Inseltipp in Norwegen Beim Cowboy der Meere

Das Cornelius Restaurant ist nur per Boot erreichbar, es liegt auf einer winzigen Insel vor Bergen. Der Besitzer serviert raffinierte Meeresspeisen - und gesalzene Geschichten.

Cornelius Restaurant

Von Alva Gehrmann


Alf Roald Sætre posiert breitbeinig im Meer stehend mit Cowboyhut und einem Hummer im Arm, während sein Kompagnon mit halbnacktem Oberkörper einen prächtigen Dorsch wie eine Hantel hochstemmt. Blut rinnt seinen Arm herunter.

Vielleicht ist es dieses Foto auf dem Flyer, das kurz vor 18 Uhr rund 50 Gäste in den Hafen von Bergen gelockt hat. Denn es verheißt, dass das Restaurant Cornelius irgendwie besonders sein muss. Oder ist es schon Attraktion genug, dass das Restaurant nur mit dem Boot erreichbar ist?

Rund 20 Minuten dauert die Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitskatamaran durch den Schärengarten im Westen Norwegens. Dann ist die winzige Insel Holmen in Sicht - und Sætre, der schon am Steg auf seine Besucher wartet. Er sieht tatsächlich ein bisschen aus wie Indiana Jones. Und ähnlich abenteuerlich sind auch seine Geschichten, die er gleich erzählen wird.

Der 63-jährige Norweger trägt eine ausgewaschene Jeans, einen roten Pullover, darüber eine blaue Steppweste und sein Markenzeichen, den Cowboyhut. Sein "Krustenfisch-Vortrag" ähnelt eher einer Stand-up-Show, von der man - wie Sætre selbst sagt - nicht alles glauben sollte. Wahr ist, dass er das Restaurant nach seinem Großvater benannt hat und es die Männer seiner Familie schon in dritter Generation aufs Meer hinauszieht.

Der Muschelmann und sein Mädchen

In 40 Minuten erzählt er von seiner wechselreichen Karriere auf den Meeren dieser Welt, von seinem lukrativen Patent für Austernschalen, finanziellen Rückschlägen und der Faszination für diese private Insel. "Ich war schon früh an Holmen interessiert, doch der Besitzer wollte die Insel nicht verkaufen", sagt Sætre und fügt hinzu: "Er hatte auch eine hübsche Tochter." Allerdings schnappte ihm diese ein Freund weg.

Also zog Sætre zunächst in die Ferne. Er baute Aquafarmen in Seattle auf, arbeitete als Lotse für ein U-Boot der Ölindustrie und fischte wie schon seine Vorfahren Meeresfrüchte. "Ich traf dann ein anderes Mädchen, das war auch okay." 17 Jahre später starb der Freund bei einem Unfall. "Also war das Mädchen wieder zu haben. Ich fuhr eines Tages zu ihrem Haus; es war ein fantastischer Anblick." Man merkt, dass er diese Story nicht zum ersten Mal erzählt. Seine Gäste stört das nicht, sie schlürfen vergnügt ihren Champagner.

Der "Cowboy der Meere", wie Sætre scherzhaft genannt wird, eroberte das nun nicht mehr ganz so junge Mädchen und bekam dazu seine Trauminsel. Nur ein Haus stand auf dem felsigen Eiland im Schärengarten, das kleiner als drei Fußballplätze ist. Zuerst vermietete das Paar das Haus, irgendwann entstand mit einem Kompagnon die Idee für das Meeresfrüchte-Restaurant. In der ersten Saison kamen 30 Gäste, rund zwölf Jahre später sind es schon jährlich 20.000.

Nach der Show und einer kurzen Lektion zum vergleichsweise geruhsamen Leben von Austern, Muscheln und Lachsen geht es zum Dinner ins Restaurant. Durch die Glasfronten hat man einen Blick auf die anderen Inseln, gelegentlich schippern Jachten und kleine Boote vorbei. "Auch nach all den Jahren kann ich mich an der Aussicht nicht sattsehen", sagt Sætre und setzt sich auf einen Fensterplatz.

Seegras zum Würzen

Der Norweger ist ein cleverer Geschäftsmann, seinen Vortrag hat er nach eigenen Angaben schon über tausend Mal gehalten. Und dennoch wirkt seine Leidenschaft für die Region und die Meeresfrüchte echt. Auf seiner Visitenkarte steht nicht etwa "Inhaber", sondern "Skjellmannen", also "Muschelmann".

Die gebratenen Jakobsmuscheln, die es gleich zur Vorspeise geben wird, hat er selbst gefangen. Fast jeden Tag fährt er mit seiner Jacht raus, um die Delikatesse zu begutachten und bei Bedarf einzusammeln. "Die Muscheln wachsen 10 bis 20 Jahre, sie sind für mich wie Kinder." Er rückt mit seinen rauen Fingern den Hut zurecht. "Wir tauchen bis zu 25 Metern tief und sammeln die ausgewachsenen Muscheln per Hand ein." Beim letzten Mal hätten sie 1200 mit zur Insel gebracht.

