Rosengarten Pures Glück im Fels

Eine Burg aus Kalkgestein auf einem Sockel aus Almwiesen und dichtem Bergwald – wie geschaffen als Erholungsziel für gestresste Städter. Der Rosengarten in Südtirol ist eines der beliebtesten Dolomiten-Gebiete und eines der eindrucksvollsten Klettersteigreviere Europas.
Von Jutta Mlnarschik

An einem Mittag im August: Stille. Nebelschwaden steigen auf, aus dem Tal zum Berg hinauf, wabern wieder hinunter und zerfließen - lösen sich auf. Legen sich wie feuchte Tücher um die Felszacken und packen die Gipfel in graue Watte. Oben in den Wolken brummt ein Flugzeug und verrät die Existenz einer ganz anderen Welt.

Rosengarten: Panorama (v.l.n.r.) mit Vajolettürmen, Rosengartenspitze (2981 Meter), Tschagerjoch (2630 Meter), Coronelle (2781 Meter), Tschainer Spitze (2810 Meter) und Rotwand (2806 Meter)

Rosengarten: Panorama (v.l.n.r.) mit Vajolettürmen, Rosengartenspitze (2981 Meter), Tschagerjoch (2630 Meter), Coronelle (2781 Meter), Tschainer Spitze (2810 Meter) und Rotwand (2806 Meter)

Foto: Bernhart

So still kann es also sein, im Rosengarten, wenn man nur weiß: Wann man geht und wohin man geht. Denn mitten im August geht es auf einem der beliebtesten Gipfel meist weniger beschaulich zu. "Da sind halt alle da", erklärt uns Dr. Hager von der Alpinen Auskunft in Bozen. "Die Italiener feiern ihren ferr'agosto, die Deutschen haben Sommerurlaub - alle Hütten sind dann gerammelt voll."

Die Gäste, die an einem Augustwochenende von allen Seiten ins Gebiet stiefeln, sind dann im wahrsten Sinne des Wortes unzählig. "Nicht einmal zu schätzen", bekennt selbst Dr. Hager. Die Paolina- Seilbahn liefert immerhin eine Zahl: Rund tausend Menschen im Durchschnitt transportiert sie an so einem Sonntag in die Höhe. Und so mag man es glauben, dass man am Einstieg zum Masare-Rotwand-Klettersteig im Sommer manchmal Schlange stehen muss. Nicht ohne Grund: Die Gegend hat viel zu bieten. Die Natur hat in der Rosengarten-Gruppe so ziemlich alles vereint, was ein Gebirge liebenswert macht: wildes Felsgetürm mit schroffen Zacken, gewaltige Wände und eindrucksvolle Gipfel, tiefe Schluchten und Täler, Pässe und Scharten, Wälder und liebliche Wiesen.

Ein weiterer Grund für die große Beliebtheit ist die Lage. Der Rosengarten ist von allen Seiten in einfachen Anstiegen zugänglich: aus dem Norden von der Seiser Alm über den Molignonpass. Aus dem Westen von Tiers bei Bozen über das Tschamintal oder von der Frommer-Alm über die Rosengartenhütte. Im Süden führt ein Weg vom Karerpass zur Paolina-Hütte. Und im Osten steigt man vom Fassa- ins Vajolettal auf. Zehn tadellose Hütten sorgen für einen komfortablen Aufenthalt, und originell angelegte "Vie ferrate" mit kurzen Zu- und Abstiegen machen den Rosengarten zu einem der eindrucksvollsten Klettersteigreviere Europas. Und das lockt viele an. Doch auch für die Einsamkeitssucher bleiben ein paar Fleckchen: Wer partout keine anderen Menschen sehen möchte, der ist beispielsweise mit dem Scalette-Weg oder dem Laurenzi-Klettersteig gut beraten. Kletterer finden an der Rosengartenspitze, in der König-Laurins-Wand und an den berühmten Vajolettürmen auch größere Herausforderungen.

"Sssst" macht der Karabiner

Wenn man an der Paolina-Hütte startet, kann man sich am gleichnamigen Höhenweg auf die sagenhafte Felsenwelt einstimmen. Wie ein Trennstrich verläuft der Weg zwischen grauem Steinmassiv und grünen Buckelwiesen. Nebelschleier hängen wie dicke Spinnweben an den hohen Zinnen, das Zwielicht lässt die Wiesen unwirklich schimmern. Schafe trotten über den Weg, Felsbrocken liegen über den Hang verstreut.

