Bergfotograf Robert Bösch "Sonnenuntergänge sind tabu"

Schroffe Gipfel, düstere Stimmung: Robert Bösch hat das Lebensfeindliche der Schweizer Bergwelt in seinen Fotos eingefangen.

Robert Bösch / NZZ Verlag

Ein Interview von


Zur Person
  • Robert Bösch
    Robert Bösch, geboren 1954 in Schlieren bei Zürich, fotografiert seit mehr als 30 Jahren Bergsteiger, Kletterer und Extremsportler. Er hat zahlreiche Bildbände herausgegeben - über viele Outdoorsportarten, aber auch über verschiedene Industriethemen. Als ausgebildeter Bergführer und aktiver Alpinist nimmt die Bergfotografie einen zentralen Platz in seinen Arbeiten ein.

SPIEGEL ONLINE: Die Landschaften auf Ihren Fotos wirken kühl, schroff, fast bedrohlich. Sollen sie ein Statement gegen die Romantisierung der Bergwelt sein?

Bösch: Ich befinde mich nicht auf einer Mission, falls Sie das meinen. Aber es ist einfach geworden, bei einer tollen Lichtstimmung und einem tollen Motiv ein spektakuläres Foto zu machen, vor allem dank Bildbearbeitungssoftware. Ich wollte eine andere Stimmung schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Passt diese Stimmung zu Ihrem Verständnis der Berge?

Bösch: Ich fühle mich in den Bergen wohl, ich kenne mich aus, habe sehr viel Spannendes dort erlebt. Aber ich weiß auch, dass sie eigentlich ein menschenfeindliches Gebiet sind. Um ihnen zu begegnen, braucht es Respekt. Respekt und Erfahrung.

Fotostrecke

15  Bilder
Bergfotograf Bösch: Schweiz in Schwarzweiß

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Bündner Alpen fotografiert - und schreiben im Vorwort Ihres Buches, dass Sie sich eigentlich gar nicht für diese Berge interessieren. Wie kam es dann zu dieser Entscheidung?

Bösch: Ich wollte mit diesem Bildband etwas tendenziell anderes machen. Es sollte kein Bergsteigerbuch sein, kein Buch, in dem ich die schönsten Berge spektakulär in Szene setze. Ich wollte in einer bekannten Umgebung etwas Neues sehen. Ich wollte den Fokus auf Ansichten richten, die nicht offensichtlich, nicht bekannt sind. Und ich wollte eine besondere Stimmung erzeugen. Das wäre überall gegangen, in jeder Landschaft. So erklärt sich der Widerspruch aus dem Vorwort.

SPIEGEL ONLINE: Und warum haben Sie sich dann den Bergen im Schweizer Graubünden gewidmet?

Bösch: Die haben sich einfach angeboten, weil ich ohnehin oft dort bin. Zur Hälfte wohne ich dort. Und sie waren von der Geografie ideal für mein Vorhaben. Aber das habe ich erst hinterher festgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Warum war die Region so geeignet?

Bösch: Wenn Sie an die Schweiz denken, denken Sie an Berge mit monumentalem Charakter: das Matterhorn, die Dent Blanche, der Eiger. Die Bündner Alpen sind sehr vielfältig, mit vielen Bergen und Tälern, Seen, Gletschern und verschiedenen Gesteinsarten. Es bieten sich dort viele verschiedene Motive an. Aber es gibt keinen Gipfel, der alles dominiert. Das passte gut. Ich suchte einen neuen Blick, neue Bilder.

SPIEGEL ONLINE: Wie entdeckt man "neue Bilder"?

Bösch: Das ist nicht ganz einfach zu erklären. Also - es gibt Bilder, die packen den Betrachter sofort, weil eine Menge darauf passiert. Fotos von Extremsportarten zum Beispiel, vom Bergsteigen. Auf den Bildern aus Graubünden passiert erst mal wenig. Der Betrachter muss sich mit etwas Zeit auf sie einlassen. Und sie funktionieren nicht einzeln, nur als gesamtes Buch. Dafür habe ich anders gearbeitet als sonst.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie vorgegangen?

Bösch: Normalerweise suche ich als Fotograf in den Bergen gezielt nach guten Motiven, lege mir eine Route zurecht und warte auf gutes Wetter. Auf das alles habe ich verzichtet. Ich habe mir einen Camper-Bus gekauft, um auch bei Regen und Nebel oben bleiben zu können. Ich bin einfach losgezogen und habe mich überraschen lassen. Zudem habe ich mit längeren Brennweiten gearbeitet, weniger mit den üblichen Weitwinkelobjektiven. Und: Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge waren tabu.

