Reisehorror Stinke ich?

Peter Fischer hatte sich auf diese Reise gefreut. Denn nächtliche Bahnfahrten bringen dem Computer-Experten eigentlich Spaß. Bei der Ankunft war der Mann völlig verunsichert.


Der Bahnsteig auf dem Hamburger Hauptbahnhof war leergefegt und der Zug kam pünktlich. Und so freute ich mich auf eine ruhige Fahrt nach München in einem leeren Abteil. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass unterwegs noch jemand zusteigen und dann ausgerechnet in meinem Zweierabteil landen würde, schätzte ich als eher gering ein.

Ich nahm im ebenso unbesetzten Speisewagen ein Bier, las etwas in Zeitschriften und ging bei Bremen zu Bett. Schlafend ans Ziel - ich halte diese Form des Reisens für ziemlich ideal; ich sitze nicht gerne am Tag in irgendwelchen Großraumwaggons oder auf Flughafen-Gates herum. Das leichte Geschaukel über den Gleisen stört mich nicht, im Gegenteil: es hat etwas von Mutter Wiege.

"Ich suchte eine Axt, um das nicht zu öffnende Fenster auszuschlagen"
REUTERS

"Ich suchte eine Axt, um das nicht zu öffnende Fenster auszuschlagen"

Ankunft in München am nächsten Morgen um kurz nach sieben, also Aufstehen für kurz nach sechs, eine Uhrzeit, mit der man leben kann. Als der Zug Hannover erreichte, hatte ich schon geschlafen. Es machte Rumms und eine Gestalt stürmte ins Abteil.

Ich lag zur Wandseite gewandt und war trotz der plötzlichen Ruhestörung geneigt, mich augenblicklich mit den neuen Umständen abzufinden. Nun gut, ein Zweierabteil eben, man spart Geld für andere Dinge. Und es handelt sich ja sowieso nur um ein paar Stunden.

Doch dann erschrak ich. Kaum war der Unbekannte eingetreten, machte sich ein undefinierbarer aber ekliger Geruch im Raum breit. Ich drückte mir auf der Stelle die Bettdecke vor die Nase und lauschte gebannt, wie sich diese Person auch noch zu entkleiden begann und seine Habe womöglich noch an dieselben Haken hängte, wo sich mein Anzug befand.

Ich war froh über das kleine Badezimmer, das zu jedem Abteil gehörte - die Qual würde also aller Voraussicht nach in wenigen Minuten ein Ende haben. Vielleicht hatte der Mann ein hartes Bewerbungsgespräch hinter sich gehabt, vielleicht war er aber auch seit Wochen auf der Flucht und von Königsberg oder dem Ural quer durch die Wälder marschiert, immer mit dem Ziel vor Augen, in Hannover nächtens einen Schlafwagen zu besteigen, um sich endlich mal wieder waschen zu können.

Der Zug fuhr schon längst wieder und sollte vor Augsburg nicht mehr halten. Eigentlich war ich fest dazu entschlossen, sofort auszusteigen, ja, auch mitten in der Nacht im Niemandsland, zumindest wollte ich das Abteil wechseln. Denn dieser Mensch dachte gar nicht daran, mich von seinem offenbar in Monaten mühsam angeschwitzten Gestank zu befreien, sondern stieg mit einem hurtigen Schritt in das obere Bett.

Vielleicht war der Mann aber unheilbar an einem besonders heimtückischen Transpirationsvirus erkrankt und litt selber einsam vor sich hin. Vielleicht würde ich den Mann geradewegs in den Selbstmord treiben, wenn ich jetzt meine Sachen packte.

Also hielt ich durch und bekam kaum ein Auge zu. Ich stellte mir vor, wie ein ekelhaft grünlicher Dampf durch die Ritzen der Abteiltür nach draußen zog, und hoffte im Stillen darauf, dass ein beherzter Mensch die Notbremse zog, um die nächstbeste Feuerwehr zu holen. Derweil schnarchte mein Abteilgegner friedlich Richtung Bayern.

Irgendwann schlief ich ein, die Decke bis zur Erstickungsgrenze über mir zusammengezogen. Gegen fünf trällerte sein Wecker. Ich stellte mich schlafend, als ich ihn beim Anziehen aus dem Augenwinkel heraus musterte: Ein Schwein mit Bart und Brille und blauem Pulli. Darüber ein Anorak.

Keine zwei Augenblicke später war der Spuk vorbei, der Mann aus dem Abteil und ließ mich alleine mit dem bestialischen Gestank. Ich suchte eine Axt, um das nicht zu öffnende Fenster auszuschlagen. Unter der Dusche seifte ich mich ohne Ende.

Wenigstens war er jetzt weg. Auf dem Weg zum Frühstück näselte ich an meiner Kleidung, inzwischen besorgt um meine Erscheinung bei einem bevorstehenden Geschäftstreffen. Penetranter Schweißgeruch - das fehlte noch! Es ging schließlich um viel Geld.

Als ich den Speisewagen zum Frühstück betrat, war dieser zu meinem Erstaunen plötzlich voll besetzt. Wo kommen die denn alle her, dachte ich vor mich hin, als ich mich beim Büfett bediente, inzwischen wieder in der Lage zu allgemeinen Überlegungen. Nirgendwo war ein Platz frei - doch dort, der Vierertisch, war nur von einer Person belegt.

Ich versicherte mich durch Nachfrage und erschrak: Er brauchte gar nicht erst den Mund aufzumachen, damit ich ihn am Gestank erkannte. Mein mit Appetit zusammengestelltes Frühstück: Ich bekam keinen Bissen herunter und starrte apathisch aus dem Fenster.

Als der Stinker aufstand, um vor seinem Aussteigen in Augsburg die Stirn zu besitzen, mir "weiterhin eine gute Fahrt" zu wünschen, wäre ich ihm fast an die Gurgel gegangen.

Als ich in München ausstieg, bereute ich es, nicht noch einmal geduscht zu haben. Stunden später saß ich drei Geschäftspartnern beim Essen gegenüber. Mir war, als ob sie sich abwechselnd die Nase rümpften. "Stinke ich immer noch nach ihm?", fragte ich mich, während ich Firmenpläne erläuterte. Zurück nach Hamburg nahm ich dann den Flieger.



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