Reisespeisen Die verrückten Yanks von Dingle

Guinness-Eis oder lieber Champagner-Sorbet? Bei Murphy's im irischen Örtchen Dingle gibt es das beste Eis der Welt. Das behaupten zumindest die Gebrüder Murphy - um ihre neuartigen Eiskreationen zu verwirklichen, nahmen sie sogar ein Hausverbot im benachbarten Pub in Kauf.

Von Sascha Klettke


"Ich war Marketingmanager in der Computerbranche und sehr unglücklich", sagt Kieran Murphy - und grinst zufrieden. Der gebürtige US-Amerikaner steht in seiner kleinen Eisfabrik am Rande der irischen Kleinstadt Dingle. Dort rührt er heute das Eis zusammen, das seinen Namen trägt: Murphy's. Klassische Sorten sind im Angebot wie Schokolade und Vanille, aber auch exotische wie Guinness oder Brown-Bread.

Knapp drei Kilometer entfernt von der kleinen Fabrik wird das Eis verkauft. Die Filiale an der Hauptstraße des Urlaubsorts im Südwesten Irlands ist das Reich von Kierans Bruder Sean. Vor dem Tresen stauen sich die Kunden, die erst einen Löffel Eis zum Probieren gereicht bekommen und dann tief in die Tasche greifen müssen. 3,50 Euro kostet eine Kugel, Champagner-Sorbet sogar fünf Euro.

Die Geschichte von Murphy's Ice Cream begann vor rund zehn Jahren. Kieran Murphy nahm sich eine berufliche Auszeit, und seine Eltern, die irische Vorfahren haben, schickten ihn nach Dingle. Er sollte ein Haus kaufen, in dem sie nach der Pensionierung leben wollten.

Irland wie im Bilderbuch

Auf der Halbinsel Dingle wird das irische Klischee lebendig: Die Hügel sind bedeckt mit grünen Wiesen, auf denen Kühe weiden. Schroffe Klippen fallen steil ins Meer ab, und die Brandung des Atlantiks schlägt an Sandstrände. Der Ort Dingle ist ein Fischerort, den ein Film und ein Tier zur Touristenattraktion gemacht haben. Anfang der Siebziger wurde der mit zwei Oscars prämierte Film "Ryan's Daughter" in der Gegend gedreht. Seit 25 Jahren hat sich der Delfin Fungi die Bucht von Dingle als Bleibe ausgesucht. Seitdem schwimmt er dort fröhlich herum und springt mit bemerkenswerter Ausdauer neben den Touristenbooten aus dem Wasser.

Kieran Murphy ging noch einmal in die USA zurück. Doch nach einem halben Jahr war ihm klar, dass er sein Leben umkrempeln wollte. Er plante, in Dingle einen Eisladen zu eröffnen - mit seinem Bruder Sean. Der fragte in Deutschland nach, wie seine Kollegin Wiebke die Idee findet. Die beiden arbeiteten damals bei einer deutschen Naturkosmetikfirma, hatten sich auf einer Außendiensttagung kennengelernt und verliebt. Wiebke guckte sich Dingle an und sagte Ja.

Dann begannen die Experimente für das "beste Eis der Welt". "Normalerweise denkt ein Eisproduzent: Welche Zutaten kann ich nehmen, wenn eine Kugel einen Euro kostet? Unser Ansatz war: Wir machen das Eis aus den besten Zutaten und gucken dann, was es kosten muss", erklärt Sean Murphy.

Es sei in der Anfangsphase gar nicht so einfach gewesen, Lieferanten zu finden, die in das abgelegene Dingle verkaufen wollten. "The crazy Yanks in Dingle" hätten die Vertreter sie genannt - zum Beispiel wenn sie kein günstiges Eigelb in Plastiktüten kaufen wollten, sondern frische Eier. Inzwischen verhandeln selbst Supermarktketten mit den Murphy-Brüdern: Sie wollen deren Eis in die Tiefkühltruhen der Läden stellen. Doch Murphy's Icecream gibt es nur in Murphys eigenen Cafés in Dingle und Kilkenny und in einigen irischen Feinkostläden zu kaufen.

