Reisespeisen Baltischer Halbmond

Ein Hauch Orient in Litauen: In Trakai gibt es seit Jahrhunderten eine Gemeinde turkstämmiger Karäer. Nur wenige sind übrig. Doch bis heute haben sie ihre Sprache und Religion bewahrt. Und auch das Rezept für die ganz speziellen Kibinai.

Von Dominik Fehrmann


Morgenland sieht anders aus: Ein eisiger Wind weht durch Trakais schmale Straßen und über eine geschlossene Schneedecke hinweg; wie arktische Hügelgräber liegen die umgedrehten Holzboote am Ufer des Galve-Sees. Mitten im See ragt Trakais Wahrzeichen empor, die rote Backsteinfestung, Osteuropas einzige Inselburg. Doch was heißt hier "Inselburg"? Der See ist zugefroren, ein Ring aus Eis und Schnee umschließt die Festung, und ein paar Vermummte stapfen geradewegs hinüber, vorbei an der unnützen Brücke.

Womöglich ist Jelena Spakowskaja genau deshalb hier. Weil die Burg im Winter so schutzlos daliegt. Jedenfalls wurden Jelenas Vorfahren einst der Burg wegen nach Trakai verbracht. 1392 siedelte der Burgherr, der litauische Großfürst Vytautas, gegenüber der Festung einige hundert karäische Familien an. Die turkstämmigen Karäer waren ihm bei einem Feldzug gegen die Goldene Horde auf der Krim in die Hände gefallen. In seiner Residenzstadt Trakai gewährte Vytautas ihnen Handels- und Religionsfreiheit. Im Gegenzug dienten sie ihm und seinen Nachfolgern als Leibwache.

Alles dreht sich um Kibinai

Längst ist das Großfürstentum Geschichte, Trakai ein Provinznest und die Festung ein Museum, das allenfalls noch den Ansturm der Touristen bewältigen muss. Die Karäer aber sind immer noch da. 65 von ihnen leben heute noch in Trakai. Allesamt dort, wo die hiesigen Karäer seit jeher leben, in der Karäerstraße nämlich, der Verlängerung der Hauptstraße. Schon unter Vytautas eine strategisch günstige Lage: Wer zur Festung wollte, musste durch die Karäerstraße und kam an den Karäern vorbei.

Von dieser Lage profitiert Jelena noch heute. Denn die Touristen, die zur Inselburg unterwegs sind, kommen unweigerlich die Karäerstraße hinauf. Und damit an Jelenas Restaurant vorbei. Und wer dann im "Kybynlar" einkehrt, lernt diverse Spezialitäten der karäischen Küche kennen: kalte Gurkensuppe, Köfte oder Schaschlik. Im Grunde aber – der Name des Restaurants verheißt nichts anderes – dreht sich hier alles um Kibinai. Teigtaschen mit einer Lammfleischfüllung. Das karäische Nationalgericht.

"Für unsere Kibinai sind wir berühmt", sagt Jelena. "Weit über Trakais Grenzen hinaus." Dabei sind Kibinai eine Alltagsspeise und im Prinzip auch einfach zuzubereiten. Im Prinzip. Es komme auf Kleinigkeiten an, behauptet Jelena. Auf die genauen Zutaten und Mengenverhältnisse. Die kennt sie von ihrer Mutter. Denn das Rezept für Kibinai wird bei den Karäern seit jeher vererbt. Und nicht ohne Weiteres preisgegeben. Auch wegen möglicher gastronomische Konkurrenz, räumt Jelena ein, während sie vorführt, wie die Teigtaschen dekorativ verschlossen werden. "Aber es geht auch um den Schutz unserer kulturellen Identität".

Nachfahren eines Turkvolkes von der Krim

Nicht nur Jelenas Kibinai machen die Karäerstraße zum Zentrum der karäischen Kultur. Hier finden sich noch viele der typischen bunten Holzhäuser mit den drei straßenseitigen Fenstern, von denen je eines – so die Legende - Gott, dem Großfürsten und dem Gast gewidmet ist. In der Karäerstraße steht auch die Kenesa, das karäische Gotteshaus. Daneben ein kleines Museum. In Vitrinen sind hier Krummdolche und Wasserpfeifen zu sehen, auch traditionelle Gewänder, wie sie die Karäer heute noch an Festtagen tragen. An den Wänden hängen alte Fotografien von Männern mit Fes; Texttafeln erläutern die verworrene Geschichte dieser Volksgruppe.

Der Ausdruck "Karäer" bezeichnete ursprünglich eine Religionsgemeinschaft, die sich im 8. Jahrhundert vom Judentum abgespalten hat. Sie lehnt den Talmud ab und hält sich allein an das geschriebene Wort der Thora. Im Mittelalter breitete sich der karäische Glaube auch im Schwarzmeerraum aus. Die litauischen Karäer sind Nachfahren eines Turkvolks von der Krim, das damals diesen Glauben annahm. Im Gegensatz zu den Karäern in Israel verstehen sie sich nicht als jüdische, sondern als eigenständige Religionsgemeinschaft und werden auch von den Juden als solche angesehen. Ein Umstand, der ihnen im Zweiten Weltkrieg das Schicksal der meisten litauischen Juden ersparte, von denen nur wenige die Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebten.

Karäisch wird aussterben

Der Assimilation dagegen konnten die litauischen Karäer nicht entgehen. Als Volksgruppe drohen sie heute zu auszusterben. Nur noch einige versprengte karäische Gemeinden gibt es, in Polen, Weißrussland, der Ukraine. In ganz Litauen leben gerade noch 237 Karäer, die meisten in Trakai und der Hauptstadt Vilnius. Dort gibt es auch noch eine Sonntagsschule, in der eine Hand voll karäischer Kinder die Sprache ihrer Vorfahren lernen. Nur noch wenige Karäer sprechen heute fließend Karäisch, eine ursprünglich in hebräischen Lettern geschriebene Turksprache. Sie wird wohl - so sagen Linguisten - in wenigen Jahrzehnten ausgestorben sein.

Die Kibinai dürften länger überleben. Schon jetzt sind sie das erfolgreichste karäische Kulturgut. In Vilnius bekommt man sie für ein paar Litas an jeder Ecke. "Kibinai?", sagt Jelena und schüttelt den Kopf. "Den Teig machen sie ohne Hefe, und die Füllung aus billigem Schweinefleisch." Das seien gleich zwei Sünden. Denn Hefe brauche es für die Lockerheit des Teigs, und Schweinefleisch habe schon aus religiösen Gründen in Kibinai nichts verloren. Wer echte Kibinai sucht, kommt an den Karäern in Trakai einfach nicht vorbei.



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