Schneechaos in Frankreich Bahnreisende erleben 27-stündige Horrorfahrt

600 Bahnreisende in Frankreich erlebten kurz nach Weihnachten Stop-and-go der extremen Art. Auf der Strecke von Straßburg nach Nizza musste der Zug immer wieder anhalten. Schneewetter, Personalmangel und eine defekte Lokomotive sorgten für einen Zwangsstopp nach dem anderen.

SNCF-Züge in Frankreich: Odyssee für Hunderte Passagiere
dpa

SNCF-Züge in Frankreich: Odyssee für Hunderte Passagiere


Straßburg - Das Schneechaos hat Europa fest im Griff, in Frankreich war bei 600 Bahnreisenden vor allem gutes Sitzfleisch gefragt: Eine eigentlich elfstündige Bahnfahrt zwischen Straßburg und Nizza wurde für sie zu einer etwa 27-stündigen Odyssee. Die französische Staatsbahn SNCF sprach am Montag von einer Verkettung unglücklicher Umstände, Verkehrsministerin Nathalie Kosciusko-Morizet von einer "geradezu unglaublichen Verspätung"; die Gewerkschaft SUD-Rail führte die extreme Verspätung auf die Sparpolitik bei der SNCF zurück.

Der Nachtzug war am Sonntagabend um 21.30 Uhr planmäßig von Straßburg losgefahren. Ein Teil des Zuges sollte nach SNCF-Angaben eigentlich am Montagmorgen gegen 8.30 Uhr im spanischen Grenzort Port Bou eintreffen, der andere Zugteil im südfranzösischen Nizza. Stattdessen brauchte der Zug mehr als 24 Stunden, um wenigstens in die Nähe seiner Zielorte zu kommen.

Fehlende Lokführer, angetrunkene Fahrgäste, verdreckte Toiletten

Zu einer ersten Verzögerung war es gekommen, als der Lokführer im ostfranzösischen Belfort den Zug verließ. Er habe sein Stundensoll ausgeschöpft und aus Sicherheitsgründen nicht weiterfahren dürfen, sagte eine SNCF-Sprecherin. Da es in Belfort keinen einsatzbereiten Lokführer gegeben habe, sei eigens einer aus Lyon angereist - mit einem anderen Zug. Er habe das Kommando am Morgen übernommen. In Belfort gab es überdies einen Polizeieinsatz, weil zwei oder drei angetrunkene Fahrgäste Mitreisende belästigt hatten.

Nach der Abfahrt aus Belfort mussten die Passagiere erneut stundenlang warten, weil die Gleise durch einen Regionalzug blockiert waren, möglicherweise aufgrund der schweren Schneefälle. Nach mehreren Pannen steckten die Waggons samt Fahrgästen am Nachmittag erneut fest - diesmal bei der Ortschaft Tournus im Burgund, knapp 400 Kilometer südlich von Straßburg.

Zur Begründung habe die SNCF gesagt, die Lokomotive müsse ausgetauscht werden, berichtete Ralph Lidy, einer der hartgeprüften Passagiere. Er war mit seiner Frau und seinen Kindern im Alter von acht und elf Jahren unterwegs und berichtete, dass die Zugtoiletten zu verdreckt gewesen seien, um sie zu benutzen. Außerdem hätten die Fahrgäste nichts zu essen und zu trinken bekommen. Am Nachmittag war laut SNCF nur etwa die Hälfte der Reisenden mit einer Mahlzeit versorgt worden.

Die französische Bahn verspricht Entschädigung und Gratistickets

Ein anderer Reisender berichtete, die Temperaturen in dem Zug seien unter den Gefrierpunkt gefallen, da zeitweise Heizung und Strom ausgefallen seien. Einige Passagiere seien einem "Nervenzusammenbruch nahe" gewesen.

"Das Verwirrendste war, dass man im Zug niemanden von der SNCF gefunden hat, der uns sagen konnte, was los ist", sagte Anaïs Guthleben. Der Fahrgast Franck Asparte berichtete, eine Anwältin habe die Kontaktdaten von etwa 300 bis 400 Passagieren aufgenommen, um eine Klage gegen die SNCF vorzubereiten.

Am Abend durften in Lyon 240 Passagiere eines Sonderzuges nach Port Bou gehen. Zudem wurden einige Dutzend Fahrgäste ins südfranzösische Perpignan gebracht, rund 40 Kilometer von Port Bou entfernt. Die rund 360 Fahrgäste mit dem Reiseziel Nizza setzten ihre Fahrt bis nach Mitternacht in dem Pannenzug fort.