Vollwertkost und Marketing-Profis

Dass aus der Idee zweier Job-Aussteiger ein wirtschaftlicher Erfolg wurde, liegt wohl daran, dass die Murphys eine nicht allzu häufige Kombination vorweisen können: anthroposophische Erziehung plus Wirtschafts-Knowhow. Ihre Mutter legte viel Wert auf gesunde Ernährung. Zu Hause gab es Vollwertkost aus Biozutaten und anschließend leckeren (und kalorienreichen) Nachtisch. Der Vater arbeitete in einer anthroposophisch orientierten Firma, die Söhne gingen auf die Waldorfschule.

"Das alles hat uns geprägt", sagt Sean Murphy. Und so schwärmen er und sein Bruder von der naturbelassenen Milch der Kerry-Kühe und von den mehr als ein Dutzend Schokoladeneissorten, die sie schon kreiert haben. Und wenige Sätze später analysieren sie aus dem Blickwinkel der Marketing-Profis, warum sie das teure Eis verkaufen können.

"Mit dem Wirtschaftsaufschwung Ende der neunziger Jahre gab es in Irland plötzlich eine Nachfrage für Lifestyle-Produkte, aber kaum Angebote", erklärt Sean Murphy. In diese Lücke seien sie gestoßen. Und seine Frau Wiebke erklärt, dass Eis als Leckerei für Erwachsene in Irland nahezu unbekannt gewesen sei: "Eis war etwas für Kinder, für die gab es Softeis aus der Tüte."

Wiener Sacher-Torte nach Kieler Rezept

Wiebke Murphy kommt ursprünglich aus Lübeck. Für sie ist eine eigene Rubrik auf der Speisekarte der beiden Läden von Murphy's Icecream reserviert - für ihre selbstgebackenen Kuchen und Torten. Ihre Spezialität ist eine Sacher-Torte nach dem Rezept ihrer Kieler Tante. Inzwischen haben sich ihre Backkünste herumgesprochen: Das Fünf-Sterne-Hotel in Dingle vermittelt Hochzeitspaare an die Deutsche, damit sie ihnen die Torte für die Feier backt.

In den Sommermonaten ist Dingle ein quirliger Ort: Jeden Tag kommen Touristenbusse an, auf der Durchfahrtsstraße ist Stau, und vor dem Eisladen bummeln jede Menge Passanten vorbei. Doch jetzt, wenn es Herbst wird, verwandelt sich der Ort wieder in ein großes Dorf, in dem die Einheimischen die Mehrheit in den Pubs bilden. "Diese Mischung aus viel Trubel im Sommer und der Ruhe im Winter ist, was das Leben hier für mich so angenehm macht", sagt Sean Murphy, "eigentlich bin ich kein Dorf-Typ."

Die Touristensaison prägt auch das Eisgeschäft: 90 Prozent des Jahresumsatzes machen die Murphys im Sommerhalbjahr, das Winterhalbjahr bringt den kümmerlichen Rest. Dann aber haben Kieran Murphy und seine Mitarbeiter endlich Zeit, neue Sorten zu erfinden. Und dafür ist ihnen fast kein Aufwand zu groß.

Pub-Verbot wegen Biermissbrauchs

Beim Guinness-Eis zum Beispiel musste der richtige Umgang mit dem irischen Nationalgetränk erst geübt werden. Das Problem: Wenn das Bier im Originalzustand zum Eismachen verwendet wird, wird das Eis zu wässrig. Die Lösung, die die Murphys nach einigem Herumprobieren gefunden haben: Das Bier wird erhitzt, so dass zwei Drittel der Flüssigkeit verdunsten. Das passiert jetzt auf einer Kochplatte mitten in der Fabrik. "Hier stinkt alles nach Guinness, wenn wir es einkochen", sagt er.

Am Anfang hatte die Bier-Eis-Produktion für ihn auch persönliche Folgen: "Als die Wirtin des benachbarten Pubs erfuhr, dass ich ein von ihr gezapftes Pint ins Eis gekippt habe, war sie entsetzt. Ein paar Monate lang durfte ich mich da nicht blicken lassen." Inzwischen hat Kieran Murphy aber kein Hausverbot mehr in den Kneipen von Dingle - wenn die langen Winterabende kommen, ist das wohl auch besser so.

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