See-Apartments in Mazedonien Fluchen unmöglich

Stephan Orth

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Der Taxifahrer nippt an seiner Cola und flucht nicht mehr. Das ist doppelt erstaunlich, zum einen, weil Taxifahrer selten einen Drink angeboten bekommen, wenn sie jemanden zur Unterkunft chauffieren. Und zum anderen, weil ich während der Anreise bei 32 Grad im Schatten ich nicht nur viele Seiten- und Sackgassen von Lagadin am Ohrid-See kennenlernte, sondern auch den gutturalen Charme mazedonischer Schimpfworttiraden. Wir hatten einen Festpreis ausgemacht, deshalb ärgerte er sich fürchterlich über jede Minute, die er bei unserer Irrfahrt zusätzlich unterwegs war.

Das "Robinson Sunset House" liegt ziemlich versteckt, ein Hostel-Betreiber in Tirana hatte mir davon erzählt und es als beste preiswerte Unterkunft der Region angepriesen. Jetzt gibt es also Cola als Begrüßungsdrink, die Zikaden zirpen, der Garten blüht und der Taxifahrer blüht auf. Er vergisst Zeit und Job und bleibt mehr als eine halbe Stunde.

Ein paar Dutzend Höhenmeter über den Beachfront-Einheitshotelreihen, ein paar Kilometer weg von Bettenburgen, die "Granit" und "Beton" heißen und auch so aussehen, liegt das Gartenanwesen der Familie Misevski. "Ich rede gerne mit Menschen", beschreibt Andon Misevski, wenig Haare, viel Bart, seine Motivation, hier Gäste zu beherbergen. Außerdem baut er gerne Häuser, fast jedes Jahr kommt ein neues Apartment für zwei oder mehr Besucher dazu. Zehn Euro kostet die Nacht in den rustikal einfachen, aber gemütlichen Zimmern.

Festmahl mit Raki

Das Robinson House ist keine aufgeräumte Ferienanlage, sondern ein Krimskrams-Anwesen, mit Hängematte und Hollywoodschaukel, mit Geflügel in Käfigen und einem verdreckten Swimmingpool, in den ein künstlerisch veranlagter Gast einen riesigen Hai gemalt hat. Überall steht Zeug herum, Holzfässer, Blumentöpfe, kaputte Gitarren. Dieses Großmutters-Garten-Ambiente könnte bei manchen dafür sorgen, mal ein wenig aufräumen zu wollen. Bei mir dagegen sorgt selten irgendwas dafür, dass ich aufräumen will. Deshalb gesellt sich zu meinem Urlaubsgefühl schnell ein Zuhausegefühl.

Am ersten Abend versammeln sich sämtliche Gäste an einem langen Holztisch zu einem mehrgängigen Festmahl mit frischem Salat und Fleischspießen bis zum Abwinken, dazu gibt es hausgemachten Raki und Balkanpop aus dem Laptop. Später kommt noch ein junger Mann mit Akustikgitarre vorbei, ein Freund der Familie, der als Finalist der TV-Show "Macedonian Idol" 2011 zu einer lokalen Berühmtheit wurde, und spielt ein spontanes Konzert.

Eigentlich wollte ich nur bis zum nächsten Morgen bleiben, doch während der Gartenparty habe ich entschieden, noch zwei Nächte dranzuhängen. Im Robinson House passiert es nicht nur Taxifahrern, dass sie länger verweilen als geplant.



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spon-facebook-10000058738 16.08.2013

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