampeln wir tief in den provenzalischen Süden bis nach Saintes Maries de la Mer. In der Stierkampfarena gehen wir dem Marketing-Versprechen auf den Grund. Hier ist der Kampf gegen die Bullen ein sportliches Spektakel - vor allem völlig unblutig! Junge Männer versuchen, dem Stier seine an den Hörnern befestigten Blüten zu entreißen. Das bedeutet: sprinten wie ein Olympionike und notfalls in die rettenden Ränge springen. Riskant ist das Ganze nur für die Toreros.

Auf der Landstraße D85a starten wir zu einer Umrundung des Naturparks Camargue - immer wieder bieten sich einige Matsch- und Hoppelpisten zum Abkürzen an. In den sumpfähnlichen Gebieten der riesigen Flachwasserbucht leuchten pinkfarbene Flamingos wie rosa Glühbirnen. Reitergruppen preschen auf den weißen Camargue-Pferden über die Wasserläufe.

Van Gogh in Arles, Norman Foster in Nîmes

Arles verleiht der Michelin-Reiseführer volle drei Sterne, völlig zu Recht. Im historischen Zentrum der einstigen Römerstadt könnten wir Tage umherstreunen: Allein das prächtige Amphitheater! Dort meucheln sich heute keine Gladiatoren mehr gegenseitig, sondern auch hier strömen alle zum Stierkampf. Viele Ansichten Arles' hat Vincent van Gogh in seinen Werken verewigt, der hier eine äußerst kreative Zeit verlebte.

Ein Westschwenk über Saint Gilles in das Languedoc führt uns nach Nîmes. Die Stadt hat 150.000 Einwohner und ein entsprechend großes antikes Theater, aber auch moderne Architektur. Darunter ist das von Stararchitekt Sir Norman Foster entworfene Kulturzentrum Carré d'Art mit einem Museum für moderne Kunst. Auf dem Wochenmarkt holen wir uns frische Oliven, Schafskäse und Baguette, gleich nebenan im Jardin des Fontaines sorgen die Wasserspeier für angenehme Erfrischung in der Mittagspause.

In Uzès, das wir über die D979 erreichen, steuern wir die asymmetrische Place aux Herbes an: In den Laubengängen haben sich Dutzende Restaurants und Boutiquen breit gemacht, auf dem Platz selbst spenden alte Platanen Schatten. Wahrzeichen der Stadt ist jedoch der Fenestrelle, ein romanischer Glockenturm, der nicht nur aufgrund seiner leichten Schlagseite stark an den schiefen Turm von Pisa erinnert.

Auf dem Weg zum Pont du Gard weichen wir der stark befahrenen D981 über eine kleine Südschleife auf der winzigen D212 aus. Den wohl bekanntesten Aquädukt der Welt ließ der römische Kaiser Claudius um 50 nach Christi erbauen. Er gilt als eines der Wunderwerke der Antike und ist eine der großen Sehenswürdigkeiten Frankreichs. Die enormen Ausmaße des Aquädukts - 300 Meter Länge und 50 Meter Höhe - beeindrucken vor allem, wenn man es vom Kanu auf dem Gardon aus betrachtet.

Burgen, Burgen, Brücken

Beaucaire ist unsere nächste Station: Schon von Weitem erblicken wir die Zitadelle des Grafen von Toulouse. Im prächtigen Burghof gibt es mehrmals täglich Falknervorführungen in prachtvollen, mittelalterlichen Kostümen. Wir rollen zum x-ten Mal über die mächtige Rhône, diesmal zum Schwesterort Tarascon. Keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt, bildet das Schloss von König René ein mehr als ebenbürtiges Pendant. Der wuchtige Komplex aus dem 13. Jahrhundert gilt als eines der schönsten Schlösser Frankreichs.

Wir kombinieren ein paar winzige Nebenrouten und schrauben uns ziemlich kraftraubend über das von Ginster gesäumte Val d'Enfer hinauf nach Les Baux de Provence. Die fast ein Kilometer breite Bilderbuchfestung thront auf einem nackten Felsrücken der Alpilles - der kleinen Alpen. 1822 wurde hier in der Gegend Bauxit entdeckt, und so bekam das befestigte Dorf seinen Namen. In der Burg nimmt der Touristenkitsch leider überhand.

"Sur le Pont d'Avignon, on y danse, on y danse..." - diesen Ohrwurm durfte wohl fast jeder schon mal in der Schule trällern. Die viel besungene Rhônebrücke Saint Bénézet umfasste früher 22 Bögen und eine Länge von 900 Metern. Heute sind nur noch vier Bögen übrig - die Hochwasser der Rhône haben den Rest längst hinfortgespült. Dennoch (oder besser deswegen) gilt sie als Wahrzeichen Avignons.

Auf der D980 ziehen wir weiter nordwärts. In Châteauneuf-du-Pape widmen wir uns dem körperreichsten Wein Frankreichs. Dieser ist Päpsten zu verdanken: Sie ließen die Weinberge des Nobelanbaugebiets ihrer Zeit anlegen. Das kleine Dorf ist ein einziger Weinkeller, Weinproben verführen überall zu einem Stopp.

Aber Vorsicht: Die Flaschen mit der Tiara und den Schlüsseln des heiligen Petrus, den Symbolen der Päpste, sind teuer. In den edleren Weinkellern beginnt die Preisliste bei 40 Euro pro Flasche. Aber auch für zwölf Euro lassen sich schon edle Tropfen erstehen. Die schmale, wellige D68 führt direkt durch die schönsten Hanglagen des Wein-Mekkas.

Zum Finale durch den Triumphbogen

In der Stadt Orange bleiben uns nur noch wenige Stunden, bis wir die Heimreise antreten müssen. Erneut ist der Besuch des Theaters ein angenehmes Muss, kein Geringerer als der Schöngeist Ludwig XIV. höchstpersönlich befand die Außenmauer als "die schönste Mauer des Königreichs".

Ein letztes Mal kratzen wir in einem Café - diesmal im Le Yaca mit Blick auf das antike Rund - den Milchschaum aus der riesigen Schale. Zum Finale rollen wir schließlich durch den antiken Triumphbogen von Orange. Dann verschwinden die Räder im Zug, und wir rattern wieder auf der sogenannten Route du Soleil, der Sonnenstraße - diesmal leider Richtung Norden.

Norbert Eisele-Hein, srt/abl
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