Eineinhalb Stunden später geht es los mit dem Santnerpass-Klettersteig: Der Bozner Bergsteiger Johann Santner hatte den Durchstieg 1878 entdeckt, und als Ende des 19. Jahrhunderts Klettersteige in Mode kamen, wurde der Weg mit Eisen und Draht versichert. 300 Meter Stahlseil führen am Santnerpass den Fels entlang nach oben, blank polierte Tritte und Griffe verraten die Beliebtheit dieses Steigs. Heute jedoch ist kein Mensch unterwegs, und kaum ein Geräusch durchbricht die Stille. "Sssssst" macht der Karabiner, wenn er am Draht entlang nach oben sirrt, "klack-klack" scheppert er beim Aus- und Einklinken an den Bohrhaken.

Hier und da öffnet sich ein Spalt in dem massigen Felsgewirr, lässt den Blick in die Tiefe fallen, und man fühlt sich selbst ganz zwergenhaft. Irgendwann - unzählige Seilstücke und eine lange Leiter, viele Kamine und Spalten, Risse und Durchstiege später - weitet sich die Enge. Noch eine Kurve, eine kurze Steilstelle, dann ist die Santnerpass-Höhe erreicht. Die König-Laurins-Wand leuchtet hellgrau in der Mittagssonne und 1700 Meter weiter unten leuchten die Wanderberge des Tierser Tals.

Wenn Klettersteige Normalbergsteigern den Eintritt in die Felsenwelt ermöglichen sollen - beim Santnerpass trifft das ohne Zweifel zu. Mit der entsprechenden Ausrüstung können ihn selbst Neulinge begehen, vorausgesetzt sie sind trittsicher, schwindelfrei und konditionell dazu in der Lage. Aber: "Immer wieder kommen sie mit schlechten Schuhen und 'senza niente' - ohne irgendwas - und laufen einfach hinein", klagt die junge Wirtin der Santnerpass-Hütte. "Aber wenn man was sagt, wird man nur beschimpft, und sie machen doch, was sie wollen", erklärt sie. Der Hubschrauberlandeplatz oberhalb der Hütte lässt vermuten, wie manch einer den Klettersteig dann wieder verlässt. Kuno schaut in den wolkenverhangenen Himmel: Ein Gewitter ist nicht weit. Doch was soll man machen? Auch er hat gelernt, dass Einmischen nichts bringt. In den Bergen muss jeder selbst wissen, was er kann. Und wenn er's nicht weiß, wird er sich auch nichts sagen lassen.

Plötzlich ist er da, der Flow

Bergsteiger, die Eisen am Berg nicht mögen, können ihre Kraft und Geschicklichkeit an der Rosengartenspitze erproben: Die Tour bietet leichte Kletterei im zweiten und dritten Schwierigkeitsgrad. Ohne Stahlseil zum "Reinhängen", ohne Eisenkrampen und -leitern für die Füße. Alles, was zählt, sind der Fels und der eigene Körper. Ein kleines Loch für die Finger, ein Vorsprung für die Hand, hier ein Kamin zum Einspreizen, da ein Vorsprung, um sich draufzustellen. Der nächste Griff mit klammen Fingern, der nächste Tritt mit den plötzlich allzu klobig wirkenden Bergstiefeln.

Schon nach den ersten Seillängen wird der Kopf frei, der Körper geschmeidig, und plötzlich ist er da, der Flow: Das perfekte Zusammenspiel von Körper und Geist, das pure Glück im Fels. Und fast ebenso plötzlich steht man dann oben: 2981 Meter über dem Meer, auf dem Wahrzeichen des Rosengarten. Die Vajolettürme und die Laurinswand strahlen hellgrau in der Morgensonne, im Hintergrund zerfließt das Grün der Bergkuppen. Wolkenschatten fliegen über einen Schutthang, Nebelfetzen steigen neben dem Gipfel auf, als würden Spinnweben von einem riesigen Ventilator nach oben geblasen.

Der Abstieg von der Rosengartenspitze ist dank mehrerer Abseilpassagen unkompliziert. Und weil der Apfelstrudel so gut ist, sollte man nach der Tour noch mal in der Hütte am Santnerpass rasten. Specksemmel, Spaghetti Bolognese und Grappa sind dort übrigens ebenso zu empfehlen. Überhaupt liegen die Hütten hinter dem Santnerpass wie die Raststätten an der Autobahn. Kurz nach der Santnerpass-Hütte, und nur hundert Meter tiefer, liegt bereits die Gartl-Hütte, ein lebendiges Haus mit einem lustigen und multikulturellen Team. Da sitzen sie schon und warten auf das Abendessen: Sie spielen Karten, schmökern in Wanderführern oder stehen vorm Hauseingang unter nepalesischen Gebetsfahnen und sehen den letzten Kletterern zu, wie sie sich eilig von den nebelumwaberten Vajolettürmen abseilen.