SPIEGEL ONLINE: So haben Sie eher viel dem Zufall überlassen?

Bösch: Ja, das war mir wichtig. Einmal bin ich zu einem Bergsee hochgestiegen. Die Gegend war trostlos und karg, es lag Neuschnee. Dann aber hat mich eine Stelle überrascht, an der das bläuliche Eis durch den Schnee schimmerte. Das sah spannend aus. Dieses Bild habe ich nur entdeckt, weil ich mich anders verhalten habe als sonst. Bei diesem tristen Wetter hätte ich sonst längst vorher umgedreht.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:48 Uhr
Ohne Gewähr

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Aus den Bündner Bergen: Fotografien

Verlag:
NZZ Libro ein Imprint der Schwabe Verlagsgruppe AG
Seiten:
208

SPIEGEL ONLINE: Wie entdecken Sie Ihre Motive?

Bösch: Das ist die Kunst beim Fotografieren. Egal wo wir sind, wir sehen erst mal keine Bilder. Wir sehen die Welt. Eine Stadt, einen Raum, eine Landschaft. Ein Bild entsteht, in dem ich etwas weglasse, in dem ich einen Ausschnitt wähle. Da hilft zwar meine Erfahrung. Aber diesmal war ich manchmal auch zwei, drei Tage unterwegs, ohne ein gutes Bild mitzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Das kann frustrierend sein.

Bösch: Ja, manchmal war es das. Normalerweise habe ich einen konkreten Auftrag, den ich dann umsetze - wie etwa gerade für einen Bildband über das Matterhorn. Da wusste ich, dass der Berg viele gute Motive hergibt. Bei dem Buch über die Bündner Alpen wusste ich erst ganz zum Schluss, ob das Projekt klappt.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
mimimann 22.12.2016
1. schön !
zum teil tolle bilder, gerade die, die ein bißchen "anders" sind. sehen aus wie abtrakte gemälde und erinnern mich ein bißchen an die späteren naturfotos von stephen shore. kleine freundliche anmerkung: schön auch immer der hinweis, dass man das buch bei amazon bestellen kann. an anderer stelle ist dann ab und zu ein bericht über die dortigen arbeitsbedingungen zu lesen.
achterhoeker 22.12.2016
2. Interessant
Die Schweiz ist immer schön, in Farbe und in Schwarz/Weiss. Aber das ist die dort existierende Natur. Aber das schweizer Wesen in der Welt passt nicht zu diesem Land. Also minimann, beachten Sie das auch falls sie das Buch nicht bei amazon kaufen oder sonstige schweizerische Produkte geniesen.
riedlinger 22.12.2016
3. Absolut großartig!
Ich bin begeistert. Nach Tausenden von Bildbänden, die die Bergwelt idealisieren und verklären, hat es eindlich jemand geschafft, sie realistisch zu zeigen, nämlich un-menschlich und lebensfeindlich - und doch in eindrucksvoller Ästhetik. Robert Bösch hat etwas Neuartiges geschaffen, wozu sicher unglaublich viel Erfahrung, Fleiß und Kreativität gehörten. Großes Dankeschön!
mborevi 22.12.2016
4. Leider ...
... sind die Alpen aber nicht mehr lebensfeindlich und schroff, sondern übererschlossen, benutzt, zerstört. Auch das kann man nicht ignorieren. Sie lebensfeindlich darzustellen scheint mir verlogener als Sonnenintergänge zu zeigen.
ksail 22.12.2016
5.
Zitat von mborevi... sind die Alpen aber nicht mehr lebensfeindlich und schroff, sondern übererschlossen, benutzt, zerstört. Auch das kann man nicht ignorieren. Sie lebensfeindlich darzustellen scheint mir verlogener als Sonnenintergänge zu zeigen.
Das kann nur jemand sagen, der höchstens mal bei schönem Wetter in Kaprun zum Skifahren geht. Mein Tipp: Geh mal bei schlechtem Wetter in die Berchtesgadener oder ins Karwendel. Beides eigentlich gut erschlossen, aber extrem "lebensfeindlich", wenn nicht alles gutgeht. Wenn Du den Respekt vor Deinem Hausberg verlierst, hast Du verloren.
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