Sanary-sur-Mer Paradies wider Willen

Mann, Feuchtwanger, Brecht und Werfel - sie und Dutzende andere deutsche und österreichische Künstler fanden ab 1933 Zuflucht in Sanary-sur-Mer, einem idyllischen Hafenort zwischen Marseille und Toulon. Ein Rundweg mit 40 Infotafeln führt Touristen auf ihre Spuren.

Sanary-sur-Mer - Für Thomas Mann war Sanary-sur-Mer die "glücklichste Etappe" seines Exils, Lion Feuchtwanger schrieb in dem Provinzstädtchem am Mittelmeer seinen Roman "Die Geschwister Oppermann", und Bertolt Brecht klimperte in einem der Hafencafés auf der Gitarre und sang Spottlieder über Hitler und Goebbels. Wie sie flüchteten ab 1933, nach der Machtergreifung Adolf Hitlers, viele deutsche und österreichische Künstler in den Hafenort. Inzwischen strömen Touristen nach Sanary-sur-Mer, das für den Philosophen Ludwig Marcuse die "Hauptstadt der deutschen Literatur im Exil" war.

Dass ausgerechnet das damals verschlafene Fischernest so viele namhafte Künstler anzog, ist zum einem wohl Thomas Mann zu verdanken: Er kam mit seiner Familie als einer der Ersten, bereits im Mai 1933, auf den Rat seines französischen Freundes Jean Cocteau - und zog andere nach sich. Viele Exilanten hatten Geldprobleme, und der kleine Provinzort war viel billiger als Paris.

Die verhältnismäßig glücklichen Jahre der Flüchtlinge in Sanary-sur Mer waren aber gezählt: Als Reaktion auf Hitlers Angriffskrieg gegen Polen ordnete Frankreich im September 1939 die Internierung der deutschen Exilanten an. Hermann Kesten wurde mit rund 20.000 anderen in ein Sportstadion bei Paris gepfercht, Feuchtwanger kam in das Lager Mes Milles in Südfrankreich. Beide hatten Glück im Unglück: Wie die Familie Mann, Brecht, Werfel und viele anderen konnten sie in die USA fliehen.

Touristen suchen die Spuren der Literaten

Nach dem Krieg fiel über diese Epoche, während der die Einwohner dem Städtchen den Spitznamen "Sanary-les-Allemands" (Sanary, die Deutschen) gegeben hatten, der Schleier des Verdrängens. Erst Manfred Flügges Essay "Wider Willen im Paradies" rief in Erinnerung, wie viel die deutsche Literatur dem Hafenort verdankt. Seit etwa einem Jahrzehnt strömen Deutsche und Österreicher in das Städtchen. Sie suchen nicht nur Sonne und Meer, sondern wollen auch auf den Spuren des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann und seiner Exilgefährten wandern.

Dies können sie nun ganz gezielt tun: Angesichts des wachsenden Interesses richteten die Tourismusbehörden einen Spazierweg ein, auf dem rund 40 Tafeln über das Leben und Wirken der berühmten Flüchtlinge informieren. Die rund sechs Kilometer lange Route führt etwa zur Villa Valmer, wo "Exil"-Verfasser Lion Feuchtwanger und seine Frau Martha gerne Salon hielten. Oder zu den Hafenkneipen "Le Nautique" und "La Marine", wo sich die Vertriebenen oft zu einem Gläschen Wein trafen und Brecht seine Spottlieder zum Besten gab.

Mit von der Runde war der Journalist und Autor Kesten, der seine Erinnerungen in dem Buch "Kaffeehauspoet" festhielt. "Wenn man im Exil lebt, wird das Kaffeehaus gleichzeitig das Familienhaus, das Vaterland, die Kirche und das Parlament, eine Wüste und ein Wallfahrtsort, die Wiege der Illusionen und der Friedhof ... im Exil ist das Kaffeehaus der einzige Ort, wo das Leben weitergeht."

Zeitgenössische Fotos in der Mediathek

Über einen steil ansteigenden Weg kommt der Spaziergänger auch zur Villa La Tranquille, wo Thomas Mann an seinem Roman "Joseph und seine Brüder" arbeitete. Seine Kinder Erika und Klaus Mann zogen das Hôtel de la Tour am Hafen vor. Eine Tafel gedenkt 36 deutscher und österreichischer Schriftsteller, die "auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Sanary-sur-Mer zusammentrafen". Die Liste reicht von Brecht bis Stefan Zweig, über Namen wie Egon Erwin Kisch, Golo Mann, Ludwig Marcuse, Joseph Roth, Franz Werfel oder Arnold Zweig.

Wer noch mehr wissen will, findet in der örtlichen Mediathek Kopien von zeitgenössischen Dokumenten und Fotos. Diese sollen bald in einer Dauerausstellung im Kulturzentrum "La Flotte" gezeigt werden. Das Fremdenverkehrsamt hält auch eine deutschsprachige Broschüre bereit, die an das Leben der Exilanten in ihrem "Paradies wider Willen" erinnert.

Von Renaud Lavergne, AFP