Inselurlaub in Nordirland Ruhig, ruhiger, Rathlin

Hundert Einwohner, 30 Gästebetten, drei Leuchttürme: Rathlin ist die nördlichste der nordirischen Inseln. Ein perfekter Ort für alle, die wiederfinden wollen, was ihnen im Alltag fehlt - Zeit. Und die ist auf Rathlin eine wichtige Währung.

TMN / Northern Ireland Tourist Board / Brian Morrison

Auf Rathlin scheinen die Uhren irgendwie anders zu gehen. Angenehm langsamer. Ob dafür die fast mystische Stille verantwortlich ist, die über dieser Insel liegt? "Nein, wir haben den Wind, das Geräusch der Wellen und die vielen Vogelstimmen. Von Stille kann man also nicht wirklich sprechen", sagt Teresa McDaid. "Aber solch eine friedliche Stimmung habe ich anderswo noch nicht gefunden."

Vor eineinhalb Jahren hat sich die 56-Jährige von ihrem hektischen Leben als Lehrerin in London verabschiedet und in der Einsamkeit von Rathlin Island wiederentdeckt, was ihr lange Jahre fehlte: Zeit. Um nachzudenken, sagt sie. Um zu sich selbst zu finden. Um sich vergessener Fähigkeiten neu bewusst zu werden.

Ganz ähnliche Gefühle mögen Urlauber empfinden, die den Weg auf die nördlichste der nordirischen Inseln gefunden haben. In einer Dreiviertelstunde hat die winzige Fähre vom Festland übergesetzt. Das Auto bleibt am Ablegeort Ballycastle zurück - und das ist gut so. Auf Rathlin ist man am besten zu Fuß unterwegs. Nur wenige Schritte sind es von der Anlegestelle im Hafen zum "Manor House", das von Teresa und ihrer Freundin Alison McFaul betrieben wird.

Robben, Schnepfen und Papageientaucher

In ihrem Gästehaus darf man der mehr als 250-jährigen Geschichte eines traditionsreichen ehemaligen Herrensitzes und längst vergangenen Tagen nachspüren. Hier sind in früheren Zeiten schon Geisterjäger ihrem Handwerk nachgegangen, wenn auch erfolglos. So erzählt man es sich jedenfalls unter den McFauls, McCurdys, McGuaids, Blacks und anderen alteingesessenen Familien. Heute gibt es auf der Insel, die von nur noch rund hundert Einheimischen bewohnt wird, gerade einmal 30 Gästebetten.

Ebenfalls völlig entspannt: eine Rathliner Robbe
TMN / Northern Ireland Tourist Board / Brian Morrison

Ebenfalls völlig entspannt: eine Rathliner Robbe

Eine erste Wanderung führt vom Hafen in Richtung Süden, zu einem der drei Leuchttürme der Insel. Hier begegnen der Urlauber Dutzenden Robben, die sich auf Sandbänken sonnen, hoppelnden Hasen, Kiebitz, Schnepfe und wilden Orchideen - aber kaum einem Menschen.

Für Liam McFaul - Alisons Ehemann - hat sich die Frage nach einer Auswanderung nie gestellt. Er und Rathlin sind eins - daran lässt er keinen Zweifel. Als Mitarbeiter der Königlichen Vogelschutzgesellschaft hat er nicht nur das Brutverhalten der verschiedenen Spezies im Blick, sondern auch die Zukunft der Insel: "Ich glaube, die Perspektiven sind gut. Die Erkenntnis, dass es Naturparadiese wie Rathlin Island zu bewahren gilt, hat bei vielen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten eindeutig zugenommen", sagt er während einer Rundwanderung zu den Brutplätzen auf den zerklüfteten Felsen ganz im Westen.

Zeit für eine Pause und einen Absacker in McCuaigs Bar - abendlicher Treffpunkt für Einheimische und Touristen. Zeit auch für blumige Geschichten: Man erzählt sich von König Robert the Bruce, der Anfang des 14. Jahrhunderts im Exil auf Rathlin angesichts seiner vermeintlich aussichtslosen Situation fast verzweifelt wäre, hätte er nicht einer Spinne zugesehen, wie sie ihr Netz erst beim siebten Versuch erfolgreich zu spinnen in der Lage war. Das war ihm Antrieb genug, es noch einmal zu wagen, und Schottland im siebten Anlauf von England und seinen Alliierten zu befreien.

