Regatta in Venedig Langsam paddeln ist Trumpf

Je langsamer, desto besser: Wenn im Mai Tausende Paddler und Ruderer über Venedigs Canal Grande ziehen, gibt es keinen Sieger. Mitmachen darf jeder, der sein Boot mit Muskelkraft in Schwung hält. Was nur wenige wissen - die Regatta Vogalonga entstand aus Protest.


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Vogalonga in Venedig: Hauptsache ohne Motor
Unter der Rialtobrücke packen die Schotten in ihrem Kanu den Dudelsack aus. "Amazing Grace" schallt es über den Canal Grande im Herzen Venedigs. "Sur le pont d'Avignon" erwidern die Franzosen, die ebenfalls auf dem Wasser unterwegs sind. Wenn am 23. Mai die Regatta Vogalonga ruft, schippern wieder Tausende Freizeitsportler aus ganz Europa auf einem 30 Kilometer langen Kurs durch Venedig. An dem Spektakel in der Lagunenstadt dürfen nur von Muskelkraft angetriebene Boote teilnehmen: also Kanus, Kajaks, Drachen- oder Ruderboote.

Um Punkt 9 Uhr donnert die Kanone am Markusplatz zum Start. Die Taubenscharen lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Aber rund 6000 Teilnehmer setzen ihre 1500 Boote in Bewegung. Als buntes Punktemeer ziehen sie über den Canal di San Marco vorbei an den Inseln Vignole und Sant'Erasmo. An der Insel Burano knickt der Kurs nach links ab und führt durch den Kanal der Glasbläserinsel Murano. Über den Canal Grande geht es zurück zum Markusplatz.

Die Einfahrt zum Kanal wird zum Nadelöhr. Auf dem Weg zur mächtigen Rialtobrücke wird das Spektakel dichter und dichter. Wer sich rechtzeitig einen Platz in einem der Cafés an der Brücke gesichert hat, genießt die besondere Aussicht. Die Fahrt unter dem Wahrzeichen der Stadt hindurch ist für viele Teilnehmer der Höhepunkt der Strecke. Einige Besatzungen halten inne, andere singen ein Lied oder recken die Paddel stolz in die Höhe. Rennruderer sind genauso dabei wie Tretbootfahrer oder lässige Genießer, die ihre Flöße aus Kanurümpfen gezimmert und Bier an Bord haben.

Mitmachen darf jeder

Die Vogalonga, übersetzt "lange Welle", findet seit 1974 statt und wächst jährlich. 2009 fand die Regatta unter schlechten Bedingungen statt, ein Sturm peitschte über die Lagune. Viele Sportler blieben an Land. Manche Wagemutige paddelten dennoch in den Regen hinein. Die Wellen ließen Dutzende Ruderer kentern, die Rettungskräfte waren im Dauereinsatz. Nur wenige schafften es unter diesen Umständen bis ins Ziel.

Dieses Jahr hoffen die Möchtegern-Gondoliere auf besseres Wetter. Mitmachen kann jeder, der sich die 30 Kilometer zutraut. Kinder unter 16 Jahren dürfen nur in Begleitung der Eltern mitfahren. Meldungen werden noch bis zum 22. Mai entgegengenommen. Die Teilnehmer reisen mit Bootsanhängern aus ganz Europa an. In Internetforen bilden sie Fahrgemeinschaften nach Italien, tauschen sich darüber aus, wo man am besten wohnen oder die Boote ins Wasser lassen kann.

Ganz ohne Training sollte sich aber niemand darauf einlassen. Mindestens acht Trainingsrunden zur Vorbereitung müssten es schon sein, empfiehlt Frank Dolze vom Darmstädter Ruderclub Neptun. Dolze war in Venedig schon oft am Start und und möchte Neulinge warnen: Wind und Wellen raubten in der Lagune leicht die Kraft. Geschwindigkeit zählt bei der Vogalonga ohnehin nicht wirklich. Eine Medaille bekommt jeder, der den Markusplatz erreicht. Langsam paddeln gehört sogar zum guten Ton.

Protest gegen Raser

"Vielen Venezianern geht es darum, die Motorschifffahrt für einige Stunden lahmzulegen", erklärt Plinio Zanini vom Venezianischen Ruderclub Voga Veneta Mestre. Die Vogalonga ist aus einer Protestbewegung gegen die unreglementierte Motorschifffahrt heraus entstanden, erklärt er. "Immer mehr Boote rasten immer schneller durch die Kanäle", erinnert sich Zanini. Die Bugwellen hätten am Fundament der Stadt genagt. "Die Restaurierung kostet Millionen."

Zanini und seine Vereinskameraden rudern die Regatta traditionell im Stehen. Ihre Holzkähne in den Vereinsfarben Blau und Orange sind mit dem gleichen Metallbeschlag verziert wie die Gondeln, die am Markusplatz auf Touristen warten. Er symbolisiert den S-förmigen Canal Grande. Zacken stehen für die sechs Stadtteile und für die Kanäle dazwischen.

Längst gelten Tempolimits auf den Kanälen, und Nummernschilder für Motorboote sind Pflicht. Maximal 20 km/h dürfen Schiffe fahren, oft ist auch nur Tempo elf, sieben oder fünf angesagt. Radarfallen überwachen die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Während der Regatta ist die Lagune für die Motorschifffahrt gesperrt. Venedig kann einmal durchatmen. "Bootsfreunde aus ganz Europa helfen bei diesem stillen Protest", sagt Plinio Zanini. Die meisten würden die Geschichte hinter der Vogalonga aber nicht kennen.

Daniel-Patrick Görisch, dpa



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