Abenteuerparks in Snowdonia Wild in Wales

Rasante Zip-Lines, unterirdische Klettersteige, Monsterspinnenhöhlen: Mut zum Adrenalinschub braucht, wer Snowdonias alte Steinbrüche auf ziemlich ausgefallene Art erkundet.

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Gerade noch sahen wir aus wie Kampfpiloten, im roten Overall und weißen Helm, um die Brust ein Zwitter aus Klettergurt und Metzgerschürze. Doch nun ist jeder Stolz passé. Bäuchlings liegen wir auf Pritschen, bestens gelaunte Waliser zurren uns mit Gurten fest und klicken uns mit Karabinern in Stahlschlitten. "Drei, zwei, eins - und los!", schreit jemand. Kopf voraus schießen wir am Stahlseil der Zipline über türkisfarbenes Wasser.

Könnte eine Lagune in der Südsee sein, denke ich im kurzen Flug, oder ein Gletschersee in Patagonien - wären da nicht die grauen Stufen ringsum. Sie sind die Reste des größten Schiefertagebaus der Welt. Wobei Reste nicht ganz korrekt ist, schließlich ist der Penrhyn-Steinbruch noch aktiv - als einer der letzten in Wales.

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Mit 190 km/h durch den Steinbruch: Atemlos durch den Park

Schiefer war hier im 19. Jahrhundert der Exportschlager. Steinplatten wurden als Dachziegel, Schreibtafeln, Grabsteine und sogar als Billardtische in alle Welt verkauft. Bis erst der spanische, dann der chinesische Schiefer billiger waren und die Minen in den Sechzigerjahren schlossen. Nun kommt neues Leben in den alten Tagebau. Mit viel Geld verwandeln Unternehmer die Industriebrachen in Abenteuerspielplätze. Und die Neugierigen strömen trotz hoher Preise herbei.

"Die schnellste Zipline der Welt" versprechen Monitore im Besucherzentrum, mit 190 km/h soll ein Ex-Rugbyspieler die Velocity 2 hinabgerast sein, erzählt eine Angestellte. Das zieht. Im 20-Minuten-Rhythmus werden Gruppen gewogen, eingekleidet und in Lastern zur Startrampe gekarrt.

Wie die Netze einer Monsterspinne

Geschaffen hat die Anlage Sean Taylor, ein Armee-Veteran aus der Gegend. Vor zwölf Jahren steckte er sein Geld in einen Hochseilgarten, ein paar Jahre später startete er mit zwei Freunden Zip World. 251 Millionen Pfund seien allein in den vergangenen fünf Jahren investiert worden, sagt Firmensprecherin Joanna Perrin. Die Regierung von Wales schoss großzügig Geld zu. Im Sommer arbeiten mittlerweile 500 Menschen - vor allem Nordwaliser - an den drei Standorten.

Die Gäste kämen vor allem aus Mittelengland, Familien ebenso wie Junggesellenabschiede, sagt Perrin. "Vor ein paar Tagen sauste eine 91-Jährige die Velocity 2 hinab." Ob die betagte Dame sich auch in die Schieferhöhlen gewagt hat, ist fraglich. In den unterirdischen Minen bei Blaenau Ffestiniog hat Zip World einen noch schrägeren Spaßpark gebaut.

Durch einen niedrigen Stollen gehen wir in den Berg, bis sich eine Höhle öffnet, in die scheinbar eine Monsterspinne ihre Netze gespannt hat. Angestrahlt von buntem Scheinwerferlicht und angefeuert von Partymusik, hüpfen Kinder und Eltern durch die Trampoline, die in mehreren Ebenen übereinander und nebeneinander gespannt sind. Dazwischen kriechen sie durch Netzgänge oder gleiten Rutschen hinab.

Nur eines geht kaum auf den wackligen Netzen: still stehen. Und so sind wir schon nach einer Viertelstunde durchgeschwitzt, obwohl es in der Höhle kühl ist. Zum Glück geht es nicht nur uns so: Bald liegen die ersten Kinder mit ausgestreckten Armen in den muffig riechenden Netzen.