Diese Meeresfrüchte stehen meist auf der Tageskarte. Was es ansonsten am Mittag oder Abend im Restaurant gibt, hängt vom jeweiligen Fang der Zulieferer ab. Als Gast bucht man im Vorfeld einfach nur das "Meteorologische Menü", inklusive Bootsfahrt ab 845 Norwegischen Kronen (91 Euro). Heute gibt es als Vorspeise gebratene Jakobsmuscheln mit Himbeeressig-Sirup, blanchierten Zuckerschoten und pürierten Jerusalem-Artischocken.

"Wir wollen immer Neues schaffen", sagt Sætre. Er springt auf und holt Seegras aus der Küche, geröstet und in kleine Stücke geschnitten. "Unser Chefkoch Steffen benutzt es manchmal statt Salz", sagt er, öffnet das Einmachglas und reicht es herum. Sætre holt nun seinen Chefkoch dazu und verabschiedet sich.

Die Trauminsel blieb übrig

"Ich habe das Seegras hier an unserem Pier rausgeholt", sagt Steffen Romerheim. Wo der Inhaber gerade weg ist und selbst meint, man solle ihm nicht alles glauben: Stimmt das wirklich mit den 1200 handgefischten Muscheln? "Ja", bestätigt sein Chefkoch. "Ich war selbst mit dabei. Zuletzt sammelte er mit einem Kollegen sogar 2600. Unser Essen kommt wirklich aus diesen Fjorden."

Auf der anderen Seite ihrer Insel fand Romerheim Blätter des wilden Knoblauchs, mit denen er den Hauptgang würzte. Im Herbst wird er Blaubeeren sammeln. Heute gibt es zum Nachtisch Rhabarberkompott und Mandelkuchen.

Kurz bevor der Katamaran die Gäste wieder nach Bergen bringt, zeigt der Muschelmann noch seine Jacht, die am Ende des schmalen Piers liegt. Sie ist sein zweites Zuhause, manchmal ist er drei Tage auf dem Meer. Was er in seiner Showeinlage nicht erwähnt: Er ist mit dem Mädchen nicht mehr zusammen. Aber man sollte die Wahrheit nie eine gute Story ruinieren lassen. Was ihm bleibt, ist die geliebte Insel.


Rezept: Gebratene Jakobsmuscheln mit Himbeeressig-Sirup

Zutaten für 6 Personen: 6 Jakobsmuscheln, 6 große Topinambur-Knollen, 12 Zuckerschoten, 3 Radieschen, eine Frühlingszwiebel, 100 g Sahne, 100 ml Himbeeressig, 40 g Zucker, 200 g Butter, Öl, Salz und Pfeffer.

Zubereitung: Für das Topinambur-Püree drei Knollen in kleine Stücke schneiden, mit der Sahne kochen und pürieren, salzen und pfeffern. Die anderen Knollen in Alufolie einwickeln und bei 180 Grad für eine Stunde im Ofen backen. Für den Sirup 100 ml Himbeeressig und 40 g Zucker aufkochen, danach abkühlen lassen. Die Jakobsmuscheln zehn Minuten vor dem Braten salzen, dann die Muscheln jeweils nur eine Minute von jeder Seite in Öl anbraten. Butter hinzufügen, dann die braun gewordene Butter mit dem Himbeeressig-Sirup zu einer Sauce vermischen. Die Radieschen aufschneiden, mit Öl und etwas Zucker drei Minuten anbraten. Zuletzt die Zuckerschoten für 20 Sekunden in Salzwasser kochen, damit sie nach Meer schmecken.


Cornelius Seafood Restaurant, Insel Holmen vor Bergen, gebucht wird über die Webseite, per Telefon (0047 56334880 oder per E-Mail an booking@cornelius-restaurant.no)

Rezepte und ihre Geschichten
Alva Gehrmann arbeitet als freie Journalistin für SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von Visit Norway und Visit Bergen.



insgesamt 2 Beiträge
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Celegorm 26.08.2015
1.
Na na, bloss keine Aufregung. Für Leute wie Sie gibt es bei Lidl doch eine Maxi-Packung Press-Fischstäbchen, noch ein Glas Mayo drüber und ein Sixpack Billigbier, fertig ist das nahrhafte Menü für den schön runden, dafür nicht ganz so wählerischen Bauch! Alle anderen, die Qualität und ein gepflegtes Gastro-Erlebnis in einmaliger Lage zu schätzen wissen, dürften hingegen mit dem Cornelius durchaus zufrieden sein - zumindest soferns mal nicht regnet..
Kalle Bond 26.08.2015
2. Keinen langen Schnack ...
.. her mit lecker Fisch! :) Anstatt alter Sprüche lieber noch etwas Dorschfilet extra! Moin heißt das, moin moin ist schon Gesabbel!
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