Und wer nach der Tour über die Rosengartenspitze noch ein wenig tiefer schlafen will, kann noch zur Vajolet-Hütte absteigen: Das dauert auch nur eine Dreiviertelstunde. Die Vajolethütte ist die bekannteste und bestbesuchteste Hütte in der Rosengartengruppe. Sie ist vom Fassatal fast komplett auf einem Fahrweg erreichbar, und am Wochenende pilgern die Ausflügler in Scharen das letzte Stück Forststraße hinauf. Die Hütte ist gerüstet. "9 tipi di torte, Krapfen e 4 tipi di pane" - neun Kuchensorten, Krapfen und vier Brotsorten - preist eine handgeschriebene Tafel an.

Wer von der Vajolet-Hütte kommt und den Masare-Rotwand-Klettersteig, die beliebteste "Via ferrata" des Gebiets, auf dem Tourenplan hat, der muss den halben Rosengarten per Höhenweg durchqueren. Ein gutes Stück geht es von Nord nach Süd, unterhalb der Rosengartenspitze und des Tschager Jochs entlang zum Cigoladepass hinauf, und von dort wieder hinab, an der Rotwand vorbei zur gleichnamigen Hütte. Kein Problem und eine wunderschöne Tour.

Gedenktafeln für Verunglückte, Madonnen für die Kletterer

Der Masare-Rotwand-Klettersteig wurde in den 80er Jahren aus rein touristischen Motiven eingerichtet: Um dem Rosengarten eine weitere Attraktion hinzuzufügen. Seitdem ist er einer der beliebtesten, und damit auch überlaufensten Wege des Gebiets. Doch wer auf dem Rotwandhaus übernachtet und um 8.30 Uhr, wenn die Paolina-Bergbahn die ersten Tagesgäste nach oben schaufelt, schon am Einstieg steht, der wird mit Menschenmassen selbst im Hochsommer kein Problem haben.

Der Steig beginnt, wie so oft, mit einer Schlüsselstelle. Am senkrechten Fels geht es nach oben, Tritte und Griffe sind sparsam verteilt. Als wolle der Berg prüfen, wer seines Reiches würdig ist. "Seid vorsichtig, aufmerksam und ausdauernd. Nur wer nach meinen Regeln spielt, wird meinen Garten betreten und unverletzt verlassen", scheint er zu mahnen. Nur das übliche "sssssssst, klack-klack" der Karabiner und Kunos knappe Anweisungen durchbrechen die Stille.

Es geht bergauf und bergab, um Felsnadeln herum, in Kaminen hinauf und in Scharten hinab, vorbei an Gedenktafeln für Verunglückte und einer kleinen Madonnenfigur, die für die Lebenden betet. Beeindruckende Tiefblicke rauben den Atem. Und hätte man nicht das Stahlseil als Handlauf, man würde sich im Felsgewirr heillos verstricken. Doch so leitet der "seidene Faden" sicher weiter, die Turnerei bereitet kindliches Vergnügen, und schon steht es da, das mit Steinbrocken gefüllte Drahtkreuz am Rotwandgipfel.

Jetzt eine Brotzeit, ein Nickerchen - pures Gipfelglück. Der Abstieg über den Nordgrat ist nur mehr "Schaulaufen" am Seil, bietet mehr Panorama als Schwierigkeit. Und bald künden kleine Figuren unten am Weg von der Rückkehr in die Welt der Wanderer. Ihre bewundernden Blicke wecken ein kleines Gefühl von Stolz und Überlegenheit, und im Stillen dankt man denen, die einst den Klettersteig erfanden.

Der vielleicht berühmteste Bergsteiger der Welt, Reinhold Messner, war zwar lange Zeit ein Gegner dieser Form des Kletterns. Vermutlich empfand er die Unterstützung des Bergsteigers durch technische Hilfsmittel als unlauteren Wettbewerb. Doch die glücklichen Gesichter der Klettersteiggeher scheinen ihn doch umgestimmt zu haben: "Wer so ergriffen ist, dem kann man das Erlebnis Berg nicht abspenstig machen", gestand er irgendwann. Ob er immer noch so denken würde, wenn er wüsste, dass manch einer die Ruhe am Gipfel am liebsten in der Hosentasche mitgehen lassen würde?

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