Vom Nobelpreisträger Guglielmo Marconi wird erzählt, der Ende des 19. Jahrhunderts eine erste Funkverbindung zwischen dem Festland und Rathlin zustande brachte. Oder vom Milliardär Richard Branson, dem wohl berühmtesten neuzeitlichen Besucher der Insel, der 1987 nach der ersten Atlantiküberquerung mit einem Heißluftballon vor Rathlin eine Bruchlandung hinlegte.

Einer seiner damaligen Retter war Neil McFaul. Jener Neil, dessen Tochter Emma vor knapp fünf Jahren eine Lücke in der Angebotspalette der Insel geschlossen und mit Emma's Chip Ahoy den einzigen Schnellimbiss der Insel eröffnet hat.

Es gibt Fish and Chips in unterschiedlichen Variationen - allerdings nur stundenweise und meist nur auf Vorbestellung. In die Pfanne kommt, was der Vater am selben Tag im Meer gefangen hat.

Frischen Hummer zum Abendessen

Die zweistündige Bootstour am Nachmittag zeigt die Insel aus einer anderen Perspektive. Neffe Fergus McFaul steuert sein Motorboot in Küstenregionen, die gute Blicke auf die Brutkolonien der Seevögel und die Felsformationen erlauben.

Es ist ein beschaulicher Tag, der auf Rathlin zu Ende geht - kaum ein Tropfen Regen, maximal 17 Grad und damit für nordirische Verhältnisse fast perfektes Frühsommerwetter. Teresa sitzt im Liegestuhl vor dem Manor House und strahlt: "Es ist ein großes Privileg, hier leben zu dürfen." Der Gast darf sich zum Abendessen auf eine Spezialität freuen: frischen Hummer. Gefangen von Benji - Fergus' Bruder, Liams und Neils Neffe und Emmas Cousin. Einer der McFauls eben. Und einer der letzten Fischer auf Rathlin Island.

Brigitte Geiselhart/dpa/ele



insgesamt 3 Beiträge
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mcpoel 28.05.2015
1. Schön aber unter Kontrolle
NI ist landschaftlich schön. Es steht allerdings unter totaler Kontrolle: An fast jeder Straßenkreuzung steht ein Mast mit zwei kleinen Kameras, die Nummernschilder lesen, diese für zwei Jahre zentral abspeichern- jedes Mal wenn ein Fahrzeug daran vorbei fährt- ganz ohne Verdacht. ANPR ist das Stichwort. Es erstellt komplette Bewegungsprofile, mitsamt Besitzer- und Versicherungsdaten mit gelisteten Fahrern!
hektor2 28.05.2015
2. Thema
Zitat von mcpoelNI ist landschaftlich schön. Es steht allerdings unter totaler Kontrolle: An fast jeder Straßenkreuzung steht ein Mast mit zwei kleinen Kameras, die Nummernschilder lesen, diese für zwei Jahre zentral abspeichern- jedes Mal wenn ein Fahrzeug daran vorbei fährt- ganz ohne Verdacht. ANPR ist das Stichwort. Es erstellt komplette Bewegungsprofile, mitsamt Besitzer- und Versicherungsdaten mit gelisteten Fahrern!
Was hat das jetzt mit dem Reisebericht zu tun? - Genau! Nichts!
honourary_scouser 29.05.2015
3. Rathlin ruhig, auf jeden Fall
Ich war mehrmals auf Rathlin und kann dem Beitrag nur zustimmen. Dies ist tatsächlich ein wunderschönes Fleckchen Erde. Mai bis September ist die beste Zeit, einen Besuch zu planen. Was die angebliche Überwachung angeht - aufgrund der Abwesenheit von Straßenkreuzungen auf Rathlin sollte dies kein Grund sein, die Insel nicht zu besuchen. Diese sogenannte Überwachung gibt es allgemein in UK. Andere Länder, andere Sitten.
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