Der erste Aufprall ist hart

Zeit für ein Mittagessen, natürlich serviert auf Schieferplatten, bevor es zurück in die Höhle geht, zum unterirdischen Klettersteig. Die Einweisung ist lang und gründlich, denn diesmal müssen wir allein durch den Parcours. Ein junger Bärtiger erklärt, wie man das Klettergeschirr anlegt, wie man den Gurt mit dem Sicherungsbügel durchs Stahlseil führt und wie man den Minischlitten korrekt auf die Zipline setzt. "Aussteigen könnt ihr nur im Notfall."

Im Halbdunkel tapsen wir auf Stahlbügeln und Trittstangen die Schieferwand entlang, die Diskomusik lärmt, die Kinder in den Trampolins jauchzen. Auf der Plattform hängen wir den Schlitten ins Stahlseil, lassen uns in den Gurt sacken und rutschen los, quer über den Abgrund zur nächsten Plattform.

Der erste Aufprall ist noch hart, aber die Wand ist gepolstert, und bald haben wir die Landung raus. Von Höhle zu Höhle geht es weiter, durch Stollen kriechend, über Hängebrücke und Stahlseil balancierend, sich unter einer Affenleiter hindurch hangelnd. Verglichen mit Klettersteigen in den Alpen ist das außergewöhnlich.

"Zip World hat bereits Pläne für eine alte Kohlemine in Südwales", sagt Perrin, in den kommenden Jahren soll sie zur nächsten Adrenalinfabrik umgebaut werden. Und im Penrhyn-Steinbruch können die Gäste bald in dreirädrigen Carts die Serpentinen hinab rasen. Das Imperium muss investieren. Denn die Konkurrenz ist umtriebig.

Hochdrücken, aufspringen, Balance halten

Adventure Parc Snowdonia heißt der Herausforderer. Dessen Spaßpark steht in Dolgarrog an der Nordostgrenze des Nationalparks. Die Industriellenfamilie Ainscough hat hier eine alte Aluminiumfabrik gekauft, abgerissen und an ihrer Stelle 2015 eine Surflagune mit laufender Welle eröffnet: ein lang gezogenes Becken, in dessen Mitte ein schmaler Steg auf dünnen Stahlträgern verläuft.

"Das ist wie ein Skilift, der einen großen Schneepflug durchs Wasser zieht", sagt Tom Kenyon. Der 31-Jährige ritt schon als Junge die Wellen vor den Hebriden. Seit vier Jahren arbeitet er als Surflehrer im Adventure Parc Snowdonia. Natürlich lerne man hier nicht, unter Wellen hindurchzutauchen oder sie draußen auf dem Meer zu lesen, sagt Kenyon. "Es ist einfach nur ein schöner, spaßiger Point Break."

Surflehrer Tom Kenyon
Florian Sanktjohanser/ TMN

Surflehrer Tom Kenyon

Mit ein paar Schlägen paddeln wir hinaus zu dem Plastikriff, wo die Welle alle 90 Sekunden bricht. Als der Pflug durch den Mittelkanal schiebt, springen zuerst die Profis auf die heranrollende Welle, dann sind wir dran. Die Gischt schießt über die Schultern, die Welle erfasst das Brett. Hochdrücken, aufspringen, Balance halten. Und, wie Kenyon es uns eingeschärft hat: rechtzeitig vor dem Beckenrand rückwärts abspringen.

Damit auch im Winter Gäste kommen und am besten mehrere Tage bleiben, gibt es eine neue Halle. Geschützt vor dem walisischen Regen kann man hier durch einen Klettersteig unter dem Dach kraxeln, in Fiberglashöhlen robben, über einen Ninja-Parcours springen. Und, wie bei Zip World, draußen an Stahlseilen über die Lagune fliegen.

Ganz so autobahnschnell wie im Penrhyn-Steinbruch jagt man allerdings nicht dahin, und das Wasser ist eher braun als türkis. Dafür könnte man durch den Schleier des Nieselregens fast denken, dass auf dem Hügel hinter der Lagune tropischer Regenwald wächst - wenn man die Augen nur etwas zukneift.

Florian Sanktjohanser, dpa/ele

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