Die Staatsbahn sprach von einer "außergewöhnlichen Aufeinanderfolge von Zwischenfällen" und sagte den Betroffenen eine Entschädigung sowie Gratisfahrkahrten für eine Hin- und Rückfahrt zu. Verkehrsministerin Nathalie Kosciusko-Morizet sagte dem Sender RTL, dies sei "das Mindeste". Schließlich gehe es um eine Verspätung, die "haarsträubend" sei.

luk/fdi/AFP/dpa

insgesamt 4 Beiträge
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Lady Wanda, 27.12.2010
1. Immerhin...
eine Mahlzeit für die hungrigen Reisenden und Kostenerstattung ohne großes Getue und Rumgefeilsche... die Bahn AG kann sich von der SNCF eine dicke Scheibe abschneiden. Denn Kundenfreundlichkeit ist hierzulande ja leider noch ein Fremdwort
mistersteve 27.12.2010
2. Na und?
Soeben Nachricht von Frau und Kind erhalten: Nach sage und schreibe 13 Stunden sind die 480 km Fahrstrecke von Stuttgart nach Chemnitz glücklich geschafft - inkl. 2 Zugpannen, Wartezeiten, Nicht- bzw. Desinformationen am Zwangspausenbahnhof im Vogtland usw. usw. Und die, die nach Berlin weitermussten, dürfen über Nach ausharren, und wer nach Görlitz weiterwollte, durfte ab Dresden in die Bmmelbahn umsteigen und danch mit dem Taxi durch die nächtliche Lausitz den letzten Teil der Reise antreten. Wenn ich da die 13 Stunden für die 480 km von Stuttgart nach Chemnitz in Relation zu den 19 Stunden für die ca. 950 km von Paris nach Nizza setze, dann ist die Fahrdauer Richtung Nizza doch VERNACHLÄSSIGENSWERT! Ganz abgesehen davon, dass die, die (wie oben gesagt) für die 700 km bis Berlin (auch noch viel weniger als die Strecke Paris-Nizza) wegen der Zwangsübernachtung locker die 24-Stunden-Marke knacken dürften. Also bloß bitte keine Ablenkungsmanöver. So schnell toppen die Franzosen die Deutsche Bimmelbahn mit ihrem Murks dann doch nicht!!! we
alfredtina 28.12.2010
3. ich hier bin in
Zitat von sysop600 Bahnreisende in Frankreich erlebten kurz nach Weihnachten Stop-and-go der extremen Art. Auf der Strecke von Straßburg nach Port Bou*musste der Zug immer wieder anhalten. Schneewetter, Personalmangel und eine defekte Lokomotive sorgten für einen Zwangstopp nach dem anderen. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,736757,00.html
[QUOTE=sysop;6861578]600 Bahnreisende in Frankreich erlebten kurz nach Weihnachten Stop-and-go der extremen Art. Auf der Strecke von Straßburg nach Port Bou*musste der Zug immer wieder anhalten. Schneewetter, Personalmangel und eine defekte Lokomotive sorgten für einen Zwangstopp nach dem anderen./QUOTE] Uk, South-Central, noch gut weggekommen, habe aber nach lesen von Spon und sehen von dt. TV den Eindruck gewonnen, dass alles das NUR in D. passiert, nirgendwo anders, weil alles in D. S.... und sowieso nur nur der Mehdorn, die Merkel usw. usw. usw. The gras is always greener... even if I don't no it. Ich bin Deutsche, habe lange in verschiedenen Laendern gewohnt und gearbeitet Ich habe Eltern, Freunde, Familie in D. Was fuer Menschen schreiben in Spon? Alles ist schlecht? wenn ich in D. war ( in den letzten 18 Mon. sehr haeufig), hatte ich immer den Eindruck eines wohlhabendenden Landes,. P.S. Ich war in OWL
FTAASO 28.12.2010
4. Schnee?
Wenn ich den Artikel so lese, hat der Zug rund 8 Stunden auf einen Lokführer gewartet, Fahrgäste haben randaliert, "möglicherweise aufgrund der schweren Schneefälle" blockierte ein Regionalzug, die Lok war defekt... Keine Frage - jämmerliche Leistung der SNCF. Aber "Schnee" muss man da schon regelrecht suchen.
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